Interessantes zum Thema Gesellschaftspolitik

Traditionen sind manchmal überholt und langweilig oder liebgewonnen und nicht mehr weg zu denken. Zu zweiterem gehört die Integrations-Weltmeisterschaft in Salzburg. Eine typische Wirtshausgeschichte vor einigen Jahren hat zum größten Amateur- Fußballereignis in Salzburg geführt. Heuer sind 48 Mannschaften dabei. Von Albanien über Mongolei bis zum Vatikan. Hunderte Spielerinnen und Spieler, unzählige Zuschauer und ein Traumwetter.

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Eröffnung mit einem interreligiösen Gebet

 

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Lamin und Erwin Himmelbauer

Der beste Mix für ein Miteinander voller Spaß, Respekt und Lebensfreude. Und natürlich auch ein bisserl Sport. Was Thomas Ebner und Erwin Himmelbauer mit vielen ehrenamtlichen Helfern auf die Füße stellen sucht seinesgleichen. Wie oft jammern wir, dass Integration ja nicht gelingt. Die wollen nicht, wer immer DIE ist und was immer mit WOLLEN gemeint ist. Das gefällt mir an der Integrations-WM. Es ist so leicht miteinander ins Gespräch zu kommen, sprachliche, kulturelle und religiöse Grenzen zu überwinden. Der Mittler ist der Fußball, aber es entstehen dabei so viele Kontakte und Freundschaften, die über das Fußballspiel hinausgehen.

Und in Zeiten, wo Flüchtlinge wieder einmal im Mittelpunkt des medialen Interesses stehen tut es gut ihnen einfach als Menschen zu begegnen. Denn im Kontakt bauen wir die Vorurteile und Ängste ab.

Danke an alle Integrations-WMler, die organisieren, helfen, mitmachen oder einfach nur zuschauen.

Ihr seid ein großes Beispiel, wie wir friedlich und respektvoll miteinander leben können!

Danke dafür!!!

 

von Michael König

Was würde ich eigentlich tun, würde mich die Not wochenlang zum Betteln zwingen, 1000 Kilometer entfernt von Salzburg in einer bulgarischen Stadt? Ich würde versuchen, für mein psychisches Überleben mit Menschen zu reisen, die mir vertraut sind und deren Sprache ich spreche. Ich würde versuchen, mit ihnen einen Schlafplatz zu organisieren. Ich würde mich mit ihnen am Abend treffen wollen. Ich würde organisieren, dass jemand das Geld meiner Gruppe einsammelt, damit es bei Polizeikontrollen wegen des Verdachtes von organisiertem Betteln nicht abgenommen wird. Das alles wäre Ausdruck eines gesunden Überlebenswillens und von sozialen Kompetenzen.
Das wenige, das man landläufig von den bettelnden Menschen aus südosteuropäischen Ländern weiß oder vermutet, ist, dass viele gemeinsam mit einigen Familienangehörigen, Freunden oder Nachbarn die lange Anreise organisieren. Und um nicht in völliger Isolierung wochenlang alleine auf den Straßen von Salzburg, Wien, Graz oder Linz Beschäftigung zu suchen oder zu betteln. Sie scheinen sich auch bei der Aufteilung der Bettelplätze in irgendeiner Form abzustimmen. Manche organisieren auch ihre Schlafplätze, in ihren Autos oder unter regengeschützten Brücken.
Viele dieser Notreisenden scheinen in der Erfahrung starker familiärer Bande ihr psychisches und soziales Überleben in der Fremde zu sichern. Eine extreme Notsituation stärkt familiäre Bande. Not hält Menschen zusammen. Jeder kennt aus eigener Erfahrung, wie wichtig tragende solidarische menschliche Bindungen gerade in Krisen- und Notzeiten sind. Bettlern und Bettlerinnen im gesellschaftlichen Diskurs in Würde zu begegnen heißt, sie nicht nur als arme Menschen zu sehen: sie sind auch Menschen mit Kompetenzen, die ich  würdigen kann.

Vierter Gedanke

Und wieder einmal durfte ich als Politikerin bei einem Termin beeindruckende Menschen kennenlernen. Ich war heute bei der Jahrestagung der Anonymen Alkoholiker. Tausende trockene Alkoholiker, Angehörige, Kinder. Die Salzburg Arena war voll.

Man spricht sich nur mit dem Vornamen an, klarerweise, sonst wären sie ja nicht die Anonymen Alkoholiker. Man stellt sich so vor, ob in einer Gruppe oder auf der Bühne vor tausenden Menschen:

Ein Mann sagt: Ich heiße Kurt, bin trockener Alkoholiker.

Tausende oder einige sagen: Hallo Kurt!

Kurt sagt: Hallo Freunde!

Ich habe mich so vorgestellt: Ich heiße Anja. Ich bin Politikerin. Es folgte schallendes Gelächter und ein tosender Applaus.

Und es war mir dann ein großes Anliegen den Tagungsteilnehmern meinen Respekt zu zollen. In unserer Welt, die an jeder Straßenecke, in jedem Supermarkt, bei jeder Party, bei allen Feierlichkeiten und allen nur erdenklichen Anlässen mit Alkohol lockt, ist trockener Alkoholiker  bleiben wohl eine der größten Herausforderungen. Diese Woche stand wieder mal in den Medien, dass Österreich in der Europäischen Union den dritthöchsten Alkoholkonsum aufzuweisen hat. Ja, Alkohol gehört zu unserem Leben dazu. Wie bei jeder Droge ist die Abhängigkeit auch bei Alkohol oft schnell erreicht. Von Alkohol loszukommen ist dann umso schwieriger, gerade weil Alkohol eine legale, akzeptierte Droge ist. Mein großer Respekt vor all den Frauen und Männern, die es geschafft haben ihre Krankheit in den Griff zu bekommen.

Dass die Anonymen Alkoholiker eine große Hilfe dabei sind, durfte ich heute bei der Jahrestagung miterleben. Die Menschen sind einander verständnis- und vertrauensvoll begegnet. Und ich habe selten so viel gelacht wie bei dieser Eröffnung. Spaß und Gemeinschaft funktionieren auch ohne Alkohol!

Und hier gibt es mehr Infos zu den Anonymen Alkoholikern:

Anonyme Alkoholiker in Österreich

Vorgestellt: Sie sind jung, kreativ und auch provokant. Neun Künstlerinnen und Künstler präsentieren von heute, Donnerstag, bis zum 6. Juni in der Galerie Reiser im Nonntal ihre Werke. zartbitter war schon vor Ort und hat mit einigen der Talente gesprochen. Vorbeischauen lohnt sich auf jeden Fall.

Corina Watschonig mit ihren fotorealistischen Zeichnungen. (c) Harald Saller

Corinna Watschonig mit einer ihrer fotorealistischen Bleistift-Zeichnungen. Sie will in die Tattoo-Szene.

Corinna Watschonig braucht lediglich einen Bleistift. Wenn die 18-Jährige zum Zeichnen beginnt, dann kann das schon mal eine längere Zeit dauern. Die Ergebnisse sind dafür umso beeindruckender. Ihre Bilder sehen nämlich aus wie Fotos. „Ich brauche 40 bis 60 Stunden für eine Zeichnung“, sagt die Salzburgerin, die die HTL für Kunst und Design besucht und dort in diesem Frühjahr ihre Matura ablegen wird. Bei der Auswahl ihrer Motive ist sie sehr spontan. „Ich sehe einen Körper oder ein Gesicht und greife dann sofort zum Bleistift“, so Corinna Watschonig. Nach der HTL will sie die Ausbildung zur Tattoo-Künstlerin machen. „Ich habe bereits mit einem Studio-Betreiber Kontakt aufgenommen. Es sieht gut aus, dass ich dort bald losstarten kann.“

Es benötigt viel Mut, Ausdauer, Tatendrang und Kreativität.

Aus eigener Erfahrung weiß die Galeristin Andrea Maria Reiser, wie schwer der Start ins künstlerische Leben sein kann. Daher bietet sie seit dem vergangenen Jahr jungen Talenten die Möglichkeit, ihre Werke in der Nonntaler Hauptstraße 32A auszustellen. „Es benötigt viel Mut, Ausdauer, Tatendrang und Kreativität“, sagt sie. Bei der Aufnahme der Künstlerinnen und Künstler, die im Alter zwischen 17 und 21 Jahren sind, bekam sie einerseits Empfehlungen und machte sich andererseits selbst bei Gesprächen mit Lehrern an den diversen Schulen ein Bild.

Wladimir Welitschko mit seinem aus Marmor gefertigten "Hamtidamt". (c) Harald Saller

Wladimir Welitschko zeigt seinen aus Marmor gefertigten und rund 50 Kilogramm schweren „Hampti Dampti“.

Einen Schulwechsel hat Wladmir Welitschko hinter sich. Der 21-Jährige besuchte zuvor das Musische Gymnasium. Dort spielte er Geige und Gitarre. Der Salzburger mit ukrainischen Wurzeln wurde aber nicht glücklich. „Ein Lehrer, der mein Talent erkannt hatte, empfahl mir die Ausbildung zum Bildhauer an der HTL in Hallein.“ Den Wechsel hat er nicht bereut. „Ich liebe die Bildhauerei“, sagt der 21-Jährige, der nach dem Zivildienst Bühnenbild am Mozarteum studieren will.

 

 

 

 

Tina Graf malt seit einigen Jahren aus Leidenschaft. Am liebsten nackte Menschen. „Manche Leute sagen, meine Werke seien provokant, weil ich sämtliche Geschlechtsteile abbilde“, so die 18-jährige Schülerin, die bei ihren Werken vor allem auf Acryl zurückgreift. Sie hat bereits Erfahrung bei Ausstellungen. So waren ihre Bilder unter anderem im Künstlerhaus, Schloss Arenberg und in einigen Caféhäusern zu begutachten.

Tina Graf mit einem ihrer Aktfotos. (c) Harald Saller

Tina Graf malt am liebsten Aktbilder.

Hannah Schwaiger mit ihrem Lieblingsfoto. Einem Schwann vor dem Schloss Leopoldskron. (c) Harald Saller

Hannah Schwaiger mit ihrer Ente.

 

 

 

 

 

 

 

Auf die Fotografie hat sich Hannah Schwaiger konzentriert. Sie griff vor fünf Jahren das erste Mal zum Fotoapparat. Vor drei Jahren hat sich das Knipsen  dann endgültig zu einer Leidenschaft entwickelt. „Ich versuche den Moment festzuhalten. Die Atmosphäre und die verschiedenen Charaktäre“, sagt die 20-Jährige. Sie fotografiert sowohl digital als auch noch analog. „Manchmal kaufe ich mir eine ganz billige Einwegkamera, laufe durch die Gegend und drücke einfach ab.“ Die Salzburgerin hat sich an der Universität in Wien beworben. Ob sie genommen wird, entscheidet sich demnächst. Ihr Lieblingsfoto ist eine Ente vor dem Schloss Leopoldskron. Mit diesem Bild hat sie schon einen Wettbewerb gewonnen.

Mirijm Jahn kam über Empfehlung zur Galerie. Fotos (6): Harald Saller

Mirijam Jahn kam über eine Empfehlung zur Galerie. Fotos (6): Harald Saller

Die jüngste Künstlerin, die ihre Werke im Nonntal ausstellt, heißt Mirijam Jahn. Die 17-Jährige kommt aus Freilassing und besucht in Salzburg das Musische Gymnasium. Sie zeichnet Bilder, die des Öfteren ins Abstrakte gehen. Das Besondere daran ist, dass sie es mit einem hohen Tempo macht, dabei aber nicht die Kontrolle verliert. Sie malt lebende Objekte, holt sich aber auch Inspirationen von Fotos und anderen Bildern. Bei ihren Werken benützt sie vor allem Acryl, Kreide und auch Ölfarben. Sie kam über eine Empfehlung ihrer Lehrerin für Bildnerische Erziehung zur Galerie Reiser. Konkrete Zukunftspläne hat die 17-Jährige noch nicht. Als erstes steht die Matura auf dem Programm. „Ich will aber auch in den kommenden Jahren der Kunst auf jeden Fall treu bleiben“ sagt die 17-Jährige.

 

 

 

 

 

Die weiteren Austellerinn und Aussteller heißen Daniela Auer, Angelika Öllinger, Markus Sendlhofer und Jonas Rachbauer.

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Im Norden Afrikas – am Horizont die Hoffnung Europa

10 Tote, 100 Tote, 1000 Tote. Das Mittelmeer ist inzwischen ein Massengrab. Wieder ist der Aufschrei groß, wieder herrscht tiefe Betroffenheit und wieder gehen wir bald zum Alltag über.

Ich wollte zur aktuellen Katastrophe nichts schreiben. Ich wiederhole mich so ungern: http://zartbitter.co.at/gesellschaftspolitik/lampedusa-na-und/

Aber ich kann nicht anders, weil mir eines nicht in den Kopf geht. Warum glauben wir, dass Menschen sich von Zäunen, Mauern und Meeren abhalten lassen ein besseres Leben zu suchen. Ich habe von Flüchtlingen eines gelernt: Die größte Antriebsfeder für einen Menschen ist die Hoffnung. Wenn man nichts mehr hat, dann gibt es immer noch die Hoffnung. Mit dieser kann man höchste Mauern überwinden oder in den Fluten ertrinken.

Und letzte Woche hat mir ein Flüchtling aus Bagdad, der zwei Monate in Salzburg ist einen Satz gesagt, der mir seither nicht mehr aus dem Kopf geht. Auf die Frage, wie er sich jetzt fühlt hier in Österreich, in Sicherheit, ein Dach über dem Kopf und die Aussicht bleiben zu können, meinte er: Am Tag gehe es ihm gut, aber

In der Nacht weinen alle Flüchtlinge.

Sie haben die Heimat verloren, oft einen Teil der Familie zurücklassen müssen und Sachen erlebt, die kein Hollywood-Horror-Film zeigen könnte. Aber sie haben die Hoffnung. Und die hat sie hierher gebracht. Nehmen wir sie ihnen nicht. Lassen wir sie ein Teil unserer Gesellschaft sein.

von Michael König

Kürzlich habe ich mich gefragt: Was heißt es eigentlich, einem bettelnden Menschen auf Augenhöhe zu begegnen?
Das könnte bedeuten, ihm die Möglichkeit zu geben, sich in seinen vielen menschlichen und sozialen Qualitäten mir gegenüber aufzurichten, und sich selbst nicht nur als armen, erniedrigten Bettler erleben zu müssen. Ich könnte diesen bettelnden Menschen als alleinerziehende Mutter, als stolzen Vater, als arbeitssuchende Tochter, als arbeitslosen Tischler, als begabte Korbflechterin, oder als pensionierten Gymnasiallehrer kennenlernen. Also als Mensch wie du und ich. Das waren Beispiele von bettelnden Menschen, von denen ich im letzten Jahr etwas erfahren durfte.
Begegnung auf Augenhöhe könnte aber auch bedeuten: Ich selbst gehe zu Boden, hinunter zur Lebenswirklichkeit und zur Lebensgeschichte dieser Menschen.  Ich  gehe hinab zu ihnen. Ich stelle Kontakt, vielleicht sogar Beziehung her. Ich  lasse mich  auf kurze Begegnungen ein. Ich beginne Fragen zu stellen, anstatt die üblichen Bettlerplattitüden zu wiederholen.  Ich besuche sie dort, wo sie herkommen. Überraschende Einsichten werden sich dann auftun. Wie immer, wenn man sich auf jemanden einlässt, der einem vorher fremd war.

Vielleicht könnte aus dieser Bewegung des Einlassens und des In-Kontakt-Tretens mit unseren Bettlerinnen und Bettlern auf Augenhöhe ein Klima wachsen, das – ohne Sozialromantik – von Mitgefühl und Respekt gegenüber bettelnden Menschen geprägt ist.

Hier geht es zu den ersten drei Gedanken zum Betteln:

Die Würde bettelnder Menschen ist unantastbar

Bettelnden Menschen ihre Würde lassen

Bettelnde Menschen können es keinem Recht machen