Bettelnden Menschen auf Augenhöhe begegnen – Vierter Gedanke

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von Michael König

Kürzlich habe ich mich gefragt: Was heißt es eigentlich, einem bettelnden Menschen auf Augenhöhe zu begegnen?
Das könnte bedeuten, ihm die Möglichkeit zu geben, sich in seinen vielen menschlichen und sozialen Qualitäten mir gegenüber aufzurichten, und sich selbst nicht nur als armen, erniedrigten Bettler erleben zu müssen. Ich könnte diesen bettelnden Menschen als alleinerziehende Mutter, als stolzen Vater, als arbeitssuchende Tochter, als arbeitslosen Tischler, als begabte Korbflechterin, oder als pensionierten Gymnasiallehrer kennenlernen. Also als Mensch wie du und ich. Das waren Beispiele von bettelnden Menschen, von denen ich im letzten Jahr etwas erfahren durfte.
Begegnung auf Augenhöhe könnte aber auch bedeuten: Ich selbst gehe zu Boden, hinunter zur Lebenswirklichkeit und zur Lebensgeschichte dieser Menschen.  Ich  gehe hinab zu ihnen. Ich stelle Kontakt, vielleicht sogar Beziehung her. Ich  lasse mich  auf kurze Begegnungen ein. Ich beginne Fragen zu stellen, anstatt die üblichen Bettlerplattitüden zu wiederholen.  Ich besuche sie dort, wo sie herkommen. Überraschende Einsichten werden sich dann auftun. Wie immer, wenn man sich auf jemanden einlässt, der einem vorher fremd war.

Vielleicht könnte aus dieser Bewegung des Einlassens und des In-Kontakt-Tretens mit unseren Bettlerinnen und Bettlern auf Augenhöhe ein Klima wachsen, das – ohne Sozialromantik – von Mitgefühl und Respekt gegenüber bettelnden Menschen geprägt ist.

Hier geht es zu den ersten drei Gedanken zum Betteln:

Die Würde bettelnder Menschen ist unantastbar

Bettelnden Menschen ihre Würde lassen

Bettelnde Menschen können es keinem Recht machen

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