mother! – über Gott und die Welt

„Ich wünsch dir einen gruseligen Kinoabend“, so die SMS einer Freundin, kurz vor Beginn der Vorstellung von mother! Auch die meisten Leute um mich herum freuten sich anscheinend auf etwas Grusel – und wurden enttäuscht.

Was mother! genau ist, ist schwer in wenigen Sätzen erklärt. Die Handlung ist eine Metapher, die unterschiedlich verstanden werden kann. So lassen sich die Geschehnisse nicht beschreiben, ohne gleich die eigene Interpretation mitzuliefern.

Was passiert?

Eine junge namenlose Frau (Mother – Jennifer Lawrence) hat das von einem Feuer zerstörte Zuhause ihres weit älteren ebenfalls namenlosen Ehemanns (Er – Javier Bardem) selbst restauriert. Sie will ein Paradies erschaffen. Dem Ehemann, ein Schriftsteller mit länger andauernder Schreibblockade, ist das Glück zu zweit nicht genug. Er bittet wildfremde Leute zur Tür herein und ist fasziniert und inspiriert von ihren Geschichten. Er toleriert auch jedes rücksichtslose Verhalten – selbst wenn dieses nicht nur sein Eheglück gefährdet, sondern darüber hinaus auch sein Haus zu zerstören droht. Bald finden sich immer mehr Menschen in dem Haus wieder. Mother wird von allen wenig beachtet und als Selbstverständlichkeit hingenommen – selbst vom Ehemann. Auch wenn die Eindringlinge im Haus nichts als Unruhe und Zerstörung bringen: Er will alles mit ihnen teilen und vergibt ihnen am Ende auch noch die abscheulichsten Taten.

Große Ratlosigkeit

„Wer schreibt denn so was?“ fragten sich die fünf jungen Männer in der Reihe hinter mir. Eine Gruppe ebenso junger Frauen regte sich über die Unlogik einzelner Szenen auf. Ihr Fazit: „Ein wirklich blöder Film“. Trotzdem waren sie alle bis zum Ende des Abspanns im Kino sitzen geblieben. Irgendwie war das Ganze also doch faszinierend.

Was bedeutet es?

mother! spielt durchgehend in ein und demselben Haus. Doch es ist kein Haus aus unserer Welt, sondern eine hyperrealistische Bühne für die metaphorische Handlung – bzw. ist es der Planet, auf dem wir leben. Die junge Frau, Mother, ist eine allegorische Figur: die Mutter Erde, sie kann ihren Platz nicht verlassen und kann sich auch nicht wehren. Der ältere Schriftsteller, kann als Gott verstanden werden. Die Erde interessiert ihn nicht so sehr wie die Menschen. Alle anderen Personen, repräsentieren Gestalten aus der Bibel und die Menschheit insgesamt. Sieht man den Film so, erzählt er die Geschichte der Entstehung der Welt, der Geschichte der (jüdischen und christlichen) Religion samt ihren Auswirkungen, die Geschichte der Menschheit und die Konsequenzen unseres Handelns auf der Erde.

Andere Interpretationen deuten den Film viel näher an der Handlung und sehen ihn als Aussage über Beziehungen, das Verhältnis zwischen den Geschlechtern, zwischen Muse und kreativem Geist. Doch bei dieser Sichtweise wird die letzte halbe Stunde der Handlung völlig unsinnig. Wo Kritiker dann behaupten, dass die Handlung in wirre Absurdität verfällt, fällt – meiner Meinung nach – nur deren Interpretation völlig auseinander.

Ein intensives Kinoerlebnis

Mother sind zwei Stunden Faszination. Das ist nicht nur der Tatsache geschuldet, dass der Film sein Publikum jede Minute fordert – es lag auch an Jennifer Lawrence und ihrer unglaublich nuancierten, hochkonzentrierten Darstellung, die sich gegen Schluss zur absoluten Tour de Force entwickelt.

Javier Bardem, Ed Harris und Michelle Pfeiffer sind in ihren Rollen allesamt ausgezeichnet. Noch mehr gibt es aber über das Haus als einzigen Handlungsort zu sagen. Wenn man sich auf den Film einlässt, dann ist es, als würde man auch selbst die gesamten zwei Stunden in dem Haus verbringen. Trotzdem bekommt man so gut wie keine Orientierung darin. Normalerweise wird das einem Film als Schwäche ausgelegt, hier ist dieses Gefühl der Orientierungslosigkeit aber gewollt. Wir sollen einfach nur rundum vom Haus umgeben sein. Auch akustisch, denn das Haus knackt, brummt und ächzt von allen Wänden, Böden und Decken her – ob in den oberen Stockwerken oder im Keller. Und irgendwo schlägt auch sein Herz. Oh, wie sich hier die modernste Dolby-Ausstattung neuerer Kinosäle auszahlt.

Nichts lenkt von der Kulisse heimeliger bis unheimlicher häuslicher Geräusche ab. Denn außer gegen Schluss, wo Musik als Teil der Handlung wummert, stört kein einziger Ton eines Soundtracks die völlige Konzentration des Publikums. Keine Filmmusik, die uns vorgibt, wie wir uns fühlen sollen. Die fehlende musikalische Begleitung ist ebenso ungewohnt wie wohltuend.

Wird mother! ein Erfolg?

Wenn mother! so faszinierend ist, warum die enttäuschten Reaktionen im Publikum? Schuld daran waren die gekonnt irreführenden Trailer, die Horror suggerierten. Ob das dem Film am Ende zugute kommt oder schadet, wird sich zeigen. Er wird aber über die Jahre auf jeden Fall eine Kultgemeinde bekommen und die Leute werden sich noch lange über den Film streiten als wäre er die Bibel selbst. So gesehen wird es sicher wieder ein Erfolg für den Regisseur Darren Aronofsky.

Meine Bewertung auf IMDB: 9 Punkte
Ein großartiges, atemberaubendes Kinoerlebnis, das man auf jeden Fall öfter sehen muss, um die vielen Metaphern und Symbolismen völlig zu erfassen. Das kann natürlich auch bedeuten, dass mother! nach mehrmaligem Ansehen, platter und schwerfälliger erscheint als nach dem ersten Eindruck.

 

 

 

 

Da Summa is umma – und er war so naja

Ungeachtet zu erwartender Hitzerekorde in den nächsten Tagen: Dieser Sommer ist gelaufen. Das wars. Zumindest was die großen Blockbuster dieses Kino-Sommers angeht.

Mein Resümee: Es war ein Sommer mit vielen Enttäuschungen – aber auch mit ein paar erfreulichen Ausnahmen.

Rückblicke

Mit Alien Covenant hat Regisseur Ridley Scott gezeigt, dass es ihm wurst ist, was sein Publikum von einem Alien-Film erwartet. Nämlich Aliens – oder zumindest Antworten auf Fragen, die er im letzten Alien Film selbst aufgeworfen hat. Das Konzept, dass wir mehr darüber erfahren, was den Androiden David (Michal Fassbender) dazu antreibt, die Menschheit auszulöschen, indem er die Aliens erschafft hätte interessant sein können. Es war aber ein bisschen langweilig.

Pirates of the Caribbean – Salazars Rache brachte uns Johnny Depp als Captain Jack Sparrow zurück. Disney hat sich darauf verlassen, eine herumtorkelnde Karikatur der Kultfigur zu präsentieren. Nein. Das reicht nicht. Jack Sparrow hat jede Genialität verloren und ist wirklich nur mehr ein jämmerlicher Trunkenbold. Nicht witzig. Dazu noch ein fades Liebespaar, das ich schon vergessen hatte, noch bevor der Abspann zu Ende war.

Die Mumie – Hab ich mir gleich gar nicht angesehen. Die Bewertungen auf Rotten Tomatoes waren so unterirdisch, dass mir jede Lust verging. Universal hat damit – nach Dracula Untold – den zweiten Einstieg in sein Dark Universe vergeigt. Niemand freut sich mehr als ich, wenn die Figuren alter Universal-Horrorklassiker wieder auf die Leinwand kommen – super Idee. Aber nicht, wenn ein Tom Cruise-Actionspektakel draus wird – ganz ohne Horror.

Transformers hab ich ebenfalls ausgelassen. Ich bin ja älter als zehn.

Lichtblicke

Je weiter der Sommer voranschritt, je mehr Enttäuschungen ich erlebte, desto nervöser wurde ich wegen der zwei Filme, auf die sich all meine Hoffnung konzentierte, dass es doch noch richtige Sommerkino-Unterhaltung gibt: Wonder Woman & Spider Man Homecoming.

Wonder Woman

Die DC Comic Filme von Warner Brothers mussten viel Kritiker-Schelte einstecken in den letzten Jahren – ob Man of Steel, Batman v Superman oder Suicide Squad. Trotz des finanziellen Erfolgs der beiden Letzteren war Wonder Woman für viele jener Film, der entscheiden sollte, ob das DC Comic Cinematic Universe noch eine Zukunft hat. Und – wow! – Wonder Woman war ein voller Erfolg. Die Superheldin wurde zur feministischen Ikone des Sommers und zum Liebling der Kritiker und des Publikums. Zumindest in den USA. Hier wurde der Film zwar gelobt, aber die Besucher hielten sich etwas mehr zurück. Die schauten hierzulande lieber Pirates und Mumie. Wers bisher nicht gesehen hat – noch läuft die Geschichte, wie die griechische Amazone (perfekt verkörpert von der Israelin Gal Gadot) im ersten Weltkrieg gegen niemand geringeren als Ares selbst antritt.

Hier stimmte alles: Story, Action, Technik und ein Feminismus, der Männer nicht abschreckt, sondern das Miteinander von Männern und Frauen in den Vordergrund stellt. Bitte mehr davon!

Spider-Man Homecoming

Innerhalb 12 Jahren wurde also das dritte Mal eine Spider-Man Reihe begonnen. Ob dieser Film wohl etwas Neues darüber zu erzählen wusste, wie der Schüler Peter Parker zu Spider-Man wird? Überraschung! Hier wird keine Entstehungsgeschichte erzählt. Dort, wo die Geschichte beginnt, hat Peter Parker (Tom Holland) bereits seine Spider-Fähigkeiten. So kann es gleich zur Superhelden-Sache gehen. Neben der Action wird Spider-Man Homecoming seinem Titel gerecht. Denn es ist auch irgendwie ein typischer Highschool-Film. Warum auch nicht? Peter ist noch Schüler. Natürlich hat der deshalb auch normale Probleme eines Jugendlichen seines Alters. Und endlich gibt es einen wirklich bedrohlichen Bösewicht in einem Superhelden-Flm: Birdman-Darsteller Michael Keaton gibt den düsteren Superhelden-Schrottsammler Vulture. Groß-ar-tig!

Ausblicke

Zugegeben, ein großer Sommerblockbuster kommt noch in die Kinos. Am 4. August beginnt der dritte Teil aus der Planet der Affen-Reihe: Survival. Ob es sich lohnt ihn anzusehen? So gelungen ich den ersten Teil fand, so sehr enttäuschte mich der zweite. (Hier nachzulesen)

Und? Wie war der Kino-Sommer für euch so?

WILDE MAUS- kein typischer Hader Film

von Gudrun Kavalir

Musikkritiker Georg, Anfang 50, wird unter Hinweis auf notwendige Sparmaßnahmen gekündigt. Eine junge, unerfahrene Kollegin soll seinen Job übernehmen. Er verheimlicht seine Arbeitslosigkeit seiner Frau Johanna, Psychologin, die unbedingt ein Kind haben will. Die leeren Tage verbringt er im Wiener Prater, wo er seinen ehemaligen Schulkollegen Erich trifft, der ebenfalls arbeitslos ist. Gemeinsam mit dessen rumänischer Freundin Nicoletta nehmen sie eine ausrangierte „Wilde Maus“ wieder in Betrieb. Und Georg startet einen Rachefeldzug gegen seinen ehemaligen Chef. Die Achterbahn seiner gescheiterten Existenz nimmt Fahrt auf.

Ist die WILDE MAUS ein typischer „Hader“? Nein. Er ist nämlich ganz anders als erwartet.

Man findet zwar den beißenden Humor, den Fatalismus und Zynismus der Figur des an sich selbst scheiternden Brenner wieder. Man erkennt auch die Stimme des grantelnden Kabarettisten Hader, der in seinen Programmen nie um eine Pointe verlegen ist, die ihn selber trotzig und rotzig dastehen lässt. Aber in der Wilden Maus ist alles anders. Und das ist gut so. Endlich kann Josef Hader zeigen, was er wirklich kann: Geschichten erzählen, die tief in die menschlichen Abgründe blicken lassen. Was er dort findet, bringt er schonungslos auf die Leinwand. Und das ist beim besten Willen nicht lustig.

Am Film „WILDE MAUS“ kommt bei uns derzeit niemand vorbei.

Den Film habe ich bereits in der ersten Woche nach seinem Start am 17.2. gesehen. Seither mehren sich die Gespräche mit Freunden und Bekannten. Sehr oft bin ich irritiert, dass viele den Film lustig finden: “Super Komödie!“, „Hab schon lang nicht mehr so gelacht!“, „So witzige Szenen!“. Wie bitte? Da war wohl jemand im falschen Film!

Es ist nicht witzig, wenn ein Mann im mittleren Alter seinen Job verliert und damit den einzigen Sinn in seinem Leben, das ohnehin nur aus bissigen Kommentaren und vernichtenden Urteilen über das Können oder Unvermögen anderer Menschen besteht. Wenn er Rache nimmt, und dafür zu drastischen Mitteln wie Sachbeschädigung und Aggression greift, ja selbst vor Mord nicht zurückschreckt.

Es ist nicht witzig, wenn ein Paar nicht mehr miteinander reden kann. Wenn die Kommunikation eingefroren ist. Wenn der Kritiker und die Psychologin keine Worte mehr haben, um ihre Beziehungskälte zu überwinden. Wenn man sich knappe Gemeinheiten an den Kopf wirft, damit der andere wenigstens irgendwas fühlt, und wenn es nur Verachtung ist.

Es ist nicht witzig, wenn die Achterbahnfahrt, die den ganzen Film dauert, Georg immer wieder dahin zurückbringt, wo er eingestiegen ist: zu sich selbst. Wenn er letztlich so verzweifelt ist, dass Selbstmord der einzige Ausweg zu sein scheint und auch dieser letzte Schritt scheitert.

Es ist tragisch und, ja, es kann auch komisch sein. Die „Wilde Maus“ ist daher sicher eines: eine pechschwarze Tragikkömödie im besten Sinn und ein großartiger, sehenswerter Film von Josef Hader, dem Regisseur.

Foto: © Petro Domenigg FILMSTILLS.AT

Passengers – Absolution im All

Was, wenn die Technik uns im Stich lässt und damit den ganzen Verlauf unseres Lebens verändert? Was, wenn wir in diesen Umständen aus etwas Unverzeihliches tun? Diese Fragen greift Passengers auf – und vergisst sie zu Ende zu denken.

Worum gehts?

120 Jahre ist das Raumschiff Avalon auf Autopilot durchs All unterwegs. Das Ziel ist ein neuer Planet als Heimat für 5000 Menschen. Einer der Passagiere, Jim [Chris Pratt], wacht aus dem Hyperschlaf auf – 90 Jahre zu früh. Er wird den neuen Planeten, Homestead II, nicht lebend erreichen. Wie die Zeit verbringen?

Ein raumfahrender Robinson

So viel zum ersten Teil des Films, dessen drei Akte ein bisschen wie drei verschiedene Arten von Film wirken. Auch wenn die Avalon auf Kurs ist: Der sympathische Jim alias Chris Pratt [Guardians of the Galaxy, Jurassic World] ist sozusagen gestrandet im All und seine Geschichte ist die eines Robinson Crusoe der Zukunft. Es ist der interessanteste Teil des Films. Er zeigt, wie wenig jede noch so fortgeschrittene Technik für unser Glück sorgen kann. Der Kaffeeautomat in der Kantine spuckt zwar nur die Plörre für Normalreisende aus, denn der Cappuccino ist den Reisenden der Goldklasse vorbehalten – ansonsten steht Jim allerhand Entertainment und einiger Luxus zur Verfügung. Doch bereits nach einem Jahr nagt die Einsamkeit so sehr an ihm, dass er ein psychisches Wrack ist.

Wie auf der Titanic

Da kommt Aurora [Jennifer Lawrence] daher – wohlhabende Journalistin und Reisende der Goldklasse. Diese Frau wäre für den einfachen Mechaniker, der davon geträumt hatte, sich auf dem neuen Kolonie-Planeten eine bessere Existenz aufzubauen, unter normalen Umständen unerreichbar. Der zweite Akt erzählt die Romanze zweier Menschen, die aufgrund des Klassenunterschieds einander nie begegnet wären. Das erinnert doch ein bisschen an Rose und Jack auf der Titanic. Doch in Passengers wird der Klassenunterschied nur angesprochen, aber nicht näher betrachtet. Im Umgang miteinander scheinen die beiden perfekt kompatibel. Wäre das wirklich so? Jim bekommt dank seiner Goldklasse-Freundin besseres Essen. Lernt er etwas von ihr? Lernt sie etwas darüber, wie das Leben in seiner Gesellschaftsschicht ist? Leider nicht – trotz Interview, das sie mit ihm für ihr Buch führt. Der Film verlässt sich hier über eine ziemlich lange Strecke darauf, dass alle gern dabei zusehen, wie ein attraktives Paar sich in einander verliebt.

Action als Ablenkung

„Vertraust du mir?“ Jim [Chris Pratt] und Aurora [Jennifer Lawrence]

Im dritten Akt wird Passengers zum Weltraum Action-Abenteuer. Die Avalon ist schwer beschädigt und unsere beiden Protagonisten versuchen in einem äußerst gefährlichen Einsatz, das Schiff zu retten. Es wirkt ein bisschen, als wäre hier die Zeit ausgegangen und auch das Interesse diesen Teil Geschichte ordentlich zu erzählen. Doch gerade in den Weltraumabenteuern der letzten Jahre haben wir entweder auf dem Mars [The Martian] oder in der Erdumlaufbahn [Gravity] erschreckend realistische Szenarien miterlebt, die die beklemmende Hilflosigkeit im All spürbar machten. In Passengers dürfen wir immer das Vertrauen haben, dass alles gutgeht.

Ein verwerfliches Vergehen

+++ SPOILER +++
Der Film hat unter Kritikern heftige Reaktionen ausgelöst. Denn: Anders als Jim, erwacht Aurora nicht zufällig. Jim hat Aurora lange Zeit in ihrer Hyperschlafkammer beobachtet, alles über sie in Erfahrung gebracht und sich so in sie verliebt. Er war so einsam, dass er seinem Leben ein Ende setzen wollte, doch stattdessen beschloss er, Aurora aufzuwecken. Er hat damit Auroras Leben zerstört und – noch schlimmer – sie dadurch ebenfalls zum Tod auf dem Raumschiff verurteilt. Nur weil er seine Einsamkeit nicht mehr ertragen wollte. So weit sind seine Motive nachvollziehbar. Sind sie aber verzeihlich?

Als Aurora erfährt, was Jim getan hat, ist sie wütend und hasst ihn leidenschaftlich – verständlicherweise. Die Gefahrensituation, die Jim und Aurora gemeinsam meistern müssen, schweißt die beiden jedoch wieder zusammen. Aurora erkennt, dass sie nicht ohne Jim auf dem Schiff weiterleben möchte. Jim wird verziehen – und zwar von Aurora und damit auch von uns als Publikum.

Jims Handeln ist praktisch Mord und wir sehen es ihm nach. Einige spinnen den Gedanken sogar so weiter: Wenn ein Film von einem Mann handelt, der eine Frau raubt oder vergewaltigt, verzeihen wir ihm dann, weil er doch so einsam war und so gut aussieht?
+++ SPOILER ENDE +++

Schuld ohne Sühne

Jim hat Aurora etwas Folgenreiches angetan, das mit unseren Werten nicht vereinbar ist. Der Schwachpunkt des Films ist es nicht, dass Aurora angesichts der lebensgefährlichen Situation auf dem defekten Schiff beschließt, Jim zu verzeihen. Das kann sie als Figur tun, aber die Tat selbst darf dennoch nicht ungesühnt bleiben. Kunst vermittelt auch moralische Werte. Und die vermittelte Moral ist hier höchst zweifelhaft, denn: Jims Tat hat am Ende keine Konsequenzen.

Unverzeihliche Urteilslosigkeit

Der Film präsentiert sich dadurch als recht harmlos. Passengers ist durchaus kein schlechter Film – auch wenn es die eine oder andere Schwäche gibt. Doch wegen der Verharmlosung und damit das Aufgeben einer moralischen Position verdient Passengers jede Schelte und die schlechten Bewertungen seitens der Kritik.

Meine Bewertung auf IMDB: 7 Punkte
Passengers ist technisch und visuell (das Schiff sieht in jedem Detail atemberaubend aus) großartig. Er ist trotz erwähnter Schwächen interessant und unterhaltsam – vor allem durch die zwei äußerst sympathischen Protagonisten. Die moralische Frage lasse ich bei meiner Bewertung außen vor.

Phantastische Tierwesen – und wie ich sie finde

Newt Scamander. So heißt der neue Held in Fantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind von J.K. Rowling. Die Geschichte spielt in der Welt der Magie, die uns bereits aus den Harry Potter-Büchern und Filmen bestens bekannt ist. Fünf Filme sollen es werden und Harry Potter wird darin nie auftauchen, denn: die Handlung ist 60–70 Jahre vor Harrys Geburt angelegt.

Die magische Geschichte

Newt – was für ein ungewöhnlicher Name. Er bedeutet: Wassermolch. Und wenn man so einen Namen trägt, dann scheint es nur logisch, dass man sich für ungewöhnliche Tiere interessiert. Das tut Newt [Eddie Redmayne]. Magische Tierwesen zu studieren und zu retten ist seine Mission – und diese führt ihn nach New York. Seine Tiere bringt er alle in einem kleinen magischen Koffer mit. Bald schon entkommt ihm ein „Niffler“ – ein possierliches Tierchen, das wie eine Kreuzung aus Schnabeltier und Maulwurf aussieht und auch einen Beutel wie ein Känguru besitzt. Diesen Beutel füllt es mit allem, was glitzert und glänzt. Und im New York der 20er Jahre glitzert und glänzt vieles. Beim Versuch, den Niffler einzufangen, zieht Newt den angehenden Bäcker Jacob Kowalski [Dan Fogler] in ziemlich gefährliche und komische Situationen rein. Dabei ist Jacob ein ganz normaler Mensch ohne magische Fähigkeiten. Er dürfte all das nie sehen und erleben. Newt macht sich gleich verdächtig und wird von der Agentin Tina Goldstein [Katherine Waterston] zum Amerikanischen Kongress für das Magische Volk, MACUSA, gebracht, doch er kommt bald wieder frei. Von da an beginnt die Geschichte erst richtig. Mehr Tiere entkommen und schon wenige Stunden später sollen Newt und Tina hingerichtet werden. Angeblich hat eines seiner Tierwesen einen Menschen getötet – noch dazu vor den Augen eines großen Publikums.

Endlich perfekt?

Colin Farrell als Percival Graves (Courtesy of Warner Bros. Pictures; © 2016 WARNER BROS ENTERTAINMENT INC. ALL RIGHTS RESERVED)

Colin Farrell als Percival Graves
(Courtesy of Warner Bros. Pictures; © 2016 WARNER BROS ENTERTAINMENT INC. ALL RIGHTS RESERVED)

Ich bin ein Fan der Harry Potter-Bücher. Und auch die Filme finde ich gut, obwohl sie wirklich nicht alle perfekt sind. Trotzdem habe ich mich schon seit einem Jahr auf Fantastische Tierwesen gefreut und nichts anderes als den perfekten Film erwartet, den ich in der Harry Potter-Serie nie zu sehen bekam – auch wenn Der Gefangene von Azkaban als einziger nah an Perfektion grenzte. Ich habe das Kino gestern mit gespaltenen Gefühlen verlassen.

Auf jeden Fall habe ich einen einen gut gemachten, sehr unterhaltsamen Film gesehen – aber eben keinen perfekten. Gespalten war nämlich auch der Film selbst: einerseits die Geschichte von Newt Scamander, seinen Tieren und allen Leuten, die er in seine Geschichte mit reinzieht. Diese Geschichte bietet einige schöne und sehr viele komische Momente, zielt aber stark auf die Jüngsten im Publikum ab.

Es wäre aber nicht J.K. Rowling, wenn da nicht noch sehr viel mehr daherkäme. Eine düstere Seite gibt es nämlich auch in Fantastische Tierwesen. Und diese hat Protagonisten, die Newt Scamander in den Schatten stellen. Wer sich den Film ansieht, darf sich auf Colin Farrell als Percival Graves, den Auror für magische Sicherheit freuen. Was genau hat er mit dem Credence Barebone [Ezra Miller] zu tun? Credence ist ein introvertierter Junge, der von seiner Adoptivmutter tyrannisiert und geschlagen wird.

Wer verzaubert unsere Herzen?

Zauberhaft: ALISON SUDOL as Queenie und DAN FOGLER as Jacob (Courtesy of Warner Bros. Pictures; © 2016 WARNER BROS ENTERTAINMENT INC. ALL RIGHTS RESERVED)

Zauberhaft: ALISON SUDOL as Queenie und DAN FOGLER as Jacob
(Courtesy of Warner Bros. Pictures; © 2016 WARNER BROS ENTERTAINMENT INC. ALL RIGHTS RESERVED)

Gewinnt Newt unsere Herzen? Vielleicht gemeinsam mit Tina Goldstein? Also, meines nicht. Das Herz des Films liegt nämlich anderswo: Bei Jacob Kowalski, dessen Traum es ist, eine Konditorei zu eröffnen, und bei Queenie, Tina Goldsteins Schwester. Die beiden sind sozusagen das Buffo-Paar. Beide sind für sich auf ihre Weise liebenswerte Charaktere und wenn sie zusammenkommen, dann stimmt auf der Leinwand die Chemie. Der Funke sprang direkt auf mich über.

Leider sprang bei Eddie Redmayne nichts auf mich über. Seine Darstellung des schüchternen Newt konnte mich einfach nicht überzeugen oder gewinnen. Dafür war Redmayne zu farblos und sein Spiel zu manieriert. Fand ich jedenfalls.

Die Spannung nach dem Finale

Auch wenn dieser Film geteilt wirkte, als wären hier zwei völlig verschiedene Geschichten nur zufällig zu einem Film verbunden worden, so kann man sich darauf verlassen, dass J.K. Rowling bereits das große Ganze im Auge hat und genau weiß, was sie tut. Dass sie das kann, hat sie bereits in ihren Harry Potter-Büchern bewiesen. Und so warte ich schon mit großer Spannung auf den nächsten Teil der Serie. Von einem dürfen wir ausgehen: Something wicked this way comes … Das Finale des Films deutet bereits darauf hin!

Aber zuerst seh ich mir Fantastische Tierwesen noch einmal an. Vielleicht war ich beim ersten Ansehen überkritisch, weil ich nichts als Perfektion sehen wollte, damit ich 10 Punkte vergeben kann.

Meine (vorläufige) Bewertung auf IMDB: 8 Punkte
Nicht perfekt, aber eine gute Einführung in ein neues Franchise, bei dem zwei Geschichten in zwei verschiedene Richtungen ziehen. Auf jeden Fall hat Fantastische Tierwesen visuell und an Details sehr viel zu bieten, auch wenn man sich für das erwachsene Publikum realistischere CGI-Tierwesen wünscht.

Inferno – 2 Stunden in der Hölle

Eine rasante Verfolgungsjagd als Eröffnung. Danach folgt ebenso pure Action an den spektakulärsten Schauplätzen der Welt. Der Hauptheld muss ständig sein Leben verteidigen, während er gleichzeitig nichts weniger versucht, als die Welt zu retten. Dabei steht ihm eine junge, attraktive Frau zur Seite. Das sind mehr oder weniger die Zutaten einer der erfolgreichsten Filmserien der Welt. Ihr Held: Geheimagent 007, James Bond.

Alle Welt schaut sich die Bond-Filme an. Ich auch. Und in meiner Bewertung kommt Bond stets mit einem Folklore-Bonus davon – selbst wenn die Schwächen der Story durch die viele Action nicht übertüncht werden können [siehe die zartbitter Kritik zu Spectre]. Seit 50 Jahren gibt es alle paar Jahre ein neues Abenteuer und man weiß immer, was man zu erwarten hat. Schlüssigkeit ist dabei keine Kategorie.

Inferno ist der dritte Film nach den Büchern von Dan Brown mit Professor Robert Langdon als Held. Die Serie folgt ganz dem erfolgreichen Bond-Rezept. Geht es auf?

Der Inhalt

Robert Langdon [Tom Hanks] wacht in einem Krankenhaus in Florenz auf. Er kann sich an nichts erinnern. Noch im Krankenhaus entgeht er knapp einem Mordversuch und flieht. Seine behandelnde Ärztin Dr. Sienna Brooks [Felicity Jones] ist mit ihm in diese Situation geraten und weicht fortan nicht von seiner Seite. Nach und nach kommen Erinnerungsfetzen und Langdon, Harvard-Professor für religiöse Ikonologie, ist dabei, ein großes Rätsel zu lösen. Ein künstlich geschaffenes Virus, das die Hälfte der Menschheit ausmerzen kann, soll freigesetzt werden. Entwickelt hat es der Milliardär Bertrand Zobrist [Ben Foster], denn er ist überzeugt, dass bei der drohenden Überbevölkerung der Erde die ganze Menschheit dem Untergang geweiht ist.

Rätsel-Rallye vor historischer Kulisse

inferno

Lauf, Robert Langdon, lauf

Robert Langdon befindet sich also wieder auf einer Geschichts-Schnitzeljagd, die ihn von Florenz nach Venedig und schließlich nach Istanbul führt – und das alles innerhalb 12 Stunden. Dabei stellt sich allerdings alles, aber auch wirklich alles, was in diesem Film passiert von vorn bis hinten als sinnlos heraus. Warum hängt der Plan des Milliardärs davon ab, dass Langdon alle Rätsel löst, bevor das Virus freigesetzt wird? Das Ganze funktionert auch ohne Langdon und ohne dieses aufgeblasene, pseudo-gelehrte und symbolbehaftete Getue unter Berufung auf Dante. Warum die Freisetzung des Virus in der Zisterne von Istanbul? Wozu? Der „versunkene Palast“ ist zwar atemberaubend, aber Zobrist sieht in seinem Vorhaben Pragmatismus. So jemand würde sein Vorhaben wahrscheinlich nicht mit all dem mystischen und rituellen Beiwerk hochdramatisieren.

Zugegeben, das klingt jetzt alles nicht viel anders als bei James Bond. Ist es auch nicht unbedingt. Darf man denn Filme mit zweierlei Maß messen? So ungerecht es klingt: Ich finde, man darf. James Bond nimmt sich selbst nicht so ernst. All die bewusst überdrehte Action und die absurden Storys sollen dem dem Publikum einfach Spaß machen. In Inferno laufen wir mit Robert Langdon durchs Museum, wie in Der DaVinci Code, aber von Spaß ist hier keine Spur. Denn zu allen Widersinnigkeiten ist unser Held auch noch ziemlich humorlos. Wenn ich schon im Kino dieser Ernsthaftigkeit und diesem Geschichts-Blabla ausgesetzt werde, dann will ich wenigstens etwas über Dantes Inferno lernen – oder über die wirklichen Probleme einer drohenden Überbevölkerung in den nächsten 40 Jahren. Das hab ich nicht.

Meine Bewertung bei IMDB: 5 Punkte
Aufgeblasenes, schwerfälliges Nichts. Das beste daran ist Tom Hanks, der für die Rolle des Robert Langdon diesmal sogar eine neue Perücke erhalten hat und somit die infernale Frisur der ersten beiden Teile endlich los ist.