WILDE MAUS- kein typischer Hader Film

von Gudrun Kavalir

Musikkritiker Georg, Anfang 50, wird unter Hinweis auf notwendige Sparmaßnahmen gekündigt. Eine junge, unerfahrene Kollegin soll seinen Job übernehmen. Er verheimlicht seine Arbeitslosigkeit seiner Frau Johanna, Psychologin, die unbedingt ein Kind haben will. Die leeren Tage verbringt er im Wiener Prater, wo er seinen ehemaligen Schulkollegen Erich trifft, der ebenfalls arbeitslos ist. Gemeinsam mit dessen rumänischer Freundin Nicoletta nehmen sie eine ausrangierte „Wilde Maus“ wieder in Betrieb. Und Georg startet einen Rachefeldzug gegen seinen ehemaligen Chef. Die Achterbahn seiner gescheiterten Existenz nimmt Fahrt auf.

Ist die WILDE MAUS ein typischer „Hader“? Nein. Er ist nämlich ganz anders als erwartet.

Man findet zwar den beißenden Humor, den Fatalismus und Zynismus der Figur des an sich selbst scheiternden Brenner wieder. Man erkennt auch die Stimme des grantelnden Kabarettisten Hader, der in seinen Programmen nie um eine Pointe verlegen ist, die ihn selber trotzig und rotzig dastehen lässt. Aber in der Wilden Maus ist alles anders. Und das ist gut so. Endlich kann Josef Hader zeigen, was er wirklich kann: Geschichten erzählen, die tief in die menschlichen Abgründe blicken lassen. Was er dort findet, bringt er schonungslos auf die Leinwand. Und das ist beim besten Willen nicht lustig.

Am Film „WILDE MAUS“ kommt bei uns derzeit niemand vorbei.

Den Film habe ich bereits in der ersten Woche nach seinem Start am 17.2. gesehen. Seither mehren sich die Gespräche mit Freunden und Bekannten. Sehr oft bin ich irritiert, dass viele den Film lustig finden: “Super Komödie!“, „Hab schon lang nicht mehr so gelacht!“, „So witzige Szenen!“. Wie bitte? Da war wohl jemand im falschen Film!

Es ist nicht witzig, wenn ein Mann im mittleren Alter seinen Job verliert und damit den einzigen Sinn in seinem Leben, das ohnehin nur aus bissigen Kommentaren und vernichtenden Urteilen über das Können oder Unvermögen anderer Menschen besteht. Wenn er Rache nimmt, und dafür zu drastischen Mitteln wie Sachbeschädigung und Aggression greift, ja selbst vor Mord nicht zurückschreckt.

Es ist nicht witzig, wenn ein Paar nicht mehr miteinander reden kann. Wenn die Kommunikation eingefroren ist. Wenn der Kritiker und die Psychologin keine Worte mehr haben, um ihre Beziehungskälte zu überwinden. Wenn man sich knappe Gemeinheiten an den Kopf wirft, damit der andere wenigstens irgendwas fühlt, und wenn es nur Verachtung ist.

Es ist nicht witzig, wenn die Achterbahnfahrt, die den ganzen Film dauert, Georg immer wieder dahin zurückbringt, wo er eingestiegen ist: zu sich selbst. Wenn er letztlich so verzweifelt ist, dass Selbstmord der einzige Ausweg zu sein scheint und auch dieser letzte Schritt scheitert.

Es ist tragisch und, ja, es kann auch komisch sein. Die „Wilde Maus“ ist daher sicher eines: eine pechschwarze Tragikkömödie im besten Sinn und ein großartiger, sehenswerter Film von Josef Hader, dem Regisseur.

Foto: © Petro Domenigg FILMSTILLS.AT

Passengers – Absolution im All

Was, wenn die Technik uns im Stich lässt und damit den ganzen Verlauf unseres Lebens verändert? Was, wenn wir in diesen Umständen aus etwas Unverzeihliches tun? Diese Fragen greift Passengers auf – und vergisst sie zu Ende zu denken.

Worum gehts?

120 Jahre ist das Raumschiff Avalon auf Autopilot durchs All unterwegs. Das Ziel ist ein neuer Planet als Heimat für 5000 Menschen. Einer der Passagiere, Jim [Chris Pratt], wacht aus dem Hyperschlaf auf – 90 Jahre zu früh. Er wird den neuen Planeten, Homestead II, nicht lebend erreichen. Wie die Zeit verbringen?

Ein raumfahrender Robinson

So viel zum ersten Teil des Films, dessen drei Akte ein bisschen wie drei verschiedene Arten von Film wirken. Auch wenn die Avalon auf Kurs ist: Der sympathische Jim alias Chris Pratt [Guardians of the Galaxy, Jurassic World] ist sozusagen gestrandet im All und seine Geschichte ist die eines Robinson Crusoe der Zukunft. Es ist der interessanteste Teil des Films. Er zeigt, wie wenig jede noch so fortgeschrittene Technik für unser Glück sorgen kann. Der Kaffeeautomat in der Kantine spuckt zwar nur die Plörre für Normalreisende aus, denn der Cappuccino ist den Reisenden der Goldklasse vorbehalten – ansonsten steht Jim allerhand Entertainment und einiger Luxus zur Verfügung. Doch bereits nach einem Jahr nagt die Einsamkeit so sehr an ihm, dass er ein psychisches Wrack ist.

Wie auf der Titanic

Da kommt Aurora [Jennifer Lawrence] daher – wohlhabende Journalistin und Reisende der Goldklasse. Diese Frau wäre für den einfachen Mechaniker, der davon geträumt hatte, sich auf dem neuen Kolonie-Planeten eine bessere Existenz aufzubauen, unter normalen Umständen unerreichbar. Der zweite Akt erzählt die Romanze zweier Menschen, die aufgrund des Klassenunterschieds einander nie begegnet wären. Das erinnert doch ein bisschen an Rose und Jack auf der Titanic. Doch in Passengers wird der Klassenunterschied nur angesprochen, aber nicht näher betrachtet. Im Umgang miteinander scheinen die beiden perfekt kompatibel. Wäre das wirklich so? Jim bekommt dank seiner Goldklasse-Freundin besseres Essen. Lernt er etwas von ihr? Lernt sie etwas darüber, wie das Leben in seiner Gesellschaftsschicht ist? Leider nicht – trotz Interview, das sie mit ihm für ihr Buch führt. Der Film verlässt sich hier über eine ziemlich lange Strecke darauf, dass alle gern dabei zusehen, wie ein attraktives Paar sich in einander verliebt.

Action als Ablenkung

„Vertraust du mir?“ Jim [Chris Pratt] und Aurora [Jennifer Lawrence]

Im dritten Akt wird Passengers zum Weltraum Action-Abenteuer. Die Avalon ist schwer beschädigt und unsere beiden Protagonisten versuchen in einem äußerst gefährlichen Einsatz, das Schiff zu retten. Es wirkt ein bisschen, als wäre hier die Zeit ausgegangen und auch das Interesse diesen Teil Geschichte ordentlich zu erzählen. Doch gerade in den Weltraumabenteuern der letzten Jahre haben wir entweder auf dem Mars [The Martian] oder in der Erdumlaufbahn [Gravity] erschreckend realistische Szenarien miterlebt, die die beklemmende Hilflosigkeit im All spürbar machten. In Passengers dürfen wir immer das Vertrauen haben, dass alles gutgeht.

Ein verwerfliches Vergehen

+++ SPOILER +++
Der Film hat unter Kritikern heftige Reaktionen ausgelöst. Denn: Anders als Jim, erwacht Aurora nicht zufällig. Jim hat Aurora lange Zeit in ihrer Hyperschlafkammer beobachtet, alles über sie in Erfahrung gebracht und sich so in sie verliebt. Er war so einsam, dass er seinem Leben ein Ende setzen wollte, doch stattdessen beschloss er, Aurora aufzuwecken. Er hat damit Auroras Leben zerstört und – noch schlimmer – sie dadurch ebenfalls zum Tod auf dem Raumschiff verurteilt. Nur weil er seine Einsamkeit nicht mehr ertragen wollte. So weit sind seine Motive nachvollziehbar. Sind sie aber verzeihlich?

Als Aurora erfährt, was Jim getan hat, ist sie wütend und hasst ihn leidenschaftlich – verständlicherweise. Die Gefahrensituation, die Jim und Aurora gemeinsam meistern müssen, schweißt die beiden jedoch wieder zusammen. Aurora erkennt, dass sie nicht ohne Jim auf dem Schiff weiterleben möchte. Jim wird verziehen – und zwar von Aurora und damit auch von uns als Publikum.

Jims Handeln ist praktisch Mord und wir sehen es ihm nach. Einige spinnen den Gedanken sogar so weiter: Wenn ein Film von einem Mann handelt, der eine Frau raubt oder vergewaltigt, verzeihen wir ihm dann, weil er doch so einsam war und so gut aussieht?
+++ SPOILER ENDE +++

Schuld ohne Sühne

Jim hat Aurora etwas Folgenreiches angetan, das mit unseren Werten nicht vereinbar ist. Der Schwachpunkt des Films ist es nicht, dass Aurora angesichts der lebensgefährlichen Situation auf dem defekten Schiff beschließt, Jim zu verzeihen. Das kann sie als Figur tun, aber die Tat selbst darf dennoch nicht ungesühnt bleiben. Kunst vermittelt auch moralische Werte. Und die vermittelte Moral ist hier höchst zweifelhaft, denn: Jims Tat hat am Ende keine Konsequenzen.

Unverzeihliche Urteilslosigkeit

Der Film präsentiert sich dadurch als recht harmlos. Passengers ist durchaus kein schlechter Film – auch wenn es die eine oder andere Schwäche gibt. Doch wegen der Verharmlosung und damit das Aufgeben einer moralischen Position verdient Passengers jede Schelte und die schlechten Bewertungen seitens der Kritik.

Meine Bewertung auf IMDB: 7 Punkte
Passengers ist technisch und visuell (das Schiff sieht in jedem Detail atemberaubend aus) großartig. Er ist trotz erwähnter Schwächen interessant und unterhaltsam – vor allem durch die zwei äußerst sympathischen Protagonisten. Die moralische Frage lasse ich bei meiner Bewertung außen vor.

Phantastische Tierwesen – und wie ich sie finde

Newt Scamander. So heißt der neue Held in Fantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind von J.K. Rowling. Die Geschichte spielt in der Welt der Magie, die uns bereits aus den Harry Potter-Büchern und Filmen bestens bekannt ist. Fünf Filme sollen es werden und Harry Potter wird darin nie auftauchen, denn: die Handlung ist 60–70 Jahre vor Harrys Geburt angelegt.

Die magische Geschichte

Newt – was für ein ungewöhnlicher Name. Er bedeutet: Wassermolch. Und wenn man so einen Namen trägt, dann scheint es nur logisch, dass man sich für ungewöhnliche Tiere interessiert. Das tut Newt [Eddie Redmayne]. Magische Tierwesen zu studieren und zu retten ist seine Mission – und diese führt ihn nach New York. Seine Tiere bringt er alle in einem kleinen magischen Koffer mit. Bald schon entkommt ihm ein „Niffler“ – ein possierliches Tierchen, das wie eine Kreuzung aus Schnabeltier und Maulwurf aussieht und auch einen Beutel wie ein Känguru besitzt. Diesen Beutel füllt es mit allem, was glitzert und glänzt. Und im New York der 20er Jahre glitzert und glänzt vieles. Beim Versuch, den Niffler einzufangen, zieht Newt den angehenden Bäcker Jacob Kowalski [Dan Fogler] in ziemlich gefährliche und komische Situationen rein. Dabei ist Jacob ein ganz normaler Mensch ohne magische Fähigkeiten. Er dürfte all das nie sehen und erleben. Newt macht sich gleich verdächtig und wird von der Agentin Tina Goldstein [Katherine Waterston] zum Amerikanischen Kongress für das Magische Volk, MACUSA, gebracht, doch er kommt bald wieder frei. Von da an beginnt die Geschichte erst richtig. Mehr Tiere entkommen und schon wenige Stunden später sollen Newt und Tina hingerichtet werden. Angeblich hat eines seiner Tierwesen einen Menschen getötet – noch dazu vor den Augen eines großen Publikums.

Endlich perfekt?

Colin Farrell als Percival Graves (Courtesy of Warner Bros. Pictures; © 2016 WARNER BROS ENTERTAINMENT INC. ALL RIGHTS RESERVED)

Colin Farrell als Percival Graves
(Courtesy of Warner Bros. Pictures; © 2016 WARNER BROS ENTERTAINMENT INC. ALL RIGHTS RESERVED)

Ich bin ein Fan der Harry Potter-Bücher. Und auch die Filme finde ich gut, obwohl sie wirklich nicht alle perfekt sind. Trotzdem habe ich mich schon seit einem Jahr auf Fantastische Tierwesen gefreut und nichts anderes als den perfekten Film erwartet, den ich in der Harry Potter-Serie nie zu sehen bekam – auch wenn Der Gefangene von Azkaban als einziger nah an Perfektion grenzte. Ich habe das Kino gestern mit gespaltenen Gefühlen verlassen.

Auf jeden Fall habe ich einen einen gut gemachten, sehr unterhaltsamen Film gesehen – aber eben keinen perfekten. Gespalten war nämlich auch der Film selbst: einerseits die Geschichte von Newt Scamander, seinen Tieren und allen Leuten, die er in seine Geschichte mit reinzieht. Diese Geschichte bietet einige schöne und sehr viele komische Momente, zielt aber stark auf die Jüngsten im Publikum ab.

Es wäre aber nicht J.K. Rowling, wenn da nicht noch sehr viel mehr daherkäme. Eine düstere Seite gibt es nämlich auch in Fantastische Tierwesen. Und diese hat Protagonisten, die Newt Scamander in den Schatten stellen. Wer sich den Film ansieht, darf sich auf Colin Farrell als Percival Graves, den Auror für magische Sicherheit freuen. Was genau hat er mit dem Credence Barebone [Ezra Miller] zu tun? Credence ist ein introvertierter Junge, der von seiner Adoptivmutter tyrannisiert und geschlagen wird.

Wer verzaubert unsere Herzen?

Zauberhaft: ALISON SUDOL as Queenie und DAN FOGLER as Jacob (Courtesy of Warner Bros. Pictures; © 2016 WARNER BROS ENTERTAINMENT INC. ALL RIGHTS RESERVED)

Zauberhaft: ALISON SUDOL as Queenie und DAN FOGLER as Jacob
(Courtesy of Warner Bros. Pictures; © 2016 WARNER BROS ENTERTAINMENT INC. ALL RIGHTS RESERVED)

Gewinnt Newt unsere Herzen? Vielleicht gemeinsam mit Tina Goldstein? Also, meines nicht. Das Herz des Films liegt nämlich anderswo: Bei Jacob Kowalski, dessen Traum es ist, eine Konditorei zu eröffnen, und bei Queenie, Tina Goldsteins Schwester. Die beiden sind sozusagen das Buffo-Paar. Beide sind für sich auf ihre Weise liebenswerte Charaktere und wenn sie zusammenkommen, dann stimmt auf der Leinwand die Chemie. Der Funke sprang direkt auf mich über.

Leider sprang bei Eddie Redmayne nichts auf mich über. Seine Darstellung des schüchternen Newt konnte mich einfach nicht überzeugen oder gewinnen. Dafür war Redmayne zu farblos und sein Spiel zu manieriert. Fand ich jedenfalls.

Die Spannung nach dem Finale

Auch wenn dieser Film geteilt wirkte, als wären hier zwei völlig verschiedene Geschichten nur zufällig zu einem Film verbunden worden, so kann man sich darauf verlassen, dass J.K. Rowling bereits das große Ganze im Auge hat und genau weiß, was sie tut. Dass sie das kann, hat sie bereits in ihren Harry Potter-Büchern bewiesen. Und so warte ich schon mit großer Spannung auf den nächsten Teil der Serie. Von einem dürfen wir ausgehen: Something wicked this way comes … Das Finale des Films deutet bereits darauf hin!

Aber zuerst seh ich mir Fantastische Tierwesen noch einmal an. Vielleicht war ich beim ersten Ansehen überkritisch, weil ich nichts als Perfektion sehen wollte, damit ich 10 Punkte vergeben kann.

Meine (vorläufige) Bewertung auf IMDB: 8 Punkte
Nicht perfekt, aber eine gute Einführung in ein neues Franchise, bei dem zwei Geschichten in zwei verschiedene Richtungen ziehen. Auf jeden Fall hat Fantastische Tierwesen visuell und an Details sehr viel zu bieten, auch wenn man sich für das erwachsene Publikum realistischere CGI-Tierwesen wünscht.

Inferno – 2 Stunden in der Hölle

Eine rasante Verfolgungsjagd als Eröffnung. Danach folgt ebenso pure Action an den spektakulärsten Schauplätzen der Welt. Der Hauptheld muss ständig sein Leben verteidigen, während er gleichzeitig nichts weniger versucht, als die Welt zu retten. Dabei steht ihm eine junge, attraktive Frau zur Seite. Das sind mehr oder weniger die Zutaten einer der erfolgreichsten Filmserien der Welt. Ihr Held: Geheimagent 007, James Bond.

Alle Welt schaut sich die Bond-Filme an. Ich auch. Und in meiner Bewertung kommt Bond stets mit einem Folklore-Bonus davon – selbst wenn die Schwächen der Story durch die viele Action nicht übertüncht werden können [siehe die zartbitter Kritik zu Spectre]. Seit 50 Jahren gibt es alle paar Jahre ein neues Abenteuer und man weiß immer, was man zu erwarten hat. Schlüssigkeit ist dabei keine Kategorie.

Inferno ist der dritte Film nach den Büchern von Dan Brown mit Professor Robert Langdon als Held. Die Serie folgt ganz dem erfolgreichen Bond-Rezept. Geht es auf?

Der Inhalt

Robert Langdon [Tom Hanks] wacht in einem Krankenhaus in Florenz auf. Er kann sich an nichts erinnern. Noch im Krankenhaus entgeht er knapp einem Mordversuch und flieht. Seine behandelnde Ärztin Dr. Sienna Brooks [Felicity Jones] ist mit ihm in diese Situation geraten und weicht fortan nicht von seiner Seite. Nach und nach kommen Erinnerungsfetzen und Langdon, Harvard-Professor für religiöse Ikonologie, ist dabei, ein großes Rätsel zu lösen. Ein künstlich geschaffenes Virus, das die Hälfte der Menschheit ausmerzen kann, soll freigesetzt werden. Entwickelt hat es der Milliardär Bertrand Zobrist [Ben Foster], denn er ist überzeugt, dass bei der drohenden Überbevölkerung der Erde die ganze Menschheit dem Untergang geweiht ist.

Rätsel-Rallye vor historischer Kulisse

inferno

Lauf, Robert Langdon, lauf

Robert Langdon befindet sich also wieder auf einer Geschichts-Schnitzeljagd, die ihn von Florenz nach Venedig und schließlich nach Istanbul führt – und das alles innerhalb 12 Stunden. Dabei stellt sich allerdings alles, aber auch wirklich alles, was in diesem Film passiert von vorn bis hinten als sinnlos heraus. Warum hängt der Plan des Milliardärs davon ab, dass Langdon alle Rätsel löst, bevor das Virus freigesetzt wird? Das Ganze funktionert auch ohne Langdon und ohne dieses aufgeblasene, pseudo-gelehrte und symbolbehaftete Getue unter Berufung auf Dante. Warum die Freisetzung des Virus in der Zisterne von Istanbul? Wozu? Der „versunkene Palast“ ist zwar atemberaubend, aber Zobrist sieht in seinem Vorhaben Pragmatismus. So jemand würde sein Vorhaben wahrscheinlich nicht mit all dem mystischen und rituellen Beiwerk hochdramatisieren.

Zugegeben, das klingt jetzt alles nicht viel anders als bei James Bond. Ist es auch nicht unbedingt. Darf man denn Filme mit zweierlei Maß messen? So ungerecht es klingt: Ich finde, man darf. James Bond nimmt sich selbst nicht so ernst. All die bewusst überdrehte Action und die absurden Storys sollen dem dem Publikum einfach Spaß machen. In Inferno laufen wir mit Robert Langdon durchs Museum, wie in Der DaVinci Code, aber von Spaß ist hier keine Spur. Denn zu allen Widersinnigkeiten ist unser Held auch noch ziemlich humorlos. Wenn ich schon im Kino dieser Ernsthaftigkeit und diesem Geschichts-Blabla ausgesetzt werde, dann will ich wenigstens etwas über Dantes Inferno lernen – oder über die wirklichen Probleme einer drohenden Überbevölkerung in den nächsten 40 Jahren. Das hab ich nicht.

Meine Bewertung bei IMDB: 5 Punkte
Aufgeblasenes, schwerfälliges Nichts. Das beste daran ist Tom Hanks, der für die Rolle des Robert Langdon diesmal sogar eine neue Perücke erhalten hat und somit die infernale Frisur der ersten beiden Teile endlich los ist.

Sweet Transsexual – Rocky Horror Picture Show 2016

Konnten nach der sexuellen Revolution noch Tabus gebrochen werden? Ja – das Bühnen-Musical The Rocky Horror Show bewies das Anfang der 70er Jahre. Männer in Frauenkleidern gab es auf Bühnen und in Filmen zwar immer – doch nur in harmlosen Verwechslungskomödien. Ein sexuell aktiver bisexueller Transvestit war allerdings eine völlig neue Kategorie. Dennoch erreichte diese Art Provokation eine sehr breite Masse. The Rocky Horror Picture Show von 1975 ist daher sowohl für die Babyboomer-Generation sowie für die Generation X ewiger Kult. Egal wie schlecht andere Filme mit Tim Curry sind – er wird für Rocky Horror-Fans der einzig wahre laszive, anziehend-abstoßende Dr. Frank-N-Furter bleiben.

Der Fernsehsender Fox hat dieses Jahr eine Neuauflage des Klassikers gewagt. Warum auch nicht?

Transsexuell vs Transvestit

Was könnte die Neuauflage also Neues bieten? Hauptsächlich Laverne Cox – sie ist die erste offen lebende transsexuelle Darstellerin und LGBT-Aktivistin, die einem breiteren Publikum bekannt ist – und zwar aus der hocherfolgreichen Netflix-Serie Orange Is The New Black [Anm.: empfehlenswert]. Kann die Neuauflage der Rocky Horror Picture Show mit Laverne Cox in der Hauptrolle provozieren? Ich hatte mich auf den Fernsehabend gefreut. Doch schon nach den ersten Minuten stellte ich fest: Hier wirkt nichts frisch, frech oder auch nur annähernd anrüchig oder provokant. Alleine der Frank-N-Furter-Look ist nicht mit dem von Tim Curry zu vergleichen – das skurrile Make-up und das trashige Outfit haben viel zum Kult-Status der Figur beigetragen. Und, sorry, Ms Cox: I did not „shiver with antici… … … … [oh well – say it already, dammit] …pation“. Niemand wird an dieser Stelle Tim Curry je das Wasser reichen können.

Transsexualität könnte für Rocky Horror durchaus als Steigerung zu Transvestismus angesehen werden und zu einer geeigneten Adaption des Stoffs für die heutige Zeit anregen. Warum ist das nicht passiert? Seit den 70er Jahren sind viele Tabus gebrochen worden. Cross-Dresser oder Trans-Personen führen heute viel öfter kein verstecktes Leben mehr und sind längst auch in unserer alltäglichen Wahrnehmung angekommen. Das große Manko bei Laverne Cox war letztlich, dass sie durch und durch die Frau spielt, die sie heute auch tatsächlich ist. Ich meine damit, dass ihr Frank-N-Furter es an Ambivalenz fehlt. Sie setzt in der Rolle zwar auch ihre männliche Stimme ein, doch äußerlich dringt kein Fünkchen einer männlichen Ausstrahlung durch. Kostüm und Makeup lassen das nicht zu – anders als in Orange Is The New Black, wo ihr Gesicht nicht völlig hochglanzlackiert ist. Wo in Rocky Horror das Kostüm die richtigen Stellen quetscht und puscht, verrät ihr Gefängnisoutfit in Orange trotz der Brüste noch verbliebene Hinweise ihres biologischen Geschlechts, wie Taille oder Schultern. Die Kostüm- und Maskenbildner der Rocky Horror-Neuauflage haben es einfach zu gut gemeint.

[Seht euch hier den Trailer an oder scrollt runter und lest weiter]

 

Colour Boosting vs Talent

The Rocky Horror Picture Show – Let’s Do The Time Warp Again hätte dennoch noch ein unterhaltsamer Film werden können. Woran es fehlte, war sexuelle Spannung. Das liegt nicht nur an Laverne Cox‘ Darstellung von Dr. Frank-N-Furter. Das dröge Paar Brad und Janet wird mit einer neuen Welt und einer völlig anderen Lebensart konfrontiert, die beiden machen neue, aufregende sexuelle Erfahrungen und bleiben am Ende doch farblos und uninteressant. Mehr kann ich dazu gar nicht sagen. Ach ja, von wem wurden Brad und Janet in der modernen Fassung nochmal gespielt? Egal, es werden keine Weltkarrieren daraus werden, wie seinerzeit die von Susan Sarandon.

Der Tiefpunkt bei den Besetzungen war für mich Reeve Carney als Riff Raff ohne Buckel. Ok, Buckel ist nicht notwendig, aber Riff Raff ist als Charakter ein verschlagener, abstoßender Kretin. Reeve Carney ist geschminkt und trägt Perücke, bleibt aber fade und uncharismatisch, wie immer. Er bringt nichts davon mit, wodurch er als gruseliger Widerling überzeugen könnte.

Einzige Überraschung: Adam Lambert als Eddie! Wer hätte das gedacht? Eine Rolle anzunehmen, die vor ihm Meat Loaf mit viel Körper- und Stimmvolumen ausgefüllt hat, war mutig. Doch Adam Lambert hat die Show für ein paar Minuten so richtig gerockt und zeigte außerdem, dass in ihm ein richtiger Comedian steckt.

Zu Tim Currys Rolle als Erzähler möchte ich nicht viel sagen. Nur so viel: Jeder muss sein Geld verdienen, daher verstehe ich, weshalb er sich für das Projekt zur Verfügung gestellt hat. Er soll uns allen aber lieber als Frank-N-Furter in Erinnerung bleiben.

Whatever happened to Fay Who?

Bleibt noch ein Thema. The Rocky Horror Picture Show ist auch eine nostalgische Hommage an die klassischen Horror B-Movies der 1930er bis 50er Jahre. Waren diese in den 70er und 80er Jahren noch fixer Bestandteil des Fernsehprogramms, hat ein junges Publikum von heute keinen Bezug mehr dazu. Schon allein deshalb ist die Neuauflage der Rocky Horror Picture Show völlig aus der Zeit gefallen. Und seien wir ehrlich: Bei allem Kult. Wenn man heute die Ur-Version der Rocky Horror Picture Show ansieht, dann tut man es ebenfalls aus purer Nostalgie. Eine nostalgische Hommage an diesen Klassiker aus den 1970er Jahren wäre im Jahr 2016 sicher interessanter gewesen.

 

The Rocky Horror Picture Show – Let’s Do The Time Warp Again (2016) lief in den USA am 20. Oktober 2016 auf Fox

Meine Bewertung auf IMDB: 4 Punkte
Insgesamt hat diese Neuauflage des kultigen Rocky Horror Musicals nicht viel mehr zu bieten als aktuell bekanntere Gesichter und sattere Farben, damit die bunten Kostüme und Make-ups gut rüberkommen. Es fehlt die Seele.

Piloten, Helfer, Pazifisten – Geschichten über echte Helden

„Es gibt so viel coole Storys, die man verfilmen könnte. Fällt denen nichts mehr ein? Es gibt so viel echte Helden auf dieser Welt, warum pikt [sic] man sich da niemanden heraus?“ So lautete einen Kommentar, den jemand unter meinen Filmbericht über Die glorreichen Sieben setzte.

Hier sind gleich zwei Beschwerden enthalten:
1. Es gibt keine neuen Storys.
Meine Antwort: Stimmt überhaupt nicht.
2. Niemand macht Filme über Menschen, die echt was geleistet haben.
Meine Antwort: Die gibt es doch. Aber das Marketing dafür ist nicht so stark.

Darum möchte ich diesmal ein paar neue Filme über Helden des echten Lebens vorstellen.

 Sully

Am 15. Jänner 2009 machte ein Mann weltweit Schlagzeilen: Der Pilot Chesley „Sully“ Sullenberger. Nach einem Vogelschlag waren beide Triebwerke seiner Maschine ausgefallen. Anstatt zu versuchen zum Flughafen umzukehren, beschloss er, auf dem Hudson River notzuwassern. Alle 155 Passagiere überlebten.

[Seht euch hier den Trailer an oder scrollt runter und lest weiter]

Der Film Sully erzählt keine hochdramatisierte Geschichte, die im „Absturz“ des Flugzeugs gipfelt. Vielmehr wird betrachtet, wie Sullenberger es nach der aufsehenerregenden Notlandung erging. Denn einerseits rissen sich die Medien und die Öffentlichkeit um den Helden, während gleichzeitig ein Untersuchungsverfahren eingeleitet wurde. Ihm wurde vorgeworfen, er habe immensen Sachschaden verursacht und das Leben der Passagiere gefährdet.

Der Film erzählt sehr unaufgeregt und neutral, aber dennoch spannend. Sully wirkt sehr authentisch – selbst in den Szenen, wo der Absturz gezeigt wird. Es gibt keine kreischenden oder sich irrational verhaltenden Passagiere, wie man sie in so manchen Katastrophenfilmen sieht.

Tom Hanks ist in der Rolle des Sully perfekt besetzt. Wieder einmal. Er hat auch schon früher Helden des echten Lebens verkörpert, wie James B Donovan in Brige of Spies oder Richard Philops in Captain Philips – beide Filme ebenfalls sehr sehenswert.

Sully läuft bei uns ab 1. Dezember im Kino

The White Helmets

Die Weißhelme sind eine syrische Zivilschutz-Organisation. Über 1000 Menschen sind im ganzen Land zur Stelle, wenn Bomben fallen und Hilfe benötigt wird. Sie retten Menschen aus Trümmern, bergen Leichen und löschen Brände. Sie begeben sich täglich für andere in höchste Gefahr. Dafür haben sie im September den Right Livelyhood Award erhalten – den alternativen Nobelpreis.

Die 40-minütige Dokumentation wurde 2016 gedreht und folgt drei Männern, die in Aleppo bei den Weißhelmen täglich im Einsatz sind. Sie kommen aus allen möglichen Berufen, wie Schneider oder Bauarbeiter. Schon wenn sie ein Flugzeug hören, springen sie auf und tatsächlich fallen bereits kurz darauf die Bomben. Sie retten, suchen, weinen – oft vor Schmerzen, oft vor Glück. Manchmal da lachen sie auch – oder sie reden über Hoffnung. Auch das ist bewundernswert.

[Seht euch hier den Trailer an oder scrollt runter und lest weiter]

Authentischere Einblicke in die Zustände in Aleppo bekommt man selten. Es ist mitunter unbequem, sich das anzusehen. Doch gerade dann ist es wichtig nicht wegzuschauen, denn sonst werden wir uns die verheerenden Zustände nie annähernd vorstellen können.

Zu sehen auf Netflix

Hacksaw Ridge

Kann man Soldat und Pazifist sein? Desmond Doss konnte das. Er und nur zwei weitere US-Soldaten verweigerten im zweiten Weltkrieg den Dienst an der Waffe. Vom Kriegsdienst zurückgestellt wollte er trotzdem nicht werden. Er diente seinem Land ohne Waffe – und rettete dennoch im Schlachtfeld vielen Kameraden das Leben. Dafür erhielt er als erster Soldat, der keinen einzigen Schuss abgefeuert hatte, die höchste Auszeichnung für Verdienste um die USA.

[Seht euch hier den Trailer an oder scrollt runter und lest weiter]

Bisher habe ich nur den Tailer gesehen. Andrew Garfield scheint eine gute Wahl für die Figur des Desmond Doss. Insgesamt dürfte die Geschichte recht sehenswert sein, auch wenn der Film nicht ganz ohne Pathos auskommt.

Ab November läuft Hacksaw Ridge in den USA (möglicherweise folgt dann schon ein detaillierter Bericht), ab Jänner ist er dann auch in Deutschland und Österreich zu sehen.

Und die Frauen?

Dieses Jahr ist mir erst ein einziges Biopic über eine Frau aufgefallen: Joy mit Jennifer Lawrence. Joy Magnano war die Erfinderin des ersten Wischmops, den man nicht per Hand auswringen musste. Das kann nicht die einzige weibliche Heldentat gewesen sein. Ich mache mich gleich auf die Suche, nach weiteren neuen Filmen über wahre Heldinnen. Wenn jemand Tipps dafür hat, dann freue ich mich. Schreibt mir doch.

(Beitragsbild: Bill Kirkpatrick
https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/legalcode)