Interessantes zum Thema Gesellschaftspolitik

Ich kann im Moment mit einigen Dingen nicht umgehen. Vieles beschäftigt mich, was in der Zeitung steht, was ich im Fernsehen sehe und was ich täglich selbst sehe und mitbekomme.flucht

Ich kann nicht verstehen, warum bei uns und in gesamt Europa Menschen, die Hilfe brauchen diese Hilfe verwehrt oder erschwert wird. Dass Menschen nicht Willkommen geheißen, sondern nochmals verschreckt werden, bevor sie in sogenannte Verteilerzentren kommen.

Was geht in uns vor? Viele Leute hier haben selber Angst und wissen nicht, was auf sie zukommt, wenn Menschen, die anders aussehen und nicht Deutsch sprechen, neben ihnen einziehen.
Liegt es an ein paar kleinformatigen Medien, die nur die schlechten Dinge hochpushen oder gar Lügen verbreiten?
Liegt es an der Politik, die vieles einfach verschlafen hat und immer wieder rausgeschoben hat, die keine Infos an die Bevölkerung weitergibt und nur über Quoten redet?

Ich kann es nicht sagen, an wem es liegt. Meiner Meinung nach liegt es an uns allen. Es ist viel einfacher, die Schuld jemandem anderen zuzuschieben, um selber im Schutz der eigenen vier Wände die Augen zu schließen. Viele denken: Zeltstadtsolange es mich nicht trifft, interessiert es mich auch nicht.

Es ist echt an der Zeit, dass wir alle die Augen aufmachen, gegensteuern wenn es jemanden schlecht geht, Hilfe anbieten wo Hilfe gebraucht wird. Menschen unterstützen, die bereits Menschen unterstützen. Jeder ist gefragt und wird gebraucht, um endlich das schlechte Gefühl in der Öffentlichkeit zu ersticken.

Lasst uns zusammen helfen, um das Gute zu verbreiten, reden wir uns zusammen und finden wir Ideen, was wir machen können, um Angst zu nehmen und Missverständnisse aufzuklären.
Es braucht oft nicht mal die Geldtasche geöffnet zu werden, obwohl es natürlich bei manchen Ideen für die Umsetzung hilft. Oft reicht auch einfach eine helfende Hand. Redet mit den Nachbarn, fragt wovor sie Angst haben. Gebt Infos und klärt die Menschen in eurer Umgebung auf, nehmt sie mit zu Veranstaltungen die für Asylsuchende gemacht werden. Es gibt so viel was man machen kann, nur man muss es machen!

Viele Vereine und öffentliche Institutionen arbeiten bereits mit Hochdruck. Weiter unten findet ihr eine Menge Links zu Infos, wo und wie man helfen kann.

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So gehts auch. Flüchtlinge und ihre österreichischen Nachbarn beim gemeinsamen Grillen

Sollte jemand die eine oder andere Idee haben, ganz egal in welche Richtung diese gehen mag, freue ich mich wenn ihr mir diese schreibt. Hinterlasst einen Kommentar oder schreibt mir eine E-Mail an robert@zartbitter.co.at mit euren Ideen.
Vielleicht können wir eine gemeinsame Aktion starten, mit der wir Gutes tun können. Mir persönlich ist es ein großes Anliegen. Und, ja, ich bin altmodisch, denn glaube ich immer noch an das Gute im Menschen – egal woher diese kommen, welche Sprache sie sprechen oder wie alt sie sind.

Lasst uns zusammenhelfen und Gutes tun! Zusammen sind wir viel stärker und lauter als manche Gruppierungen, die versuchen, alles schlecht zu machen und die Misstrauen gegen Flüchtlinge schüren. Dabei kommen diese Menschen doch nur zu uns weil sie Schutz suchen.

Ps: Ich selber bin auch erst dabei zu entscheiden, auf welche Art und Weise ich helfen kann und möchte.
Ich werde aber sicher auf zartbitter über meine Erfahrungen berichten.

http://www.menschenrechte-salzburg.at/nc/home/einzelansicht/article/fluechtlinge-in-salzburg-hier-koennen-sie-helfen/10.html
http://www.fluechtlinge-willkommen.at
https://www.caritas-salzburg.at/hilfe-angebote/asyl-integration/
https://www.facebook.com/pages/Refugees-Welcome-to-Austria/829065090522121?hc_location=ufi
http://www.sosmitmensch.at/site/home/article/1041.html
http://www.salzburg.gv.at/salzburghilft
https://fluechtlingsdienst.diakonie.at/einrichtung/salzburg-integrationshaus
https://itunes.apple.com/at/album/schweigeminute-traiskirchen/id1030744053?app=itunes&ign-mpt=uo%3D4

von Edwin Zappe

Ich liebe das Fremde, das Ungewöhnliche, so auch den Fremden, den Anderen, ob von Europa, Asien oder Afrika, aber nur dann, wenn ich in Harmonie mit mir selber bin. “Fremd Bist Du Dir Selbst” lautet der Titel eines faszinierenden Buches.

Ach ja, liebte ich mich doch selber! Ja, dann könnte ich die gesamte Welt umarmen, und nicht nur meine Familie. Ach ja, würde ich mich kennen, meine Gedanken und Gefühle, dann wüsste ich, dass” der Fremde” ich selber bin. Warum? Ist nicht die Pupille eines Fremden, ja sogar die Pupille eines Tieres, genauso wie meine Pupille? Was heißt das? Die Pupille eines jeden Menschen und Tieres ist ein wirklicher Spiegel! Also, ein jeder Mitmensch spiegelt mich, und was ich von ihm oder von ihr halte, halte ich von mir. “Ich bin ein Spiegel und werauchimmer von mir spricht, gut oder schlecht, er spricht immer von sich selber”, sagt ein großer persischer Dichter.

Und unsere Politiker, die Guten und nicht so Guten? Diese sind nicht so viel anders wie ich, ja, wie wir alle.  Warum?

Haben nicht wir selber sie ausgesucht und gewählt?  Haben sie nicht dieselbe Luft wie wir geatmet, die gleichen Schulen besucht, dieselben Fernsehsendungen gesehen, das gleiche gesunde oder ungesunde Essen verschlungen? Und was ist zu tun? Bitte, lasset uns in Güte und Liebe unsere Familie, unsere Nachbarn und Freunde, die Fremden in unserem Lande und all die anderen Fremden auf unserem schönen, ja wunderschönen Planeten in unser Herz aufnehmen. Und dann? Ja dann, dann schaffen wir keine Probleme mehr, denn dann sind wir glücklich. Und der Glückliche “umarmt” sich selber, und damit die gesamte Welt und sagt dadurch: “Ich bin Du, und Du bist Ich.”

(Prof. Edwin Zappe, Salzburg, hat Vorträge in 19 Ländern gehalten, davon 12 in Asien, und lebte 18 Jahre in der „Fremde“ –Orient und Asien).

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Deutschkurs im Verein VIELE 2011

Zuerst einmal ein großes Danke an alle die in der Flüchtlingsarbeit ehren- und hauptamtlich tätig sind. Das ist nicht selbstverständlich. Es ist ein Zeichen großer Solidarität und Hilfsbereitschaft. Viele unterrichten Deutsch für die Flüchtlinge. Die Sprache ist der erste Schritt, um ein bisschen mit der neuen Umgebung vertraut zu werden.

Ich habe 20 Jahre Deutsch für MigrantInnen unterrichtet und möchte mit den 13 Tipps für den Deutschkurs jene bestärken, die das vielleicht zum ersten Mal machen und die eine oder andere Unsicherheit haben. Ich freue mich auch über Ergänzungen und weitere Tipps von LehrerInnen, die Erfahrung haben.

Meine 13 Tipps:

1. Du leitest den Unterricht und damit genießt du hohen Respekt. Alle blicken auf dich und vertrauen dir zu 100%. Oft bist du die einzige einheimische Person, mit der die SchülerInnen intensiv Kontakt haben. Du bist also repräsentativ für Österreich und alle deine Aussagen und dein Verhalten werden natürlich als typisch österreichisch gesehen.

2. Hab keine Angst vor einem bunten Mix aus Nationen, Sprachen, Religionen und Kulturen. Denn eines eint alle: Sie wollen Deutsch lernen. Um ein gutes Gemeinschaftsgefühl herzustellen, versuch weitere Gemeinsamkeiten zu finden und lass fragen: Familienstand, Alter, Hobbies, Lieblingsessen, Lieblingsfarbe…

3. Versuch so schnell wie möglich deine SchülerInnen mit Namen anzusprechen, aus Erfahrung weiß ich, dass manche Namen unaussprechlich sind, dann entschuldige dich und probier es weiter. Ich habe im Unterricht immer das DU gehabt, aber SIE ist genauso in Ordnung.

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Der Dialekt gehört dazu im Unterricht!

4. Deutsch ist eine sehr schwierige Sprache mit ganz vielen unlogischen Regeln, da es immer viele Ausnahmen gibt. Konzentrier dich auf die Regel. Versuch nicht alle Ausnahmen gleich mit zu erklären das verwirrt nur. Für die Ausnahmen ist später auch noch Zeit genug.

5. Versuch Wörter zu finden, die in vielen Sprachen zumindest ähnlich klingen. Bus, Motor, Spital, Kaffee, Telefon und vieles mehr. Damit könnt ihr dann schon einfache Sätze bilden. Eine besondere Freude sind Wörter im Deutschen, die aus einer anderen Sprache kommen. Joghurt und Fisolen sind zum Beispiel türkische Wörter. Ziffer, Zucker  und Sofa kommen aus dem Arabischen. So kann man gut eine Brücke zwischen den Sprachen bauen.

6. Es ist möglich, dass in einem Kurs Menschen sitzen, die sich noch vor einigen Monaten bekriegt haben, die gelernt haben sich zu hassen. Wenn du Spannungen oder gar heftige  Auseinandersetzungen aus diesen Gründen bemerkst, dann sprich das offen an und erkläre den Deutschkurs zu einer neutralen Zone. Wenn das nicht hilft müssen beide den Kurs verlassen. In zwanzig Jahren war das bei mir nur einmal der Fall. Auch andere Konflikte sollten gleich angesprochen werden, zuerst im Einzelgespräch, damit niemand das Gesicht verliert, erst dann in der Gruppe.

7. Viele Flüchtlinge haben Schreckliches erlebt. Es kann dir passieren, dass du mit einem Wort etwas in einem Menschen auslöst, das zu einem sehr heftigen Gefühlsausbruch führen kann. Es gibt kein Patentrezept für so eine Situation. Manchmal ist es gut mit der Person aus der Gruppe raus zu gehen und darüber zu sprechen. Manchmal ist die Person dann gerne alleine. Manchmal braucht es den Trost der gesamten Gruppe. Nähe und Distanz im richtigen Maß zu finden ist hier eine Herausforderung, auch körperlich. Ich erinnere mich an eine ägyptische Schülerin die ihre japanische Mitschülerin trösten wollte. Sie umarmte und drückte sie, weinte, während die Japanerin zur Salzsäule erstarrte.

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Wer rechnet wie?

8. Auch wenn du nicht vorbereitet bist, lässt sich der Unterricht toll gestalten. Mach einfach eine Stunde wo du den SchülerInnen Löcher in den Bauch fragst und sie dich. Und lass immer alles wiederholen – mit der Wiederholung legst du ein festes Fundament für deine SchülerInnen.

9. Gerade beim Anfängerkurs ist es wichtig den SchülerInnen die Angst zu nehmen. Wie gesagt Deutsch ist eine sehr schwierige Sprache und Fehler entmutigen. In vielen Ländern ist es sehr sehr peinlich Fehler zu machen, viele SchülerInnen sagen dann lieber gar nichts. Also mach auch du mal einen Fehler, lach dich dann selber dafür aus! Dann verlieren auch deine SchülerInnen die Angst vor Fehlern.

10. Nimm dir vor und nach dem Unterricht ein bisschen Zeit, um ein kurzes persönliches Gespräch mit einem Schüler zu haben. Das stärkt das Selbstbewusstsein fürs Lernen.

11. Hol deine SchülerInnen auch immer wieder raus an die Tafel oder zum Flipchart. Das ist am Anfang immer ein großes Hemmnis, je öfter du das machst, umso leichter tun sich deine SchülerInnen dann vor einer Gruppe zu stehen und Deutsch zu reden und zu schreiben.

12. Und wie immer gilt, dass Musik das Leben leichter macht, in diesem Fall das Deutschlernen. Es gibt wunderbare deutsche Schlager. Bereite einen Lückentext vor in dem die einfachsten Vokabeln fehlen, die die  SchülerInnen beim zweimaligen Hören des Liedes ergänzen. Auch wenn du selbst nicht singen kannst, stell dich vorne hin, lass alle SchülerInnen aufstehen und dann gemeinsam singen! Ich empfehle im Anfängerkurs: Das bisschen Haushalt von Johanna von Koczian, Ich will keine Schokolade von Trude Herr und für die leicht Fortgeschrittenen ist Roland Kaisers Dich zu lieben immer herrlich. Liedtexte eignen sich auch fabelhaft dafür kulturelle Einstellungen und ihre Veränderungen zu besprechen. Aja und da ist noch ein ganz wunderbares Lied für Fußballfans, Wetterinteressierte und für den Einstieg in die Welt der Pronominaladverbien: Er steht im Tor von Wencke Myhre.

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Abschlussfest 2012 im Mirabellgarten

13. Mit jeder Deutschstunde transportierst du auch den österreichischen Alltag, aber ebenso besondere Feste und Traditionen. Mach alle Feiertage und Feste zum Thema deines Kurses. Erzähl von Traditionen, bring vor Weihnachten ein paar Kekse mit und mach ein großes Eierpecken vor Ostern. Lass die SchülerInnen teilhaben an dieser besonderen Zeit, auch wenn du selbst vielleicht kein Weihnachten feierst, es gehört einfach dazu. Und je mehr deine SchülerInnen darüber wissen umso schneller fühlen sie sich zugehörig. Erkundige dich aber auch bei deinen SchülerInnen nach ihren Bräuchen und Festen, das ist sehr spannend und weitet den eigenen Horizont und baut eigene Vorurteile gegenüber anderen Kulturen ab.

Und ein Versprechen gebe ich hier: Jede Energie, die man in den Unterricht steckt, bekommt man doppelt und dreifach von den SchülerInnen zurück! Es ist einfach eine große Freude!

Wer jetzt Lust bekommen hat, kann sich hier melden: Sprachtraining in Salzburg

Und hier noch ein paar weitere Tipps, Geschichten und Anregungen aus den letzten 20 Jahren:

Die Integration und der Nikolaus

Die Toten im Leben

Danke in 100 Sprachen

Mit Kind und Kegel

Rechnen mal anders

Vom Rummelplatz zu Otto Rehagel

Nix oder Net

Sprache ist multikulturell

Die sollen Deutsch lernen

Das liebste Wort im Deutschen

ich1Habt ihr das auch schon satt? Jeden Tag ist die Rede von Fluten uns Strömen, die sich nach Europa ergießen. Flüchtlingsströmen und Flüchtlingsfluten. Massen, die nach Europa wollen. Flüchtlingsmassen. Diese Fluten, Ströme und Massen leiten wir dann in Zeltstädte, Übernachtungsbusse und Sporthallen. Wir glauben mit diesen Begriffen unsere Hilflosigkeit entschuldigen zu können, gegen eine Flut kommt man bekanntlich nicht an!

Wie peinlich ist das. Sind wir wirklich überrascht darüber, dass Menschen vor einem Krieg fliehen, in dem Menschen Menschen in die Luft sprengen, ermorden und vergewaltigen? Wundert uns das wirklich? Oder schämen wir uns eigentlich, dass wir seit Jahren zusehen, wie sich im Nahen Osten die Eskalationsspirale dreht und wir gehofft haben, dass es sich wieder legt. Von Somalia, Afghanistan und dem Sudan wollen wir gar nicht mehr sprechen. Dort ist Krieg Alltag, interessiert uns auch nicht mehr so richtig. Aber Syrien, der Irak, Libyen das ist frisch und hat uns aus unserer Gemütlichkeit geholt. Und wir sollten zumindest ein kleines bisschen menschlicher umgehen mit den Strömen, Fluten und Massen.

Wir wollen den Menschen ein Gesicht geben und eine kleine Geschichte dazu.

Jeder Flüchtling, der aus der Anonymität geholt wird macht die Flut kleiner und den Umgang miteinander respektvoller und menschlicher. Also schreibt uns eine Nachricht oder meldet euch über Facebook.

Koteiba aus Syrien

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Koteiba aus Syrien

Seit vier Monaten ist der 33jährige Koteiba nun in Österreich, er wohnt in einem Kloster, lernt Deutsch und wünscht sich bald arbeiten zu können. Das hat er uns geschrieben:

„Mein Name ist Koteiba, ich komme aus Syria, 33 Jahre, Damaskus.

Ich bin vor dem Krieg geflohen.

Ich hoffe einen Job zu finden.

Ich möchte fertig studieren Computer Ingenieur.

Ich möchte mich für Ihre Hilfe bedanken.

Ich wünsche mir eine bessere Zukunft.

Ich fühle mich schon besser und bin optimistisch.“

Wir danken Koteiba, dass wir ihn kennenlernen durften und wünschen ihm alles Gute!

„Ein letztes Mal marschiert die Salzburger Militärmusik auf, um Bundespräsident Heinz Fischer anlässlich der Festspieleröffnung zu begrüßen“, so die Ansage in der Sendung „Salzburg heute“, an diesem Sommertag im Juli 2015. In Salzburg gab es Demonstrationen und lautstarkes Aufbegehren gegen die Einsparungen bei der Militärmusik – denn die geplante Dezimierung sei de facto deren Abschaffung. Zu zwölft könne man nun einmal den Radetzkymarsch nicht blasen. Wenn diese Einsparungspläne alle Wirklichkeit würden, man stelle sich vor, dann, ja dann würde der berühmte Radetzkymarsch nur mehr einmal jährlich erklingen, und da nur als Zugabe*.

Das sind die echten Sorgen des Bundesheers in Österreich. Ja, sie murren, weil Ausrüstung und Gerät unzureichend sind, die Verpflegung miserabel und wenn die Übungen jemals Ernstfall würden, frage nicht. Aber demonstrieren, Medieninteresse, öffentliche Diskussion – das gibt es nur bei den Einsparungsplänen für die „Musi“.

I love you, Österreichisches Bundesheer. Denn Soldaten, die in die Tuba blasen, Soldatinnen, die den Trommelwirbel intonieren und Generäle, die den Taktstock schwingen, haben eines gemeinsam: so lange sie das tun, so lange sie nur das tun wollen, so lange sie den Radetzkymarsch blasen, ja: so lange können sie nicht schießen. „Bella gerant alii, tu felix Austria ….cane.“ – „Kriege führen mögen andere, du, glückliches Österreich …musiziere“, so könnten wir das berühmte Zitat über die Heiratspolitik der Habsburger anpassen („tu felix Austria nube“ , „heirate“ heißt es eigentlich). Können wir statt der nächsten Schlacht bitte den Radetzkymarsch nochmal hören? „Datadám Datadám Datadám Damdám Dadadámdadám…oder: „Wann da Hund mit da Wurscht umman Eckstoa springt…“ peace 2

*Der Radetzky-Marsch (Armeemarsch II, 145) ist ein von Johann Strauss (Vater) komponierter und dem Feldmarschall Josef Wenzel Graf Radetzky von Radetz gewidmeter Marsch. Seine für Österreich-Ungarn symbolische Bedeutung hat er, weil Joseph Roth seinen Roman über den Untergang der Doppelmonarchie Radetzkymarsch nannte (aus Wikipedia). Der Marsch erklingt alljährlich beim Neujahrskonzert als Zugabe; der Dirigent leitet dabei nicht nur die Wiener Philharmoniker an sondern auch die Intensität und Lautstärke des mitklatschenden Publikums.

Der Genozid in Bosnien und die Serbin, die für Gerechtigkeit einstand

von Adis Šerifović

Meine Tante und meine Mutter[1]

Meine Tante und meine Mutter

Sie eilt durch die leeren, aber gefährlichen Straßen von Brčko, eine Stadt im Nordosten Bosniens. Die Schuhe klackern am Boden, sie versucht sich unauffällig zu verhalten. In der Hand hat sie eine Liste mit Namen, Adressen und Wertgegenständen, die den jeweiligen Personen gehören. Langsam und bedacht öffnet sie eine „Kapija“, eine Gartentür, die in die „Avlija“, in den Garten führt.

Der Soldat beim Haus fragt sie nach ihrem Ausweis. Sie zeigt ihm ihren Ausweis aus der Jugendzeit. Der Soldat fragt nach, ob sie einen neueren hätte. Sie verneint. Sie darf passieren und das Haus betreten. Menschen sind im Haus und plündern – jeder nimmt mit, was er tragen kann. Doch Mirjana hat eine Liste. Die Liste der Verwandten ihres Mannes mit dem teuren Schmuck, der im Haus versteckt ist. Sie sucht, findet, packt ihn ein, damit sie ihn später diesen Verwandten zurückbringen kann. Danach eilt sie wieder aus dem Haus. Die Liste ist lang – sie hat noch viel zu tun. Und überall das gleiche Prozedere. Überall mit der gleichen Gefahr: Als „Verräterin“ enttarnt zu werden.

Wer ist die „Verräterin“?

Mirjana und ihre Mutter, meine Oma[1]

Meine Mutter Mirjana und ihre Mutter

Mirjana Šerifović ist meine Mutter. Sie ist 1961 im damaligen Jugoslawien, heutigen Bosnien, geboren, Mutter von zwei Kindern, serbisch-orthodoxe Christin und meine persönliche Heldin. Warum?

Meine Mutter war nicht wie die gewöhnlichen Menschen in Bosnien, die sich aufgrund ihrer ethnischen und/oder religiösen Herkunft zu unterscheiden versuchten. Sie heiratete in den 80er Jahren den bosnischen Muslim Mirza, meinen Vater. Ein Eheschluss der Liebe und des Vertrauens, obwohl meine Großeltern sie unter enormen Druck setzen, diesen „Fehler“ nicht zu tun. „Sie ist doch eine Serbin“, hörte er. „Er ist ein Muslim!“, wurde ihr vorgeworfen. Den Vorwurf hinter dieser Aussage verstand meine Mutter nie. Sie entschied sich für die Liebe und damit auch für eine schwierige Zukunft, was ihr zu dem Zeitpunkt nicht bewusst war.

muslimische Großmutter mit serbisch-orthodoxer Oma[1]

Meine muslimische und meine serbisch-orthodoxe Oma

Anfang der 90er Jahre beginnen die Unruhen in Jugoslawien. Im Fernsehen wird von einer Spaltung des Landes, Krieg und Vertreibung gesprochen. Ethnische Konflikte entstehen im Land und die mächtige jugoslawische Armee schreitet durch das Land – kontrolliert durch Serbien mit dem Traum für ein „Großserbien“ – angeführt von Slobodan Milošević und Radovan Karadžić.

Panzer stehen im Mai 1992 vor Brčko. Meine Eltern feiern gerade den ersten Mai mit ihren Familien. Dieser Tag ist geprägt von der ethnischen Mischung der Familie. Mein Cousin betritt den Garten und spricht vom Krieg. Die Armee steht vor der Stadt – alle sollen sich in Sicherheit bringen. Die Bekannten, Verwandten und Freunde verlassen unser Zuhause in der Stadt.

 

 Die Flucht

Mein serbisch-orthodoxer Onkel mit meiner Mutter und meinem katholischen Onkel[1]

Mein serbisch-orthodoxer Onkel mit meiner Mutter und meinem katholischen Onkel

„Ich hatte erst verstanden, dass wir gehen mussten, als ich die Tür unseres Hauses zum Garten aufmachte und kleine Staubwölkchen am Boden sah, die ständig auftauchten und keine Kinder mehr auf den Straßen hörte“, erzählte meine Mutter. Später erfuhr sie, dass das Sniper waren die sich auf die hohen Außengebäude platzierten, um zu zielen.

Meine Mutter und mein Vater lebten mit mir und meiner Schwester in dem Haus unserer (muslimischen) Großeltern. Diese wurden vertrieben und wie fast alle unsere muslimischen Verwandten mussten sie das Haus den Soldaten übergeben. Mein Vater wurde verhaftet und mit anderen muslimischen Männern in die Sporthalle der Stadt gebracht. „Früher spielte ich hier in der Volleyballmanschaft – heute bin ich ein Gefangener“, erinnert er sich nur ungern. „Das schlimmste war, wie Arkan vor mir stand und mich anschaute.“ Arkan – einer der bekanntesten Kriegsverbrecher, Vergewaltiger und Folterer im Krieg in Bosnien, der mit seiner Masse von männlichen Hooligans das Land unsicher machte, tausende Menschen auf dem Gewissen hat und bekannt war für die gewalttätigen und unmenschlichen Vergewaltigungen von jungen muslimischen Mädchen und Frauen.

Mirjana flüchtete ebenso. Obwohl sie nicht in Gefahr war. Sie konnte mit ihrer Schwester in der Stadt bleiben und wäre beschützt gewesen – weil sie serbisch-orthodox war. Doch sie entschied sich anders und begleitete meine Großmutter und meinen Großvater mit uns Kindern. Sie kamen in ein Lager und wussten nicht, was mit ihnen passieren sollte.

Papa, Mama, mein muslimischer Großvater Kemal und ich in Bosnien[1]

Papa, Mama, mein muslimischer Großvater Kemal und ich in Bosnien

Meine Mutter sprach mit vielen Verwandten, die ihr ganzes Hab und Gut, Erinnerungsstücke und Schmuck Zuhause lassen mussten. Sie schrieb sich die Adressen von den Frauen auf und folgte ihren Auftrag, in ihre Häuser zu gehen, um ihre Gegenstände zu holen, die ihnen gehörten. Meine Mutter machte sich auf um die Dinge zu retten, die den Menschen am Herzen lagen. Problematisch konnte nur ihr Nachname werden: Šerifović. Typisch muslimisch – natürlich, den hatte sie ja auch von meinem Vater angenommen. Doch glücklicherweise fand sie ihren alten Ausweis aus der Jugendzeit, wo ihr serbischer Mädchenname abzulesen war. Sie konnte sich bei allen Militärstützpunkten in der Stadt als Serbin ausweisen, ohne aufzufallen.

Österreich – alles neu aufbauen

1992 flüchteten wir nach Österreich und meine Eltern versuchten alles neu aufzubauen. Ohne Deutschkenntnisse, gezwungen ihr Land zu verlassen und ohne zu wissen, es jemals wieder betreten zu dürfen. Und was ist aus den Verwandten geworden, die zurückblieben? Was ist mit den Großeltern, die alt und krank sind? Was passiert mit ihren Geschwistern?

Wie haben sie es geschafft, diese Verzweiflung, dieses Leid, diese Traumata zu verarbeiten und mir und meiner älteren Schwester ein Leben zu ermöglichen, wie jedem anderen Kind in Österreich. Sie waren zielstrebig und leistungsorientiert. Ich durfte nur mit einem Einser nach Hause kommen – alles andere war inakzeptabel. Meine Eltern arbeiteten viel und hart.

Weihnachten mit Weihnachtsbaum - Mama, meine Schwester Adisa und ich[1]

Weihnachten mit Weihnachtsbaum – Mama, meine Schwester Adisa und ich

Doch was uns besonders machte im Vergleich zu anderen Kindern, war die Tatsache, dass wir von klein auf mit verschiedenen Religionen aufwuchsen. Wir feierten das muslimische Bajram genauso daheim mit Geschenken und einer Party, wie Weihnachten und Ostern. Aus Respekt vor den islamischen Riten trug meine Mama Kopftuch wenn es ein muslimisches Begräbnis gab. Wir färbten Eier und machten Baklava. Wir küssten die Hand unseres Vaters zum muslimischen Festtag und schmückten den Weihnachtsbaum mit der Mama. Das war natürlich für uns Kinder toll, da wir zu allen Anlässen Geschenke bekamen und so mit der Selbstverständlichkeit aufwachsen durften, dass der Mensch im Vordergrund steht – unabhängig von seiner Religion. Und diese Erfahrung prägt mich bis heute und ist für mich ein Beweis, dass „es“ geht. Wir können alle friedlich zusammenleben ohne auf unsere religiöse Praxis verzichten zu müssen, ohne eine rechte Propaganda, die uns versucht zu spalten und ohne ein politisches Klima, das ausschließlich die Unterschiede unterstreicht und die Gemeinsamkeiten außer Acht lässt.

 

Meine Mutter, eine Heldin.

Meine Mutter wird diesen Artikel nie zu lesen bekommen. Nach den ganzen Traumata und dem schwierigen Arbeitsbedingungen und Leben in Österreich erkrankte sie an Rheuma, begleitet von einer langjährigen Depression. Sie erkrankte an einer Lungenentzündung, danach folgte ein Schlaganfall und später die Diagnose Lungenkrebs. Halbseitig gelähmt, das Gehirn versagte, das Sprach- und Erinnerungsvermögen schwand dahin.

Am 11. August 2014 erlag sie ihrer schweren Krankheit in der Christian-Doppler-Klinik in Salzburg. Sie wurde in Bosnien begraben, jedoch weigerte sich der serbisch-orthodoxe Pfarrer sie zu beerdigen, da sie sich nie taufen lassen wollte, obwohl sie sich als Christin bezeichnete. Genauso wenig wollte der Vorsitzende der islamischen Glaubensgemeinschaft in Brčko das Begräbnis begleiten, da sie sich nie öffentlich dem Islam bekannt hatte. Wie so oft mussten wir uns selbst organisieren. Meine Mutter wurde am islamischen Friedhof beigesetzt, die Cousine meines Vaters hielt eine beeindruckende Rede über das Leben und die frohe und selbstbestimmte Lebensart meiner Mutter. Alles geschah im engsten Kreise der Familie und Freunde.

Meine Mutter ist eine Heldin für mich, weil sie genau das tat, was sie für richtig empfand: Weder ihre Herkunft, andere Meinungen noch die großen Lebensgefahren konnten sie davon abhalten.

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Adis Šerifović

Für Menschenrechte und ein friedliches Zusammenleben lebte sie. Es gäbe so viel über sie zu erzählen. Sie war verantwortlich für einen Aufstand im muslimischen Flüchtlingslager, da eine Frau dort in Panik ausbrach, als sie erfuhr, dass meine Mutter Serbin war. Meine Mutter wurde aus dem Flüchtlingsbus in Bosnien gezerrt und stand mit der Waffe am Kopf vor einem serbischen Soldaten. Davor hatte er mehrere Menschen vor ihren Augen ermordet und verschonte sie, weil er uns Kinder sah wie wir um ihr Leben bangten. Doch sie hat sich durchgesetzt um ihren Weg der Gerechtigkeit zu leben – auch wenn ihr Leben auf dem Spiel stand.

Wir brauchen in unserer Gesellschaft mehr Menschen wie meine Mutter.