adv1

Als Kommunalpolitikerin ist man zu unzähligen Weihnachtsfeiern eingeladen. In den letzten zwei Wochen musste ich ganz viele Male hören: „Mei Anja, du tust mir so leid. Du musst zu den ganzen Weihnachtsfeiern. Wie hältst du das bloß aus?“

Hier meine Antwort für alle, die mich eventuell noch die nächsten Tage fragen werden:

Auch auf die Gefahr hin belächelt zu werden, sage ich ganz klar: Ich mag Weihnachtsfeiern! Ob es eine am Tag oder fünf sind. Ich mag das. Warum fragt sich jetzt so mancher? Ganz einfach- es ist schön und besinnlich. Die Menschen kommen zusammen. Meist wird gesungen und Gedichte und Weihnachtsgeschichten werden vorgelesen. Alle genießen das Miteinander, die Momente des Nachdenkens und freuen sich nach dem Programm auf eine gemütliche Stunde des Plauderns. Wenn ich durch die Stadt gehe und sehe, wie gestresst viele durch die Straßen hetzen, vollbepackt mit Sackerln und Taschen, freue ich mich schon wieder auf die nächste Weihnachtsfeier. Auf das Miteinander, das Singen und Plaudern!

Weihnachten naht und es gehört fast dazu wie Weihnachtskekse: Der ORF startet mit „Licht ins Dunkel“. 1973 von Kurt Bergmann initiiert ist es heute die größte humanitäre Hilfskampagne in Österreich. 1978 ist der ORF aufgesprungen und sendet seither jährlich am 24. Dezember.

Licht ins Dunkel ist ein Verein und seit 1989 sind sieben große Organisationen Mitglieder des Vereins: Lebenshilfe Österreich, Rettet das Kind, Österreichische Kinderdörfer, Österreichische Kinderfreunde, Österreichisches Komitee für UNICEF, Caritas Österreich und Diakonie Österreich: Die Aktion „Licht ins Dunkel“ ist bemüht, mit vielseitigen Aktivitäten möglichst viele Spenden für Menschen, insbesondere Kinder und Jugendliche mit besonderen Lebensumständen zu sammeln. (Wikipedia 2014)

Doch da ist was falsch mit „Licht ins Dunkel“. Es ist die Darstellung von Menschen mit Behinderungen. Sie werden nicht als Menschen auf Augenhöhe, sondern als bemitleidenswerte Kreaturen dargestellt. Die Darstellungen sind klischeebehaftet und diskriminierend. Menschen werden durch Mitleidsheischerei zum Spenden animiert.

Der Zeitgeist ist längst ein anderer. Es geht um Inklusion, um eine gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft und die Wahrnehmung, dass jeder Mensch gleich viel Wert ist. Alle Menschen sollen sich auf gleicher Ebene begegnen. Ein Mensch mit Behinderung ist kein Mensch mit besonderen Bedürfnissen. Zumindest nicht besonderer als jeder andere Mensch.

Viele Behindertenorganisationen wehren sich besonders zur Weihnachtszeit gegen diskriminierende Darstellungen und die Bewusstseinsbildung in eine falsche Richtung durch ein großes Medium. Bisher ohne Erfolg. Auch dieses Jahr werden wieder alibimäßig Menschen mit sichtbaren Behinderungen vor die Kamera gebracht werden, die dann dankbar lächeln dürfen. Unternehmen werden ihr Gewissen mit Spenden beruhigen, anstatt (mehr) Menschen mit Behinderung bei ihnen zu beschäftigen.

Die Spendenkampagne wird auch von Menschen mit Behinderungen kritisiert. Es fährt wie viele andere Veranstaltungen dieser Art auf der Mitleidsschiene, und Menschen mit Behinderungen werden nicht als vollwertige Mitglieder unserer Gesellschaft, sondern als Personen, die unser Mitleid benötigen, gezeigt. Auch wird kritisiert, dass sich Firmen durch Spenden von ihrer Verantwortung freikaufen würden. (Wikipedia 2014)

Als einen besonderen Affront wird dieses Jahr die Teilnahme von Conchita Wurst gesehen. Sie gilt seit ihrem Gewinn beim European Song Contest als Inbegriff von Toleranz und Inklusion und fällt nun der Behindertenbewegung derart in den Rücken. Die Erwartungen an sie waren wohl zu hoch.

Menschen mit Behinderungen wollen nicht bemitleidet werden, sie brauchen die Umsetzung ihrer Rechte und wollen die Wertschätzung in der Gesellschaft.

Nikolaus_Anja_Hagenauer_Ausschnitt„Lasst uns froh und munter sein“, der Nikolausklassiker schlechthin. Und genau so seh ich das. Wenn der Nikolaus kommt, dann ist man froh und munter, weil man ja was bekommt. Und was hat das jetzt mit Integration zu tun? Wenn der Nikolaus nicht kommt, dann nichts. Aber wenn er kommt, dann ganz viel. Natürlich kennen wir alle die Diskussion um Traditionen und Bräuche und wie viel davon zur Integration beiträgt. Oder ob solche Bräuche eher integrationshinderlich sind, weil man ja anderen Kulturen und Traditionen nichts aufzwingen soll. Ich habe da seit Jahren eine ganz praktische Erfahrung gemacht. Jedes Jahr rund um den 6. Dezember verbünde ich mich mit dem Nikolaus von Sei so frei, einer Aktion der Katholischen Männerbewegung. Ich lade ihn zum Deutschkurs ein und bitte ihn von sich zu erzählen und obendrauf gibt es natürlich ein kleines Geschenk, eine Fair-Trade Schokolade.

Die meisten Schülerinnen und Schüler kennen natürlich den Nikolaus, aber zu den wenigsten ist  er schon mal gekommen und hat was mitgebracht. Jedes Jahr ist die Freude groß, es wird erzählt, gelacht und gesungen. Und alle sind angetan, noch nie habe ich erlebt, dass sich jemand geärgert oder überfahren gefühlt hat. Im Gegenteil.

Einmal allerdings musste der Nikolaus feststellen, dass er nicht so sattelfest in der Tradition ist und selbst noch dazulernen kann. Bei jedem Besuch wird die erste Strophe „Lasst uns froh und munter sein“ gesungen. Damals war ein afghanisches Mädchen mit ihrer Mutter im Kurs, die erst knapp ein Jahr in Österreich war. Der Nikolaus stellt sich also vor die Tafel und das Mädchen steht auf, stellt sich neben ihn und wartet bis er zu singen beginnt und alle mitsingen. Die Strophe endet, alle lachen und klatschen. Plötzlich sagt das Mädchen: „Lieber Nikolaus, wir müssen auch noch die zweite Strophe singen!“ Der Nikolaus schaut überrascht, runzelt kurz die Stirn, überlegt und beginnt die zweite Strophe zu singen. Das Mädchen singt mit. Alle anderen, ich auch, hören zu, wir können die zweite Strophe nicht. Sie sind fertig, alle klatschen und lachen. Und man kann sehen wie der Nikolaus erleichtert aufatmet. Dann sagt das Mädchen: „Ja, und bitte jetzt noch die dritte Strophe!“ Der Nikolaus schluckt und muss zugeben, dass er sie nicht kann. Das Mädchen schaut ihn groß an und sagt die dritte Strophe auf. Ja und so hat der österreichische Nikolaus vom kleinen afghanischen Mädchen das komplette Nikolauslied gelernt. Das ist Integration, oder?

er2

Buddhistisches Gebet

Religion beschäftigt uns tagtäglich. Ob wir an einen Gott, an mehrere oder keine Götter glauben. Religion bestimmt den Alltag, das Zusammenleben, natürlich auch die Politik. Und wenn die Politik und das Zusammenleben nicht mehr funktionieren, dann ist die Religion oft die Regel, die bestimmt. Aktuell können wir täglich in den Nachrichten sehen, wie Religion von Terroristen instrumentalisiert wird, um Macht, Geld und Einfluss zu gewinnen. Begleitet von unvorstellbaren Gräueltaten.

er1

Jüdisches Gebet

Umso wichtiger ist es ein Zeichen zu setzen, das das Miteinander in den Mittelpunkt stellt. Heute war wieder das interreligiöse Gebet in der Kollegienkirche. Im Mittelpunkt stand heuer der Hinduismus. Mit einer meditativen Zeremonie der hinduistischen Gemeinde in Salzburg begann der Gebetsreigen, es folgten Buddhisten, Juden, Christen, Muslime und Bahai. Und jeder hörte dem anderen zu. Und jeder ließ sich auf die Gebete der anderen ein. Und jeder brachte ein Symbol seines Glaubens mit, legte es auf einen Tisch neben den Schrein der Hindus, der an diesem Abend in der Kollegienkirche vor dem christlichen Altar aufgebaut war.

Und niemand stand während der Gebete auf und verließ entrüstet den Raum. Niemand stand auf und redete auf den anderen ein. Niemand stand auf und schlug den anderen.
Jeder hörte jedem zu. Voller Interesse und mit großem Respekt. Und in dem Bewusstsein, dass nur das friedvolle Miteinander in der religiösen Vielfalt der wahre Weg einer jeden Religion ist- hin zu einem Gott, mehreren Göttern oder auch keinem.

Nächstes Jahr gehe ich wieder zum interreligiösen Gebet.

 

zum Afroasiatischen Institut

babyHeute war ich tief beeindruckt. Ich habe viele Termine, bin bei vielen Veranstaltungen. Oft ist nicht die Zeit, sich intensiv mit jemandem zu unterhalten, sich auszutauschen. Heute hatte ich die Möglichkeit drei Stunden mit Pflegeeltern zu sprechen. Und ich muss sagen, die Zeit war fast zu kurz. Ich durfte Menschen kennenlernen, die etwas sehr Wertvolles machen. Sie geben Kindern einen Platz. Manchmal viele viele Jahre, manchmal nur einige Wochen. Und sie machen das mit einer Selbstverständlichkeit. Denn oft sind die Kinder geprägt von schwierigen Erfahrungen. Es braucht viel Zeit Vertrauen aufzubauen. Und in vielen Fällen ist natürlich noch der Kontakt zu den leiblichen Eltern da. Manchmal ein Drahtseilakt, aber immer mit der Gewissheit einem Kind zur Seite zu stehen, das es ganz nötig hat.

Ein Gespräch wird mir sehr lange in Erinnerung bleiben. Diese Pflegeeltern nehmen Babys in Kurzzeitpflege. Das heißt, sie sind maximal drei Monate für das Kind da. Heute waren sie mit einem kleinen Mädchen da. 10 Tage alt, ein Frühchen, das in der 35. Schwangerschaftswoche geboren wurde. Ein Würmchen, klein, zart und unbeschreiblich liebenswert. Ein Mädchen, das schon mit großen Augen seine Umgebung neugierig betrachtet. Ich habe die Pflegeeltern gefragt, wie sie damit umgehen, das Mädchen dann wieder weggeben zu müssen. Und die Antwort hat mich ergriffen.

„Es ist ein Geschenk. Wir dürfen jedem unserer Pflegekinder die ersten drei Monate einen schönen Start ins Leben ermöglichen. Wir dürfen sie das erste Stück des Weges begleiten und wir wissen, dass sie dann in sehr gute Hände kommen. Das ist doch wunderbar.“

Ja das ist wunderbar und bewundernswert, was Pflegeeltern leisten!

h3

Gemüse putzen für ein Festmahl

Es ist eine Erfolgsgeschichte, die jedes Jahr noch mehr junge Menschen begeistert: 72 Stunden ohne Kompromiss! Ein Projekt, das die Katholische Jugend begonnen hat und gemeinsam mit der Young Caritas und Radio Ö3 jedes Jahr im Oktober durchführt.

Allein in Salzburg sind über 800 Jugendliche im Einsatz, um sich ehrenamtlich für andere zu engagieren. Zwei Projekte habe ich mir heute angeschaut.

h2

Geschafft! Die Fliesen sind herunten…

Auf den Feldern der Bauern bleibt immer wieder Gemüse zurück. Also ist ein Trupp Jugendlicher zu den Bauern gefahren und hat das geerntet. Im Jugendzentrum Yoco haben die Jungen und Mädchen dann daraus ein Festmahl gekocht, das sie heute Abend den Bettlerinnen und Bettlern gebracht haben. Im Seniorenheim der Caritas wird dringend ein Friseurzimmer gebraucht. Auch alte Menschen wollen natürlich in den Genuss eines Friseurbesuchs kommen, auch wenn sie nicht mehr so mobil sind. Also hat dort eine Gruppe von Mädchen einen Raum für die Profis vorbereitet, Wände niederreißen, Fliesen von der Wand schlagen und Leitungen freilegen.

Und ich habe die jungen Leute gefragt, was sie so antreibt da mit zu machen? Und eigentlich kam fast immer die gleiche Antwort: „Ich will helfen und mich engagieren für jene, die es nicht so leicht haben.“

 

Da sage noch mal einer unsere Jugend ist nicht interessiert, egoistisch und faul. Das Gegenteil ist der Fall! Und 72h ohne Kompromiss ermöglicht das Engagement und das Miteinander, um die Welt ein Stückchen besser zu machen- DANKE an alle jungen Menschen, die dabei sind!