Vor einigen Tagen haben Niki Solarz und ich unsere Forderungen zur Verhinderung von Genitalverstümmelung öffentlich gemacht. Wir haben sehr viele Rückmeldungen bekommen. Die meisten Menschen wollen uns unterstützen. Aber es gibt auch einige, die mit unseren Forderungen ein Problem haben.

Die Einwände will ich nicht einfach auf die Seite wischen, sondern mich nochmal damit auseinandersetzen.

Keine Kritik und Bedenken kamen zur Forderung, noch mehr zu informieren, die betroffenen Mädchen und Frauen aufzuklären und auch die Männer mit ins Boot zu holen. Auch die Sensibilisierung von Ärztinnen und Pädagogen ist von allen gewünscht.

Sollte sich der Verdacht auf eine Genitalverstümmelung bestätigen, müssen die verantwortlichen Erwachsenen konsequent zur Rechenschaft gezogen werden. Auch wenn die Tat im Ausland begangen wurde, ist sie in Österreich strafrechtlich zu verfolgen. Bis zum 28. Lebensjahr des Opfers ist die Tat nicht verjährt. Eine Genitalverstümmelung kann bis zu 10 Jahre Haft bedeuten.

Einige Menschen meinten, dass es nach der Verstümmelung nichts bringt die Eltern vor Gericht zu bringen und das Kind aus der Familie zu nehmen. Es sei ja schon passiert und könne nicht mehr rückgängig gemacht werden. Und wenn das Mädchen auch noch die Eltern verliert, dann wäre das wie ein zweites Trauma. Das hieße für mich die Genitalverstümmelung zu akzeptieren und das Opfer alleine zu lassen mit seinem Schmerz und seinem Leid.

Tradition oder das Recht auf körperliche Unversehrtheit?

Um einer Genitalverstümmelung vorzubeugen braucht es verpflichtende Untersuchungen von Mädchen zwischen 0 und 14 Jahren. Natürlich ist es nicht sinnvoll ALLE Mädchen zu untersuchen, es soll auf diejenigen beschränkt sein, in deren Kultur diese Tradition fast verpflichtend ist. So wie in Somalia, Ägypten, Sudan und anderen Ländern, wo die Beschneidungsrate über 80 Prozent liegt. Der Vorwurf bei dieser Forderung lautet, dass dies diskriminierend, wenn nicht sogar rassistisch ist. Eine Genitalverstümmelung in Österreich nicht zu verhindern, ist für mich Ignoranz und die eigentliche Diskriminierung. Die körperliche Unversehrtheit eines Mädchens muss über der Freiheit der Religion und der Traditionen stehen.

Auch der Vorwurf, dass damit wieder ein schlechtes Licht auf den Islam geworfen wird, ist nicht nachvollziehbar. Auch Christinnen und Jüdinnen werden in diesen Ländern beschnitten. Genitalverstümmelung ist ein grausames Verbrechen, welche Religion die Täterin/der Täter hat ist mir wurscht.

Wir müssen alle hinschauen

Was zum nächsten Vorwurf führt, warum wir eigentlich die Beschneidung von Jungen nicht genau so ablehnen und dagegen kämpfen. Weil das nicht vergleichbar ist. Dem Jungen werden weder der halbe Penis, noch die Hoden abgeschnitten. Er verliert seine sexuelle Empfindsamkeit nicht und kann normal zur Toilette gehen. Und es ist wichtiger und notwendiger die grausame Praxis der weiblichen Genitalverstümmelung zu bekämpfen.

Wir haben schon zu lange weggeschaut. Wir haben viele Jahre darüber geredet, Broschüren erstellt und Aufklärungsveranstaltungen organisiert. Das ist und bleibt wichtig. Das hat aber nicht dazu geführt, dass es keine Genitalverstümmelung in Österreich mehr gibt. Wir brauchen präventive Kontrolle und strenge Verfolgung dieser Straftat. Für ersteres wird Niki Solarz im Salzburger Landtag einen Antrag stellen, damit die Untersuchungen zur Pflicht werden. Für zweiteres sind wir alle aufgerufen. Wir müssen hinschauen, beim geringsten Verdacht das Jugendamt einschalten. Nur so können wir wirklich etwas ändern.

12 Kommentare
  1. Rerun sagte:

    Zum Hinschauen auffordern, während man selber wegsieht ist nicht sonderlich überzeugend. Für Frau Hagenauer sind offenbar alle Formen der weiblichen Beschneidung, bei denen die Mädchen später zur Toilette gehen können und ihre sexuelle Empfindsamkeit schon ganz ok, denn sonst würde sie mit diesem Argument ja nicht die Beschneidung von Jungen abtun. EndFGM bedeutet EndMGM, jegliche andere Haltung ist sexistisch und erweist den bedrohten Mädchen einen Bärendienst.

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    • Anja sagte:

      Hallo Rerun, wie Sie darauf kommen, dass irgendeine Form von Genitalverstümmelung bei Mädchen für mich in Ordnung ist, ist rätselhaft. Aber Sie kennen sicherlich auch die Argumente, man müsse sowohl die Beschneidung der Jungen und die Verstümmelung der Mädchen bekämpfen. Dagegen verwehre ich mich, weil es nicht gleich zu setzen ist. Weil der Kampf gegen FGM Priorität hat.

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      • Rerun sagte:

        Wie ich darauf komme? Nun, Sie schreiben: „Was zum nächsten Vorwurf führt, warum wir eigentlich die Beschneidung von Jungen nicht genau so ablehnen und dagegen kämpfen. Weil das nicht vergleichbar ist. Dem Jungen werden weder der halbe Penis, noch die Hoden abgeschnitten. Er verliert seine sexuelle Empfindsamkeit nicht und kann normal zur Toilette gehen. Und es ist wichtiger und notwendiger die grausame Praxis der weiblichen Genitalverstümmelung zu bekämpfen.“

        Wenn Sie die Beschneidung von Jungen nicht ablehnen, mit der Begründung, dass der (angeblich) seine Empfindsamkeit nicht verlöre und noch zur Toilette gehen könne, dann muss ich doch annehmen, dass Sie mit den Formen der weiblichen Beschneidung, bei denen das gleichfalls nicht der Fall ist (Typ Ia oder bestimmte Formen von Typ IV) genauso wenig ein Problem haben.

        Die schwersten Formen von FGM sind gottseidank eben auch die seltensten und wenn Sie bei denjenigen, die die weniger gravierenden Formen praktizieren, nur auf diese schwersten Verstümmelungen abstellen, bekommen Sie da nur ein Schulterzucken, weil das mit dem was dort praktiziert wird nur wenig zu tun.

        Eine Antrophologine beschreibt dies hier sehr genau: „Some of the campaigns talked about infibulation, which was not the most common form of FGC. Infibulation is the most severe form. That’s when they cut the labia minora, and they take the cut edges together and stitch it together and leave a pinhole opening for urine and menstrual blood. They partially open it for intercourse and to give birth. But that’s about 15 percent of cases. So activists were saying, “Look how terrible this is.” And the people in these communities were like, “Well, that might be true in Somalia, but we don’t do that here.” und konstantiert: „There was a real credibility gap“.

        https://www.theatlantic.com/international/archive/2015/04/female-genital-mutilation-cutting-anthropologist/389640/

        Und genau das ist es, Sie machen sich bei diesen Menschen unglaubwürdig. Sie sagen hier klar, dass das hier
        http://ulwaluko.co.za/Photos.html
        nicht so schlimm wäre, während das hier https://www.vice.com/en_us/article/female-circumcision-is-becoming-more-popular-in-malaysia
        eine schwere Menschenrechtsverletzung sei.

        Es sind Töchter, die ihre Mütter so wie Jungen ihre Väter darum bitten:
        https://www.vice.com/en_id/article/what-i-did-when-my-daughter-asked-to-be-circumcised

        „Das machen die Tanten oder Bekannte. Oft geschieht es auch in Krankenhäusern. Ärztinnen beschneiden, Pflegerinnen … Das Alter ist egal, es trifft Babys, aber auch ältere Mädchen. Es gibt keinen echten Grund. Es wird gesagt, man beschneidet, damit Frauen den Männern nicht nachlaufen, sie keine Lust auf Sex haben. Das ist aber gar nicht so. Es wird gemacht, weil es alle machen. Aus Tradition.“
        http://www.berliner-zeitung.de/berlin/beschneidungsrituale-in-afrika-alle-tun-es–das-ist-tradition-363613

        Frauen fühlen sich (oder besser wollen sich nicht) verstümmelt fühlen: “I am 47 now and I can say to you my vagina was not mutilated.” – „“I have gone through the process. I don’t feel mutilated“
        http://aa.com.tr/en/africa/anti-fgm-activists-struggle-to-be-heard-in-sierra-leone-/640883

        Es ist dieselbe Indoktrination wie bei Jungen, die Mädchen sagen lässt: „“Getting circumcised was one of the happiest days of my life,” Nyasuma says through a translator. “I was so happy as I waited in line, and I felt like I was reaching a life goal.“
        https://www.thestar.com/news/insight/2016/04/11/a-mothers-plea-let-me-cut-my-daughter.html

        Es sind wie bei Jungen dieselben stolzen Eltern, die vermeintlich für ihre Kinder nur das Beste wollen:
        https://web.archive.org/web/20130307104149/http://aandes.blogspot.com/2010/04/circumcision.html

        Der kleine Punkt da auf der Schere, das ist die Klitoriseichel und man sollte auch wissen, was dagegen die Klitoris ist, wie groß sie insgesamt ist und dass die meisten beschnittenen Frauen sehr wohl sexuell stimulierbar sind. https://www.theguardian.com/society/2017/jan/23/clitbait-10-things-you-didnt-know-about-the-clitoris

        Lange Rede, kurzer Sinn: alles andere als die Erkenntnis, dass Genitalverstümmelung völlig unabhängig von der Schwere beginnt, wenn ohne medizinische Indikation und ohne Einwilligungsfähigkeit des Betroffenen etwas weggeschnitten wird und die klare Position, dass es völlig unabhängig von der Eingriffstiefe und vom Geschlecht schlicht unethisch ist, ist klar kontraproduktiv. Was Sie da versuchen, ist einem Juden zu erklären, dass Beschneidung verboten gehöre, weil es ja so etwas wie Subinzision gäbe. Nicht sonderlich aussichtsreich, oder?

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        • Anja sagte:

          Sie interpretieren einfach etwas, was Sie selbst so lesen wollen und unterstellen mir Unglaubwürdigkeit. Ich werde Ihre Meinung über meine Ansichten nicht ändern können, weil Sie es so verstehen wollen. That’s it. Mir ist es wichtig, dass Sie genau so gegen FGM (Typ 1-3) sind wie ich. :)

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      • Michael Butscher sagte:

        „Dagegen verwehre ich mich, weil es nicht gleich zu setzen ist.“

        Warum? Kampf gegen FGM bedeutet doch eben Bekämpfung aller, auch leichter, Formen und diese sind ja vergleichbar mit der MGM.

        „Weil der Kampf gegen FGM Priorität hat.“

        Warum?

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  2. Lena sagte:

    Nein, es darf keinen Unterschied zwischen Mädchen und Jungen geben. Auch Jungen haben ein Recht auf körperliche Unversehrtheit. Die Beschneidung von Mädchen als „schlimmer“ zu bezeichnen, diskriminiert Jungen. Beide Formen gehören bekämpft und verboten.

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  3. Hannes sagte:

    Auch Frau Ayaan Hirsi Ali, als Somali selbst beschnitten, sagt, dass die „Beschneidung“ von Jungen schlimmer ist als „milde“ Formen der FGM. Jungen wird mit der Entfernung der Vorhaut der empfindlichste Körperteil genommen und verlieren dadurch 50 bis über 80% an genitaler Empfindung. Und bei der „Beschneidung“ von Neugeborenen gibt es noch nicht einmal eine sichere ausreichende Betäubung, obwohl Neugeborene Schmerzen mehr empfinden als ältere Kinder oder Erwachsene.

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  4. Anja sagte:

    Genitalverstümmelung bei Mädchen ist wie in vielen anderen Ländern ein Straftatsbestand. Darauf stehen bis zu 10 Jahre Haft. Darum werde ich mich weiter auf den Kampf gegen die Genitalverstümmelung bei Mädchen konzentrieren.

    Antworten
  5. Hannes sagte:

    Aber bitte doch dann ohne Verharmlosung der Jungen-„Beschneidung“.

    Antworten
  6. Ulla Barreto sagte:

    Seit nunmehr 30 Jahren klären wir in Deutschland und Afrika gegen FGM auf. Seit 3 Jahren auch gegen MGM. Auch wir haben jahrelang die Meinung vertreten, dass man Kinderschutz geschlechtsspezifisch, also in diesem Fall „nur“ für Mädchen einfordern kann. Wir haben aufgrund der Berichte von betroffenen Männern und Intersexuellen gelernt, dass dies eine ungerechte Haltung ist, sei sie auch noch so gut gemeint. Es wird manchmal verharmlosende und sehr unterschiedliche Berichte Betroffener geben, denn es ist für die meisten Betroffenen belastend, sich ehrlich öffentlich zu outen.Umsomehr ist es bewundernswert, dass sich seit einiger Zeit ENDLICH auch betroffene Männer genau dazu entschlossen haben und die Debatte nun einen erweiterten Verlauf nimmt. Wie auch immer sich Betroffene entscheiden, uns als Teil einer demokratischen Gesellschaft sollte es schlichtweg wichtig sein, für einen ganzheitlichen, geschlechtsneutralen Kinderschutz einzutreten. Das Tabu zu FGM ist weitgehend gebrochen. Das viel stärkere Tabu zu MGM, das zu einem großen Teil von Religionen untermauert wird, muss noch gebrochen werden. Wir sollten uns dabei gegenseitig unterstützen. Wir sind für regelmäßige Unversehrtheitskontrollen aller Minderjährigen, die wir in unseren afrikanischen Förderprojekten bereits für Mädchen einführen konnten. Auch viele afrikanische Männer sind nach unserer Erfahrung auch gegen MGM und fühlen sich durch fehlende Aufklärungskampagnen zu diesem Thema benachteiligt. Nachdem sie Kampagnen gegen FGM beiwohnten, stellen sie viele Fragen zu ihrer eigenen traumatisierenden Erfahrung. Das sollten wir weiterhin nicht einfach übergehen und ignorieren. JEDES Kind hat ein Recht auf die körperliche Unversehrtheit, unabhängig davon wie schwer die Verletzung sein mag. Laßt uns doch einfach gemeinsam dafür eintreten.

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  7. Tobias Schmid sagte:

    Scheiße!
    genau wegen diesen Kommentaren erwähne ich MGM nicht mehr.
    Ich setze meine Priorität bei den Mädchen und Frauen
    Punkt Ende Aus
    stop FGM !!

    Antworten
  8. Nguyen Tuong sagte:

    Stoppt selbst die geringst invasive FGM

    Erstmals in der Geschichte der USA beginnt im April 2017 ein Strafprozess nach 18 USC 116 (female genital mutilation), nachdem in Detroit, Michigan, die Ärztin Dr. Jumana Nagarwala sowie die Eheleute Attar angezeigt worden sind. Die drei Beschuldigten sind Angehörige der schiitischen Dawudi Bohra.

    In immer neuen Wellen branden die Versuche der Aufweichung der WHO-Klassifikation zur weiblichen Genitalverstümmelung (FGM) heran, die Versuche der Straffreistellung der irgendwie geringer invasiven Formen der Mädchenbeschneidung.

    Man versucht, die Schädlichkeit der weiblichen Genitalverstümmelung FGM Typ Ia Klitoris(teil)amputation (Type Ia, removal of the clitoral hood or prepuce only) oder einer FGM Typ IV wie Stechen, Einschneiden, Kratzen, Schaben (for example: pricking, incising, scraping) zu bagatellisieren.

    Die WHO-Klassifikation zur weiblichen Genitalberstümmelung (FGM) muss erhalten bleiben: Nein zu den Versuchen der Straffreistellung der Chatna (Chitan al-inath, indones.: sunat perempuan), etwa der sogenannten milden Sunna, überall auf der Welt.

    Frau und Mann, Mädchen und Junge sind nicht ungleich zu behandeln. Genitalbeschneidung muss global verboten bleiben bzw. werden, einerlei, ob der junge Mensch ein Mädchen ist oder ein Junge.

    Völlig altersentsprechend ist auch ein 12, vierzehn oder 16 Jahre alter junger Mensch nicht in der Lage, die Folgen der FGM oder MGM auf Gesundheit, Sexualität oder Partnerschaft abzuschätzen.

    Unabhängig davon kann auch eine Infektion nach einem Skalpellschnitt oder Nadelstich, kann auch die sogenannte milde Sunna zu schweren Komplikationen bis hin zum Tod führen.

    Deshalb ein klares Nein zu allen medizinisch nicht erforderlichen Genitaloperationen an einem Minderjährigen (d. i. Mensch unter 18 Jahre) – keine Beschneidung unter achtzehn.

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