Zartbitter sprach mit Angela Lindenthaler, Pädagogin an einer Neuen Mittelschule in Salzburg.

Zartbitter: Du warst in Dortmund unterwegs um im Rahmen des Projekts „Menschenrechtschulen“ der Plattform für Menschenrechte Salzburg unter anderem die Grundschule Kleine Kielstraße zu besuchen. Wie war‘s?

m7Angela: Der Besuch dort war sehr spannend und wir konnten sehr viele Anregungen für unser Projekt „Menschenrechtsschule“ mit nach Hause nehmen. Ich muss schon sagen, die Deutschen haben uns in Punkto Vernetzung einiges voraus. Die Grundschule Kleine Kielstraße liegt in einem Stadtteil mit erhöhtem Erneuerungsbedarf (so nennt man soziale Brennpunkte hier) und ist Teil des Netzwerks IN Familie. Unter dem Motto „Kein Kind zurücklassen“ hat es sich das Netzwerk zur Aufgabe gemacht, Kindern angemessene Startchancen in Schule und Beruf zu ermöglichen, sowie so früh als möglich passgenaue Angebote zur Unterstützung bis hin zur Präventionsarbeitsketten zu leisten. Diese frühen Hilfestellungen beginnen schon mit dem Willkommensbesuch. Jede Familie bekommt drei Monate nach der Geburt ihres Babys einen Willkommensbesuch, wo eine Beratung über Unterstützungsangebote, Kurse, Krabbelgruppen, sowie altersgerechte Hinweise zu Entwicklungs-, Ernährungs-, und Bildungsfragen. Die Willkommensbesucher müssen oft sehr hartnäckig sein und versuchen ihr Glück, bis sie die Familie antreffen…

Zartbitter: Das klingt ja schon sehr interessant. Also von Beginn an werden die Familien unterstützt?

Angela: Ja. Ein weiterer, wichtiger Teil des Netzwerkes sind die Familienhebammen, die die Familien vor Ort m1besuchen und unterstützen. Unter anderem wurden für diese Besuche eigene dicke Büroordner angefertigt, um den Eltern das Ordnen und Aufbewahren von wichtigen Dokumenten rund um ihr Kind zu erleichtern und zudem in diesem Ordner auch schon wichtige Infos über verschiedene Bereiche rund ums Baby einzupacken. Auch die wichtigsten Kinderrechte sind hier vereinfacht und gut verständlich aufgelistet!

Bei einem Rundgang im Quartier sind mir auch besonders die offenen, von der Straße gut einsehbaren Kinderstuben aufgefallen. Diese Kinderstuben sozusagen „im Schaufenster“ ermöglichen einen niederschwelligen Zugang in derBetreuung. Ich kann als Mutter hundert Mal daran vorbei gehen und immer glücklich spielende Kinder in den freundlich gestalteten Räumen sehen, die Räumlichkeiten und somit auch die Tagesmütter sind mir vom Sehen her vertraut, bis ich dann den ersten Schritt durch die Türe wage. Wichtig ist auch noch zu erwähnen, dass es keine Arbeitsbestätigung der Eltern braucht, um das Kind in einer der Kinderstuben anzumelden. Hier geht es rein um das Wohl des Kindes, auch wenn die Mutter danach wieder schlafen geht.

Ich könnte noch ganz viel von meinen Erfahrungen in Zusammenhang mit dem Besuch in Dortmund erzählen, über Familienzentren,  Stadtteilmütter, Bruder Maiko  (ja, auch die Kirche ist in diesem gut funktionierendem Netzwerk eingebunden!), INFamilie- Mobil, sowie Feste und Aktivitäten im Quartier rund um die Grundschule Kleine Kielstraße. Aber das würde den Rahmen dieses Interviews sprengen ;)

Zartbitter: Was hat dich noch beeindruckt an dieser Schule? Brauchen wir so etwas in Salzburg auch? Warum?

Angela: Beeindruckt hat mich an dieser Grundschule nicht nur das Konzept des jahrgangsübergreifenden Lernens, m4sondern auch, dass sich die Schule aktiv im Sozialraum einbringt. So sind ein Elterncafe, ein Baby-Eltern-Treff und eine Nähstube direkt in der Schule. Schulsozialarbeiter sind Initiatoren verschiedener Aktivitäten in der Schule, machen den Elternbeirat und sind das Bindeglied beim Übergang vom Kindergarten in die Grundschule. Auch die offene Ganztagsschule ist ein wichtiger Teil des niederschwelligen Zugangs für die frühe Förderung der Kinder. Es wäre sehr wünschenswert, wenn es in Salzburg, gerade in Brennpunktstadtteilen  (oder wie die Deutschen sagen: „Stadtteilen mit erhöhten Erneuerungsbedarf“ ;), auch so ein gut funktionierendes und in sich greifenden Netzwerk geben würde. Es gibt die meisten dieser wertvollen Einrichtungen auch bei uns, nur die „Zahnradvernetzung“ greift leider kaum bis gar nicht. Schulen haben oft keinen Kontakt zu Kindergärten, Kindergärten keinen Kontakt zu Krabbelstuben usw. Diese Vernetzung wäre aber so sinnvoll für Kind und Familien!

Zartbitter: Hast du noch etwas in Dortmund kennen gelernt, was du so noch nicht gekannt hast?

Angela: Unter anderem haben wir auch das Jugendamt Dortmund besucht. Hier hat mich besonders beeindruckt, dass das Jugendamt extra eine 40 Stundenkraft (mit Assistentin!) rein für das Thema „Vernetzung“ angestellt hat!Diese Person pflegt und koordiniert die Netzwerke, entwickelt neue Ideen und kümmert sich um Schwachstellen im Vernetzungszahnrad. Wir können noch viel von Dortmund lernen!

Zartbitter: Danke Angela, dass du deine Erfahrungen mit uns teilst.

Wer Interesse hat sich näher zu informieren, hier ein paar Links:

Grundschule Kleine Kielstraße

Initiative „Kein Kind zurücklassen“

Stadt Dortmund Soziales

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