Interessantes zum Thema Gesellschaftspolitik

Damals in meiner Jugend Anfang der 1980er Jahre war Buntheit und Vielfalt kein Thema des Alltags für mich. Irgendwie waren alle gleich oder sollten gleich sein. Nur das Geschlecht und der Besitz unterschieden. So hab ich es erlebt. Die, die anders waren, mussten schauen, dass sie nicht besonders auffallen. Da war die ganz alte Frau, die alleine in einem Häuschen wohnte und ein bisschen verrückt war. Heute sage ich, dass sie wahrscheinlich dement war. Oder eine andere Frau, sie hatte eine schwere körperliche Behinderung, ihre Beine waren über Kreuz gewachsen, sie konnte sich nur schwer fortbewegen. Für uns Kinder spannend, aber irgendwie unheimlich. Oder das Ehepaar, das aus der Schweiz zugezogen war, einfach andere Leute. Und Jahre später hab ich einen Mann als Kollegen gehabt, der schon bald aus dem Dorf wegging, weil er als Homosexueller nur in der Stadt eine Chance sah. Und ich wenn eine Frau ein Kind bekam ohne verheiratet zu sein, war das ein Tuschelthema.

Heute ist das schon anders, aber immer noch wird uns in vielen Bereichen vermittelt, dass es eine Norm gibt, an der der einzelne Mensch sich orientieren soll. Dazu gehört etwa die aktuelle Situation rund um die Barrierefreiheit. Noch immer wird so getan, als ob es ein Gnadenakt ist, Menschen mit Behinderung Zugang zu vielen Bereichen zu ermöglichen. Es ist ein Recht, ganz einfach. Und Frauen sind immer noch nicht gleichgestellt, man denke an den unterschiedlichen Lohn für gleiche Arbeit. Ein Mensch, dessen Großeltern aus der Türkei zugewandert sind, wird trotz österreichischer Staatsbürgerschaft und 0815-Leben in Salzburg immer noch als Türke bezeichnet. Und bei all der Diskussion um Religionsfreiheit und Werte des christlichen Abendlandes, sind Menschen ohne Bekenntnis bei vielen Weltanschauungsdiskussionen außen vor, denn sie werden schlicht vergessen. Und darum freut es mich, dass die Stadt Salzburg schon zum dritten Mal den „Monat der Vielfalt“ organisiert. Mit über 30 Veranstaltungen und einer tollen Plakataktion. Mit Models, die ganz unterschiedlich sind, aber so normal wie du und ich. Denn jeder Mensch ist einmalig und das macht uns so vielfältig. Freuen wir uns darüber!

Die Models:


Mehr Infos zum Monat der Vielfalt hier: Das Programm!

Ich liebe Anwaltsserien. Amerikanische Serienanwälte sind gewitzt und aalglatt. Oder sie sind so hochkonzentriert und beherrscht wie meine absolute TV-Heldin: Alicia Florrick [Juliana Margulies] aus The Good Wife. Ihre Fälle sind oft an neuere aufsehenerregende Gerichtsfälle angelehnt oder beschäftigen sich mit Rechtsfragen, die aktuell diskutiert werden – nicht nur in den USA.

Dokumentationen stehen bei mir hingegen selten auf dem Programm. Aber die am 18. Dezember auf Netflix veröffentlichte Dokumentation Making a Murderer hatte sofort mein Interesse. Es ist eine Dokumentation über einen zehn Jahre alten Gerichtsfall – in zehn einstündigen Folgen. Ich war von Folge 1 an gefesselt.

Da Hofa wars vom 20er Haus*
Die Familie Avery betreibt außerhalb von Manitowoc, Wisconsin einen Autoschrottplatz und wohnt dort auch. Sie sind völlige Außenseiter der Gemeinde. Nach einer Vergewaltigung war für den Sheriff gleich klar: Der Täter ist einer der Averys. Und zwar der nicht besonders helle, 23-jährige Steven Avery. 1985 verurteilt, gelang es ihm erst 2003, seine Unschuld zu beweisen. Nach 18 Jahren zu unrecht im Gefängnis wurde er entlassen.

Doch das ist erst der Anfang einer aufwühlenden Geschichte. Steven Avery hatte nicht viel Zeit seine wiedererlangte Freiheit zu genießen und auf eine Entschädigung für die Gefängniszeit zu hoffen. Denn bald darauf verschwindet die junge Fotografin Teresa Halbach und die schreckliche Befürchtung, sie könnte tot sein, bestätigt sich nur Tage später. Avery war sofort wieder im Fokus der Ermittlungen. Theresa Halbach hatte bei ihm ihren letzten Geschäftstermin, bevor sie verschwand. Wieder verfolgt die Polizei keine andere Spur.

[Schaut euch hier den Trailer an oder scrollt runter und lest weiter]

Eine Verschwörung?

Zugegeben: Die Anzahl der gesammelten Beweisstücke am Avery-Gelände sind erdrückend. Doch es scheint vieles nicht zusammenzupassen. Hatte die Polizei wieder denselben Tunnelblick wie bei ihren Ermittlungen im Jahr 1985? Wurden Beweise untergeschoben? Auf jeden Fall arbeiten die Ermittler wieder unsauber, mitunter vorschriftswidrig.

Zehn Stunden lässt sich die Dokumentation Zeit, den Fall aufzurollen. Das hört sich nach langatmiger Sache an. Doch Langeweile kommt nie auf. Das Publikum erhält einen Eindruck von der langwierigen und akribischen Arbeit, die bei so einem Fall nötig ist. Es folgen Gerichtsverhandlungen mit aufwühlenden Plädoyers, schonungslosen Befragungen der Zeugen und überraschenden Wendungen. Making a Murderer hat alles, was ich auch aus meinen geliebten Anwaltsserien kenne. Aber es ist um vieles aufwühlender. Über große Strecken ist die Dokumentation sogar wirklich unbequem anzuschauen, ja schon fast unerträglich. Denn immerhin geht es hier um das Schicksal eines Mannes, der bereits sein halbes Leben unschuldig hinter Gittern verbracht hatte.

Begründete Zweifel
Möglicherweise führt die Verteidigungsstrategie, dass Beweise bei den auffällig vielen Durchsuchungen untergeschoben wurden, beim Publikum ebenfalls zu einem Tunnelblick. Doch es gibt genügend Momente, die diese Annahme untermauern.

Derzeit wird in den USA heftig diskutiert. Viele Amerikaner sind schockiert oder wütend, andere finden das alles einfach deprimierend. Es laufen zwei Petitionen für die Freilassung von Steven Avery – gemeinsam zählen diese bereits rund 500,000 Unterschriften. Es werden hoffentlich auch politisch noch Diskussionen folgen.

Fernsehen kann mehr als unterhalten. Es ist ein mächtiges Instrument zur Meinungsbildung. Und das ist gut so, wenn es für die richtigen Zwecke eingesetzt wird. Dass Fernsehen Druck erzeugen und etwas bewirken kann, hat 2015 John Oliver mit seiner satirischen Informationssendung Last Week Tonight schon bewiesen.

Vielleicht kann auch Making a Murderer etwas für Steven Avery bewirken. Hundertausende hoffen es.

_____
*… der schaut ma so verdächtig aus. [Georg Danzer in Lied Da Hofa]

Alle reden jetzt über Köln. Und das ist gut so. Busengrapschen und Potatschen und mehr. Das war vor 25 Jahren als ich im Gastgewerbe gearbeitet habe für viele Frauen Normalität. Ich hatte damals schon einen Chef, der jeden Gast, der übergriffig wurde, vor die Tür gesetzt hat. Keine Selbstverständlichkeit damals. Das wurde oft  als Lappalie abgetan. Es war ein langer Weg auch für die Frauenbewegung das klarzustellen. Hieß es doch oft, dass es einfach ein Emanzen- und FeministInnengejammere sei. Und ich erinnere mich noch gut vor etwa 15 Jahren. Da gab es in unserem Jugendzentrum ein großes Problem. Daneben war ein Beisl. Und die Stammgäste, die schon am Vormittag ins Bierglas geschaut haben, haben unsere Mädchen angemacht, ihnen Geld angeboten, wenn sie mal kurz mitkämen. Das haben die natürlich entrüstet abgelehnt und die Betreuer informiert. Die haben wiederum mit den Gästen geredet. Was denkt ihr haben die gesagt? „Die sollen sich nicht so haben. Wenn sie schon die Nägel lackieren und einen Minirock tragen, dann müssten sie damit rechnen.“

Ekelhaft.

Aber bis heute oft noch ein Argument, wenn eine Frau sich über sexuelle Belästigung beschwert. Und jetzt Köln. Offensichtlich gingen die kriminellen Handlungen von Männern mit Migrationshintergrund aus. Und alle sind sich einig, das geht gar nicht! Genau, das geht gar nicht! Und wenn Köln wieder aus der medialen Aufmerksamkeit draußen ist möchte nie wieder etwas davon hören, dass sexuelle Belästigung ein Emanzengejammere ist. Wenn so etwas vorfällt, in der Öffentlichkeit, am Arbeitsplatz oder beim Nachbarn und der Täter ein Mann mit oder ohne Migrationshintergrund ist. Dann soll das einhellig verurteilt werden von allen, so wie jetzt. Das wünsche ich mir!

a3

Sankt Antonius Kirche in Istanbul

Viele Flüchtlinge habe ich nicht gesehen in Istanbul. Ich war nicht in den Stadtteilen, wie etwa Aksaray, wo viele anzutreffen sind, weil dort auch die Schlepper ihre Büros haben. Bekannte erzählten, dass es viele Flüchtlinge in der Stadt gibt. Wenn das Wetter nicht so kalt ist, dann kann man vor allem die Kinder und Alten auf den Straßen betteln sehen. Oft auch vor den Moscheen nach dem Freitagsgebet. Staatliche Hilfe gibt es für die Flüchtlinge in Istanbul nicht. Sie müssen selbst sehen, wie sie im Moloch überleben. Mehr als eine halbe Million sollen es sein. Oft bekommen sie Arbeit erzählen die Istanbuler. Allerdings nicht den Lohn, den ein Türke für dieselbe Arbeit bekommen würde. Und schlafen würden sie entweder in Abbruchhäusern, unter Brücken oder in Wohnungen für die mehr Miete als üblich verlangt würde.

a2

Krippe vor der Kirche

Eindringlich begegnet sind mir die Flüchtlinge vor einer Kirche. Wie bei jedem Besuch in Istanbul gehe ich in die Sankt Antonius Kirche in Beyoglu, um eine Kerze anzuzünden. Die ganze Kirche war festlich geschmückt. Draußen stand eine Krippe, ganz traditionell. Maria, Joseph, Jesus und ein Esel. Aber daneben war ein Schlauchboot, alle Figuren hatten kaputte Schwimmwesten übergeworfen. Und da waren noch T-Shirts, Schuhe und Spielsachen  von Kindern. Echte, wie die Tafel davor Auskunft gab. Von toten Kindern, im Mittelmeer ertrunken.  Die Tafel lasen aber nicht alle. Aber einige verstanden die Symbolik der Kleidung auch nicht, nach all den Monaten, in denen über fast nichts anders mehr als über Flüchtlinge berichtet wurde. Vor der  Krippe posierten Menschen, lächelten und strahlten in die Kamera. Einheimische wie Touristen, es hat mich beschämt. Und gleichzeitig war es das Abbild der Wirklichkeit. Hier Leid und Tod, dort Leben und Unbeschwertheit. Und manchmal trifft es direkt aufeinander. Und ist schwer auszuhalten.

Viele Menschen habe ich kennengelernt, neue Orte sehen und schöne Momente erleben dürfen. Von einigen der vielen tollen Menschen, die ich kennengelernt habe, will ich erzählen. Da war im Frühjahr Hodan Hashi, die den Troll aaa3Borostyani Preis bekommen hat. Eine gebürtige Somalierin, 17 Jahre, klug und engagiert. Seit Jahren hilft sie Eltern und Lehrern bei Problemen als Mittlerin zwischen den Kulturen. Einfach, weil sie möchte, dass die Menschen gut miteinander leben können. Oder Manfred Fischer. Seine Frau ist an Demenz erkrankt. Er hatte keine Ahnung von dieser Krankheit. Nun gibt er all seine Kraft für seine Frau und die Organisation „Alzheimer Angehörige“. Er hat mich darin bestärkt in Salzburg mehr für Menschen mit Demenz auf die Beine zu stellen. 2016 starten wir die „demenzfreundliche Stadt“. Oder in Reims bei den Feierlichkeiten zur Befreiung Frankreichs durch die Nazi-Herrschaft habe ich eine Widerstandskämpferin kennengelernt. Mit ihren 97 Jahren ist sie immer noch in den Schulen unterwegs, um die Kinder über die Schrecken des 2. Weltkrieges aufzuklären.
Mein großer Dank gilt allen, die 2015 dazu beigetragen haben, Salzburg noch ein bisschen lebenswerter zu machen. Dazu gehören die vielen HelferInnen, die seit September täglich im Einsatz sind für die Flüchtlinge. Die unzähligen Menschen, die unsere Aktion #88gegenrechts unterstützt haben. Die vielen Statements, Fotos und Beiträge zeigen, wie viele Salzburgerinnen und Salzburger für ein offenes und vielfältiges Miteinander sind.
Und da gibt es die vielen Engagierten, die nie in der Öffentlichkeit stehen. Zum Beispiel der pensionierte Kripobeamte, der im Seniorenwohnhaus Itzling mithilft. Der im September etwas ganz besonderes für die Alten machte. Mit einem Spezialfahrrad für zwei Personen fuhr er mit den Menschen eine Runde durch Itzling. Viele von ihnen saßen schon Jahrzehnte auf keinem Fahrrad mehr. Und die Lehrerin, die seit Jahren Deutsch in der Stadtbücherei unterrichtet. Jede Woche – ehrenamtlich. Sie und ihr Kollege waren der Anlass im Sommer ein großes Freiwilligennetzwerk zu gründen, damit Flüchtlinge schneller Deutsch lernen können. Mehr als 70 Menschen begleiten jetzt Asylwerber und Asylberechtigte beim Deutschlernen. Ehrenamtlich. Das alles sehen wir viel zu wenig. Nämlich dann, wenn wir zu jammern beginnen, wie schlecht die Welt doch nicht ist! Es stimmt, es gibt viel Schlimmes, Hass, Gewalt, Krieg, Vertreibung, Einsamkeit, Verzweiflung. Auch das muss man sehen. Und vom Sehen, Verstehen soll man nicht ins Jammern verfallen, sondern ins Tun. Denn erst durch das Tun, Helfen, Unterstützen wird das Böse und Schlechte weniger. Darum nochmals Danke an alle, die dazu beitragen, die Welt ein bisschen heller und freundlicher zu machen. Hoffentlich auch 2016!

Titelfoto: Müseler

Heute öffnen wir das 24. Tor unseres Adventkalenders. Kommt und seht, was sich darin verbirgt …

 

Wir wünschen ein wunderbares Weihnachtsfest voller kleiner und großer schöner Wunder!