Interessantes zum Thema Gesellschaftspolitik

Wenn Andrea Sigl, Chefin vom Seniorenwohnhaus Hellbrunn, aus dem Nähkästchen plaudert, bringt sie einem zum Nachdenken.

Sie ist seit ihrem 18. Lebensjahr im Bereich der Pflege und Betreuung von Menschen tätig, davon lange Zeit in diversen Seniorenwohnhäusern. Ihr ist nichts Menschliches fremd und ihr täglich Brot ist die Zusammenarbeit mit Menschen. Natürlich mit alten Menschen und mit deren Angehörigen. Viele Bewohnerinnen in ihrem Haus sind dement. Demenz heißt in vielen Fällen, dass Menschen sich nicht mehr so benehmen, wie es „die Gesellschaft“ eigentlich erwartet. Gerade diese Woche hat die Polizei eine Bewohnerin ins Seniorenwohnhaus zurückgebracht, weil sie sie in der Stadt aufgegriffen haben. Mit zwei verschiedenen Schuhen an den Füßen. Ja, geht denn das? Ja, das geht, meint Andrea Sigl. Und wenn Menschen mit Demenz einfach nicht mehr mit dem Besteck essen wollen oder können, dann ist das auch gut, ergänzt Peter Speringer von der Küche, dann machen wir halt Fingerfood.

Warm, satt, sauber. ist das genug?

Die größten Sorgen der Angehörigen, aber auch mancher Mitarbeiter kann man mit „Sind die Senioren satt, sauber und haben sie es warm?“ zusammenfassen. Andrea Sigl erzählt, dass die Fragen der Angehörigen sich immer um das Körperliche drehen: Hat meine Mutter ihre Tabletten bekommen? Wann wird meinem Vater wieder der Bart gestutzt? Warum hat er schon wieder das gleiche Hemd an? Hat meine Mama zu Mittag alles aufgegessen?

Was sie in ihren langen Berufslaufbahn noch nie gehört hat: „Hat meine Mutter heute schon gelacht?“ Und genau so führt sie ihr Haus, der Mensch im Mittelpunkt, das Wohlfühlen die Basis, die Entscheidungsfreiheit der Bewohnerin Normalität und das Lachen eine Selbstverständlichkeit.

Mehr dazu bei Konfetti im Kopf

Mehr als 200 Millionen Mädchen und Frauen sind weltweit von FGM (Female Genital Mutilation), auf Deutsch Genitalverstümmelung, betroffen. Auch bei uns in Europa, in Österreich, in Salzburg. Bei der Internationalen Konferenz in der UNO-City in Wien war wieder klar: Den Kampf gegen FGM gewinnen wir nur gemeinsam.

Valentine Nkoyo, die sich selbst als FGM-Überlebende bezeichnet, hat mich in einem sehr freundschaftlichen Gespräch bestärkt: „Don’t give up. We have to stand together against FGM and we have to speak about it.“ Genau das wollen auch viele Menschen in Salzburg. Und manchmal braucht es ein bisschen „internationale Luft schnuppern“, damit man in der Arbeit noch klarer wird.

Valentine Nkoyo und Anja Hagenauer

Valentine Nkoyo ist mit ihrer Mojatu Foundation in Nottingham tätig. Diese englische Stadt hat sich zum Ziel gesetzt bis 2030 FGM aus der Stadt verbannt zu haben. Kein leichtes, aber ein machbares Ziel, das wir auch in Salzburg verfolgen müssen. Zwei wesentliche Faktoren haben sich bei der Konferenz herauskristallisiert:

  1. Aufklärung, Information und Gespräche mit Betroffenen, ihren Familien und Communites
  2. Bei Verdacht auf FGM müssen sofort handeln und alle gesetzlichen Möglichkeiten ausschöpfen, in der Prävention und in der Strafverfolgung

Mit dieser Motivation bin ich zurück in Salzburg und bitte euch alle uns weiter darin zu unterstützen auch bei uns NULL Toleranz für FGM durchzusetzen.

 Von Campo de‘ Fiori

„Die ethnische Homogenität muss gewahrt bleiben und zu viel Vermischung bringt nur Probleme“ Sollte jemand von Ihnen nun denken, ich beziehe mich dabei auf die Nürnberger Gesetze des dritten Reichs, oder die nicht minder menschenverachtenden Rassentheorien des 19. oder frühen 20. Jahrhunderts, das Apartheid Regime in Südafrika oder den Völkermord in Darfur oder Ruanda, den muss ich leider gleich zu Beginn enttäuschen.

Der Sturm der Entrüstung?

Nein, dieses Zitat war kürzlich zu vernehmen und es stammt, so unglaublich es hinsichtlich der gesellschaftspolitischen Entwicklungen in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts erscheint, von einem führenden Politiker der Europäischen Union, dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban. Mitten aus einer Wertegemeinschaft, die sich Menschenrechte und Grundfreiheiten sehr gern auf ihre Fahnen heftet.

Es wird einen Sturm der Entrüstung auslösen. Es muss einen Sturm der Entrüstung auslösen. Meint man, hofft man. Nein, Stille. Das Gewissen der Gesellschaft verträgt also bereits wieder die nächste Dosis. Man kann es schon wieder sagen, im Jahr 2017, wenn auch mit etwas feinerer Klinge, verglichen mit den Begriffen wie „Rassenschande, Verkafferung“ oder ähnlichem, wie wir sie aus der Vergangenheit kennen.

Die ethnische Homogenität, die Reinheit des Volkes, keine Vermischung. Jenseitige Ansichten finden von höchsten demokratiepolitischen Stellen den Weg von den Müllhalden der menschlichen Geschichte zurück in die Mitte unserer Gesellschaft. Unkommentiert, gleichgültig, ja teilweise sogar zustimmend.

Das Reinheitsgebot politischer Führer

Dunkelhäutige Kinder, die mit Polizeischutz vor dem Mob des „reinen“ Volkes in die Schule eskortiert werden müssen oder ihre Mütter, die aus dem öffentlichen Bus festgenommen werden, weil sie sich weigern, Platz zu machen.  Vor Gericht gestellte Ehepaare unterschiedlicher Hautfarbe. Millionen von Menschen vertrieben, verfolgt, getötet, weil sie dem Reinheitsgebot politischer Führer nicht Genüge getan haben.  Wollen wir das? Oder nehmen wir nur stillschweigend und achselzuckend Notiz davon, um uns dann in den Kreis jener zu gesellen, die davon nichts gewusst haben wollten und die natürlich keine Verantwortung dafür tragen.

Meine Worte mögen Ihnen zu drastisch erscheinen, vielleicht male ich auch ein zu düsteres Bild. Aber ich bin es leid. Ich bin es leid, still zu sein und achselzuckend zu vernehmen, wie  der dunkle Geist der Vergangenheit unwidersprochen durch unsere Gesellschaft weht.  Wo politische Führer wieder bejubelt werden, wenn sie die Einheit des eigenen Volkes beschwören, wo kritische Geister wieder als Feinde bezeichnet werden und Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder Hautfarbe als minder eingestuft werden, die vom eigenen Volk fern gehalten werden müssen.

Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Wenn dies mehr als nur ein Lippenbekenntnis ist und wir Rassismus und Nationalismus wirklich als vergangen wähnen, dann ist es an der Zeit, die Stimme zu erheben. Jetzt!

Ein Gastbeitrag von Univ-Prof. Dr. Katharina J. Auer-Srnka
Wäre die aktuelle Debatte um die Vereinbarkeit von Familie und Berufstätigkeit von Frauen ein Schulaufsatz, müsste man sie in weiten Teilen wohl schlichtweg als…

Vor einigen Tagen gab es die Diskussion „Neue Freiheiten – alte Zwänge“ über die Integration von geflüchteten Frauen. Da ist mir etwas ganz klar geworden: Dieses Mal muss es schneller gehen.

20 Jahre habe ich mitarbeiten dürfen im Verein VIELE, ein Verein, der sich um die Integration von Frauen bemüht: damals noch Gastarbeiterinnen, dann Flüchtlingsfrauen vom Balkan, Frauen, die einen Österreicher geheiratet haben, Frauen, die in einer arrangierten Ehe leben. Analphabetinnen und Unilektorinnen. 20 Jahre durfte ich diesen Frauen die deutsche Sprache näher bringen und sie beratend ein Stück ihres Weges begleiten.

Die traditionellen Strukturen sind stark

2009 im Verein VIELE

Immer ging es darum, dass die Frauen den Spagat zwischen Herkunftskultur und dem Leben in Österreich schaffen mussten. Bei manchen ging es ganz leicht, andere mühten sich lange, viele zogen sich nach der Absolvierung des Deutschkurses in ihre Herkunftskultur zurück. Andere assimilierten sich, manche besannen sich noch stärker auf ihre Traditionen. Damals fiel es mir ganz leicht all diese Lebensentwürfe zu respektieren, ich zeigte Verständnis für traditionelle Lebensweisen mitten in Österreich. Oft erlebte ich, wie die Frauen unter dem Druck litten, vor allem die Erwartungen der Familie, mussten erfüllt werden. Mutter werden, die Familie zusammenhalten, arbeiten gehen, niemandem eine Schande machen.

Heute sehe ich die vielen Flüchtlingsfrauen und ich sehe die gleichen traditionellen Strukturen und Erwartungen an die Frauen. Und ich sehe in unserer Gesellschaft immer noch viel Verständnis, sensibles Herangehen, Begegnen auf Augenhöhe. Ich sehe auch das, was ich damals vor Jahren oft gemacht habe: zu wenig über die Werte und Erwartungen der österreichischen Gesellschaft zu sprechen und zu oft das Hinnehmen fremder Traditionen, die eigentlich nicht akzeptabel sind, weil sie dem Konzept von Demokratie, Freiheit, Selbstbestimmung und Säkularität unserer Gesellschaft widersprechen.

Ich bin jetzt ungeduldig

Heute will ich auch vieles nicht mehr akzeptieren, was ich etwa vor 15 Jahren noch gemacht hätte. Ich habe die Geduld nicht mehr. Und ich habe jetzt das Wissen, dass es schneller gehen kann. Indem wir unsere Erwartungen sagen und klar stellen, dass unsere Werte und Haltungen hier in Österreich für alle gelten und nicht verhandelbar sind.

Heute weiß ich, dass zu viel Rücksichtnahme, aber auch Wegschauen die Traditionellen stärkt und die Integration noch schwieriger macht. Das beginnt beim Kopftuch im Kindergarten, was ich absolut ablehne. Ich kann auch nicht akzeptieren, wenn Männer fordern, dass ihre Frauen keinen Kurs gemeinsam mit anderen Männern machen dürfen. Und eine Frau ist keine Hure, wenn sie nicht verheiratet ist und alleine ausgeht. Das will ich alles nicht mehr diskutieren müssen. Diese Geduld will ich nicht mehr aufbringen.

von Michael König

Es ist Dienstag abends. Zuhause angekommen, will ich mir mein IPad aus meinem Bürorucksack fischen. Nur: dort, wo ich es immer hineinstecke, ist es unauffindbar. Mein IPad ist weg. Natürlich muss ich es verlegt haben. Ich durchkämme alle Fächer meines Rucksacks. Ich streune bei den üblich verdächtigen Plätzen in meiner Wohnung herum. Bloß: Mein IPad ist nicht zu finden. Ich bin unrund. Also fahre ich kurzerhand ins Büro zurück. Ich werde mein IPad wohl dort vergessen haben. Aber auch in meinem Büro ist es nicht zu finden. Grawuzi. Wo habe ich das wohl angebaut?

Das Ipad fährt durch Salzburg

Am nächsten Morgen erinnere ich mich am Weg in die Arbeit, dass mir unser IT-Mann vor längerer Zeit doch etwas von einer Suchfunktion erzählt hat. Ich rufe ihn an. „Ja, kommen Sie zu mir ins Büro. Machen wir einen Versuch.“ Klick. Klick. Klick. Nach 15 sec erscheint am PC google map und siehe da: da zieht eine digitale Ameisenspur flink ihren Weg durch die Neutorstraße. „Da haben wir’s schon!“, lächelt unser IT-Mann zufrieden. „Ihr IPad fährt gerade durch die Neutorstraße!“ „Was, sind Sie sicher?“ „Na klar! Da schauen Sie, da fährt ihr IPad! Jetzt biegt es gerade in die Moosstraße ein.“. Ich schau ihn leicht verständnislos an. Und jetzt? Ich bin erstmal erleichtert. Mein IPad ist wieder da. Aber was um Himmels Willen treibt es um 08.00 Uhr morgens in der Moosstraße? Und mit wem? Meine Phantasien gehen mit mir durch. Was mache ich jetzt? Mein IT-Mann zuckt mit den Schultern. Ich rufe kurzerhand die Polizei an. Ich erkläre, dass mein IPad aus unerfindlichen Gründen gerade durch die Moosstraße fährt. Ohne mich. Unser IT-Mann macht zwischenzeitlich ein paar Screen-Shots, um den Morgenausflug meines IPads mitzudokumentieren.

Das IPad fährt Taxi

Die Geschichte interessiert jetzt auch die Polizei. Während ich auf eine Einsatzstreife warte, schießt es mir ein: Ich bin doch vorgestern Taxi gefahren. Könnte mir mein lausiges IPad da aus meinem Rucksack gesprungen sein? Ich rufe in der Taxizentrale an. „Ich suche mein IPad. Vielleicht ist es in einem ihrer Taxis unterwegs!“. „Ein was….?“ „Na, so eine Art digitales Jausenbrett, dünn, schwarz und mit Bildschirm“. Die Dame findet rasch heraus, mit welchem Taxi ich gefahren bin. Sie funkt das Auto an, während ich mit ihr telefoniere. Zeitgleich löst unser IT-Mann einen Alarm bei meinem IPad aus. Schöne neue digitale Welt. Gleich kriegen wir dich. Die Dame in der Zentrale hört durchs Telefon das vibrierende IPad. „Ja, Ihr Ixxxxx ist in diesem Taxi. Wir bringen es vorbei.“

Findet das IPad zurück?

Zwei Stunden später. Ich komme aus einem Meeting. Mein IPad ist noch immer nicht von seinem Ausreißversuch zurück. Erneut rufe ich in der Taxizentrale an. Nochmalige Rückfrage beim betreffenden Taxifahrer. „Nein, Ihr I…. ist da nicht.“. Mein IPad will also noch immer nicht zurück zu mir. Aber jetzt reichts mir. Nochmals hole ich unseren IT-Mann. Klick.klick.klick. Mein IPad ist nun in der Sterneckstraße unterwegs. Jetzt muss ich zu härterem Toback greifen. „Schauen Sie, wir verfolgen mein IPad hier am Bildschirm. Jetzt gerade fährt es durch die Sterneckstraße. Und wenn es nicht sofort zurückgebracht wird, dann werden wir es wohl mit Blaulicht zurückbringen lassen. Und siehe da. Das hat gewirkt. 20 min später kommt mein IPad schuldbewusst in seiner Gastlimosine von seinem 48-Stundenausflug zurück.

Mein IPad und ich, wir haben uns nach all der Aufregung  ausgesprochen. Ich werde mit heutigem Tag seine Suchfunktion deaktivieren. Mein IPad darf sich künftig verloren gehen und hat mir im Gegenzug versprochen, mir nie mehr aus meinem Rucksack zu springen. Dieser Ausflug hat wirklich außer Stress nichts gebracht. Doch. Er hat mich um eine Erkenntnis reicher gemacht. Meine diversen elektronischen Begleiter funken Tag und Nacht meine digitalen Spuren in diverse Clouds und auf irgendwelche Server. Ständig. Pausenlos. Theoretisch weiß ich das natürlich nicht erst seit dem Ausreißversuch meines IPad.

Die Fastenzeit ist ein gute Zeit, diese üppigen Spuren zu reduzieren. Ich erinnere mich: Vor einiger Zeit nahm ich im Zuge einer Diskussion über die sogenannten „elektronischen Fußbänder“ für an Demenz erkrankte Menschen den Standpunkt ein: So was würde ich für mich nie haben wollen. Das Recht, verloren gehen zu dürfen, lass ich mir nicht nehmen. Auch nicht im Alter. Und erst recht nicht in meinem ganz normalen, aktuellen Leben. Ich werde mich selbst ernstnehmen. Ich will mich im ganz normalen Leben nicht wie auf einer Intensivstation fühlen, wo ein ständiger Datentropf meine Lebensspuren aufzeichnet. Diskutiere ich diese Geschichte mit Menschen der Generation Y, ernte ich nur ein Schulterzucken. Es scheint ihnen egal zu sein, wer in ihrem Leben mitliest. Tatsächlich oder potentiell. Mir ist es nicht egal. Vielleicht definieren die Menschen der Y-Generation Freiheit anders als ich. Mag sein.

Ich und mein IPad, wir sind jedenfalls um eine Erfahrung reicher. Und wir sind froh, wieder zusammen zu sein.