Interessantes zum Thema Gesellschaftspolitik

Domagoj Borosak, 42, lebt in Zagreb und arbeitet als Dolmetscher. Er spricht und versteht Kroatisch, Bosnisch, Serbisch, Ungarisch, Italienisch, Türkisch, Slowenisch, Mazedonisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Arabisch, Tschechisch und Slowakisch.

Wir treffen ihn in Zagreb, das Interview führen wir in Deutsch.domagoj2

Zartbitter: Ich bin total beeindruckt von deiner Vielsprachigkeit. Wie hast du so viele Sprachen gelernt?

Domagoj: Ich bin dreisprachig aufgewachsen. Ein bisschen Talent ist auch dabei. Aber vor allem bin ich neugierig. Ich hatte schon als Kind großes Interesse an Sprachen.

Zartbitter: Was interessiert dich an Sprachen?

Domagoj: Als Kind wollte ich immer wissen, was die Leute reden, die ich nicht verstanden habe. Das hat mich angespornt. Erst später habe ich mich mit Sprachstrukturen und Linguistik beschäftigt.

Zartbitter: Welche Sprache war leicht für dich zu lernen, welche besonders schwierig?

Domagoj: Am leichtesten lernt es sich als Kind. Und natürlich die Sprachen, die miteinander verwandt sind. Englisch zum Beispiel mag ich nicht so besonders, also ist es für mich schwieriger. Man muss es können, es ist eine Weltsprache, aber es interessiert mich nicht so. Schwierig sind die nicht-indogermanischen Sprachen wie Türkisch und Arabisch.

Zartbitter: Hast du Lieblingswörter in jeder Sprache?

Domagoj: Eigentlich nicht. Die Sprache als Gesamtes ist schön. Ja doch, ich mag die Wörter aus dem Türkischen, die wir hier am Balkan benutzen.

Zartbitter: Du kannst sicher auch die Schimpfwörter in jeder Sprache. Gibt es da Unterschiede?

Domagoj: Ja, ich kenne viele. Die meisten in den südslawischen Sprachen. Die Schimpfwörter werden hier von allen benutzt vom Fleischer bis zum Doktor. Man kann sich ernsthaft beleidigen, das machen auch zwei Omas untereinander. Es gibt so viele Varianten, dass es auch schwierig ist sie in eine andere Sprache richtig zu übersetzen.

Zartbitter: Kann dich bei Sprachen noch etwas überraschen?

Domagoj: Es gibt immer wieder grammatische Strukturen, die man neu entdecken kann. Das ist endlos, ein weites Feld.

Zartbitter: Es gibt Menschen, die eine neue Sprache lernen müssen, aber eigentlich nicht wollen. Was kannst du ihnen empfehlen, damit es ein bisschen Spaß macht?Domagoj 1

Domagoj: Egal welche Sprache, das Wichtigste ist reden, reden, reden! Lehrbücher, Lehrer sind nicht so wichtig. Man kann 100 Mal einen Fehler machen, irgendwann macht man es richtig. Die meisten haben Angst vor Fehlern. Man sollte auch Zeit in dem Land verbringen, dessen Sprache man lernt. Und schüchterne Menschen haben es schwerer, offene Menschen tun sich leichter. Ich lese auch sehr viele einfache Texte, schaue Werbespots und höre Lieder, so bleibt die Sprache im Ohr.

Zartbitter: Danke Domagoj für das Gespräch und viel Freude beim Erlernen der nächsten Sprachen.

 

Bosnien ist ein Land, das mich schon lange begleitet. Ivo Andric‘ „Brücke über die Drina“ vermittelte mir die Geschichte Bosniens so, dass ich immer mehr wissen wollte. Meine Schülerinnen schwärmten mir oft vor, ich solle unbedingt dahin und dorthin. Bihac, Banja Luka und Sarajewo müsste ich sehen. Es hat sich nie ergeben, bis Samstag letzter Woche. Wir sind in Zagreb und wollen auch ein bisschen die Umgebung sehen. Mein alter Studienkollege Domagoj macht Vorschläge und meint, die bosnische Grenze wäre nicht weit weg. Also Samstag Vormittag rein ins Auto mit dem Ziel Banja Luka.Schloss

Es geht aus Zagreb raus, zuerst passieren wir Karlovac. Hier verlief auch eine Frontlinie im Jugoslawienkrieg. Obwohl es schon fast 20 Jahre her ist, zeugen noch viele Häuser vom Krieg. Die Fassaden sind durchlöchert von Einschüssen, sehr bedrückend. Auf der Strecke Richtung bosnische Grenze durchqueren wir Dörfer, die nur dürftig besiedelt sind. Viele Häuser stehen leer.

Der Grenzübertritt von Kroatien nach Bosnien geht schnell und unkompliziert. Zeit für einen Kaffee zum Energietanken. Domagoj kennt die Wirtin und sie bringt als Begrüßung ein Gläschen Sliwowitz. Der Muezzin ruft zum Mittagsgebet, die Hunde dösen auf der Straße. Auf der Weiterfahrt wird das Fahrziel korrigiert, wir steuern jetzt Bihac an. Auf dem Weg liegt die Burg Ostroschatz, hunderte Jahre alt, im 19. Jahrhundert von einem österreichischen Adeligen als Wohnsitz genutzt, verfällt sie jetzt. Wir wandern durch die Ruine, wagen uns auch ins obere Stockwerk und blicken durch die heruntergefallenen Decken ins Erdgeschoss. Mit ein bisschen Phantasie stelle ich mir vergnügliche Sommerfeste vor, einen Spaziergang durch den Garten und beschauliche Abende mit Blick übers Tal. Aber es geht weiter Richtung Bihac.

WasserfallDrei Dinge fallen uns besonders auf. Viel wird gebaut. Die Menschen hier lieben Farben, denn die Häuser lachen uns in Blau, Rot, Pink, Gelb, Orange an. Zwischen den Siedlungen und zum Teil einfach mitten in der Landschaft sind die Friedhöfe. Manchmal sind es nur zwei, drei Grabsteine, die in den Feldern stehen. Und jetzt steht das Reiseziel endgültig fest, wir fahren in den Nationalpark Una, um die berühmten Wasserfälle zu sehen. Die Landschaft ist beeindruckend, der Fluss Una zieht sich durch eine halb hügelige, halb bergige Gegend, es gibt Wölfe und Bären. Wir sehen keinen.

Angekommen in dem kleinen Dorf Martin Brod, wird Domagoj sofort von der Wirtin Zora abgebusselt. Sie heißt uns herzlich willkommen mit, klarerweise, Sliwowitz und Hagebuttenlikör. Wir sollen noch eine Runde drehen, meint sie, dann wäre eine kleine Jause bereit. Wir machen uns auf den Weg und bestaunen die Wasserfälle, die im Winter auch mal zu Eis gefrieren können. Und dann gibt es noch zwei besondere Eindrücke. Slivowitz

Wir dürfen in eine kleine private Schnapsbrennerei, wo gerade die Männer dabei sind natürlich Sliwowitz zu brennen. Es ist eine alte kleine Hütte, geheizt wird mit Holz, die Luft ist alkoholgeschwängert. Alleine vom Atmen glaube ich schon einige Gläser getrunken zu haben. Aber mit Atmen allein werden wir nicht hinausgelassen, wir müssen den frischgebrannten Sliwowitz selbstverständlich probieren. Nein haben wir nicht gesagt. Dann geht es ums Hauseck, wo ein kleiner Wasserfall runterrauscht. Die Energie hier wird aber nicht nur zum Antrieb einer Mühle genutzt, auch eine Waschmaschine gibt es hier. In das herabstürzende Wasser ist ein großer Holzbottich gebaut. Der Besitzer zeigt uns, wie es geht. Er legt eine alte Decke hinein, die im Bottich herumgewirbelt wird. Sogar verschiedene Schleudergänge kann man einstellen. Ein paar Minuten später ist die WaschmaschineDecke sauber, ganz ohne Waschmittel. Er erzählt uns von den Städtern, die mit Bergen von Wäsche herausfahren, um hier gegen einen kleinen Obolus zu waschen. Das gäbe es schon hunderte von Jahren meint der Mann.

Aber jetzt ist es Zeit für die kleine Jause, die sich als Gelage herausstellt. Zora erwartet uns, wir setzen uns an den gedeckten Tisch und essen und essen. Sie verwöhnt uns mit frischen „Gebackenen Mäusen“, Speck, Wurst, Ajvar und Kaymak. Und weil es ja noch ein Dessert braucht gibt’s zur vierten Schüssel „Gebackene Mäuse“ noch Hagebuttenmarmelade. Alles selbst gemacht. Sie ist eine tolle Wirtin, es fehlt an nichts und zum Abschied kredenzt sie noch türkischen Kaffee.

Gastfreundschaft

Auf der Rückfahrt dann noch ein Abstecher nach Bihac.  

Keine 24 Stunden war ich in Bosnien, aber ich will wieder ein Mal hin, denn Bosnien ist einfach schön.

Man muss ja nicht unbedingt zu Allerheiligen nach Zagreb fahren. Dann wäre auch die Überschrift eine andere. So aber landen wir am Donnerstag vor Allerheiligen nach einer erträglichen Übernachtfahrt am Zagreber Hauptbahnhof, purzeln samt Gepäck aus dem Wagon und stehen vor einer hellerleuchteten Kapelle. Für Pilger und sonstige Reisende. stt

Das setzt sich fort am Bahnhofsvorplatz mit Standeln voller Kerzen und Chrysanthemen und Menschen, die das kaufen. Nach dem Einchecken im Hotel führt der erste Weg zum Dom, dort zünden wir ein Kerzerl an, schaden kann das nicht. Zagreb ist eine freundliche und bunte Stadt mit besonders vielen Schuhgeschäften und Kaffeehäusern an jeder Ecke. und ganz vielen Wegweisern zu Museen, darunter die üblichen zu Kunst, Natur und Heimat. Ein Museum weckt unser Interesse: Museum of Broken Relationships. Wir diskutieren, was das wohl sein könnte. Kriegsgeschichte, Konflikte, zerbrochene internationale politische Beziehungen. Nichts davon, wir überzeugen uns vor Ort, dass es schlicht um zerbrochene Lieben in aller Welt geht, symbolisiert durch Äxte, Strumpfbänder und Frisbeescheiben. stto

Soviel Trennungsschmerz verlangt nach einem starken Kaffee. Auf dem Weg entdecken wir einen der wichtigsten religiösen Orte Zagrebs- das Steinerne Tor. Dort verspricht die Muttergottes, flankiert vom Heiligen Antonius und unzähligen Votivtafeln, den Gläubigen Hilfe und Rat in schwierigen Lebenslagen. Die Gegenleistung scheinen Kerzen zu sein. Manche Gläubige kaufen sie im Zehnerpack, stecken sie in große metallene Behälter voller Sand. Eine Frau ist damit beschäftigt abgebrannte zerflossene Kerzen wieder rauszuschaben, um schnell Platz für neue zu machen. Trotzdem ein sehr mystischer Ort. unbek

Der nächste Tag ist Allerheiligen, also Pflicht auf den Friedhof zu gehen. Am Vormittag drehen wir noch eine Runde im Zentrum, sehen eine fast einen halben Kilometer lange Schlange Menschen anstehen, vollbepackt mit Kerzen und Kränzen. Geduldig warten sie auf die Busse, die sie im Minutentakt zum Friedhof bringen. Wir beschließen zu Fuß zu gehen. Schon aus der Ferne sehen wir die Kuppeln des Friedhofeingangs, oben auf dem Hügel. Mit vielen anderen, Jungen und Alten, Großfamilien und frisch Verliebten, erklimmen wir den Aufstieg zum Friedhof Mirogoj. Dort erwartet uns ein Durcheinander von Menschen, Kerzen, Blumen und Maroni- und Popcornverkaufsständen. Keine getragene andächtige Atmosphäre, im Gegenteil ein bisschen Jahrmarkt und viel Familien- und Freundestreffen. Die Friedhofsbesucher tragen angemessene Kleidung, dem Anlass entsprechend, aber nicht übertrieben herausgeputzt.

Drinnen schieben wir uns an dem Riesengrab von Franjo Tudjman vorbei, gerade bauen Fernsehleute die Kamerastative und Mikrofongalgen ab und tragen sie zu den bereitstehenden Übertragungswägen nationaler Sender. Gegenüber gelangen wir zu einem großen liegenden Kieskreuz auf dem unzählige Grablichter in allen Formen und Farben stehen. Hier denken die Menschen an alle Toten, Bekannte und Unbekannte. Der Friedhof bietet ganz ganz viel Platz, abertausende Gräber, in denen schon Generationen einer Familie liegen. Manche auch religiös gemischt, Muslim und Christin beieinander. Manche Grabstätten sind leer und warten auf eine neue Familie. Hier stehen naturgemäß keine Kerzen. Auf allen anderen Gräbern finden sich Blumen, Kränze, Kastanienkreuze und Kerzen in allen Formen und Farben. Manche in Herzform, als Engel oder Säule. Viele blaue, rote und weiße Grablichter sind in der Abfolge der kroatischen Flagge angeordnet. graeberBis zu 27 Lichter zählen wir auf einem Grab, große Trauer, Ehrfurcht oder Must have? Auf manchen Gräbern sitzen die Menschen auf einen Schwatz zusammen, ein Maronisackerl in der einen und eine Zigarette in der anderen Hand. Dazwischen nimmt die Nase ganz leicht den Geruch von geschmolzenem Grabkerzenplastik wahr. Das ist Zagreb zu Allerheiligen, zu einer anderen Zeit ist es wahrscheinlich ein ganz anderes Zagreb.

Es hat mich schon gefreut, als mich mein Chef Pepo Mautner gefragt hat, ob ich mit ihm die Lesung halte für die Buchpräsentation seines neuen Buches „Agenda Menschenrechte“. Er hat zwar gleich gesagt „Honorar gibt’s dafür leider keines“, aber das ist wirklich Ehrensache. Vor allem, weil dieser Abend am 5. November im Literaturhaus in Salzburg ein besonderes Zuckerl zu bieten hat: Die urcoole Ute Bock wird da sein. Also das ist eigentlich schon Grund genug hinzugehen.

Pepo Mautner

Pepo Mautner

Hier gleich ein kleiner Vorgeschmack auf das Buch, das an diesem Abend druckfrisch zu erwerben ist. Bei der ersten Lektüre wird gleich deutlich, wer die Hauptpersonen sind. Es handelt sich um Menschen, denen Mautner in seiner mehr als zehnjährigen Arbeit in der „Plattform für Menschenrechte“ begegnet ist. Sie sind die Hauptprotagonisten, die in kurzen Kommentaren und Erzählungen ins Blickfeld rücken. Die sogenannten Anderen, die wir gerne aus unserer abgesicherten Position Fremde, Asylanten und BettelmigrantInnen nennen, ohne sie wirklich zu kennen.

Die beschriebenen Szenen fokussieren die unsichtbaren Grenzen, denen sie gegenüberstehen. Die Schranken von Institutionen und Behörden, aber auch denen, der „Einheimischen“. Diese unsichtbaren Barrieren beschrieb auch Franz Kafka in seinem Roman „Der Prozeß“, auf den sich Mautner bezieht. Die Agenda Menschenrechte inspiriert, aufmerksam zu sein, wahrzunehmen, was ist und die abstrakt wirkenden Menschenrechte lebendig werden zu lassen. Bei zwei Erzählmomenten konnte ich meine Tränen nicht verbergen. Der Autor macht einer breiteren Öffentlichkeit die berührenden Geschichten zugänglich, die sonst in der Anonymität verloren wären. Der wesentliche inhaltliche Unterschied zum „Prozeß“ von Kafka besteht darin, dass in der Agenda Menschenrechte begründete Hoffnung durchscheint. Menschenrechtsverletzungen sind kein Schicksal, sondern wir haben die Möglichkeit, im Sinne der Einhaltung der Menschenrechte zu handeln. Das wird erst geschehen, wenn wir uns von diesen Geschichten der anderen berühren lassen, und sie in ihrem anders Sein anerkennen.

Mehr dazu am 5. November, um 19 Uhr im Literaturhaus

 

Vor Allerheiligen haben wir immer im Deutschkurs über den Tod gesprochen. Welche Bedeutung hat er in den verschiedenen Kulturen, wie denkt man an die Toten, wie macht man das Begräbnis? Ich habe keinen Deutschkurs mehr, aber ich erinnere mich an einige Erzählungen meiner Schülerinnen, wie das in ihrem Herkunftsland ist. Der Tod ist in jeder Kultur etwas Besonderes. Parte 2

Eine Schülerin aus China hat geschildert, wie sie für den Verstorbenen aus Papier riesige Gebilde machen. Das kann ein Auto sein, ein Haus oder etwas anderes, das dem Toten wichtig war. Diese papierenen Dinge werden dann beim Begräbnis verbrannt. Damit will man, dass diese Dinge den Toten weiterhin zur Verfügung stehen, aber auch dass die Toten den Lebenden nicht schaden.

Eine Schülerin aus Thailand erzählte, wie erstaunt sie war, als sie erstmals in Österreich sah, dass die Friedhöfe öffentliche große Plätze sind, wo die Toten liegen. Warum die Toten in Österreich nicht alle verbrannt werden und anschließend zu Hause oder Im Tempel ihre letzte Ruhestätte finden, war ihr ein Rätsel. Sie meinte, dass wir in Österreich so viel Platz brauchen für die Toten.Parte 1

Eine Schülerin aus Afrika, welches Land weiß ich nicht mehr, berichtete Ähnliches. Sie sagt, dass der Tote bei ihnen unter dem Bett eines Familienangehörigen, wenn möglich dem ältesten Sohn, begraben wird. Damit hat der Tote weiterhin einen Platz in der Familie und alle können seine Traditionen weiterführen.

Für viele Schülerinnen aus muslimischen Ländern war es wiederum ein komischer Gedanke, dass man Tote verbrennt. Und sie haben es sehr bedauert, dass in Österreich die Toten kein Grab bekommen, in dem sie ewig liegen können.

Parten

Alle zusammen haben wir aus unseren Erzählungen gelernt, wie wichtig es ist an die Verstorbenen zu denken. Denn wir haben unsere Wurzeln in unseren Vorfahren und starke Wurzeln sind eine große Stütze für unser Leben.

„Notreisende und BettelmigrantInnen benötigen eine wohlwollende Aufnahme und tatkräftige Unterstützung durch die Salzburger Politik und Zivilgesellschaft!“ sagt Heinz Schoibl, von Helix – Forschung und Beratung. Aus erster Hand beschreibt er die Ergebnisse der hoch aktuellen und in der Ergebnissen sehr aufschlussreichen im Jahr 2013 durchgeführten Studie über BettelmigrantInnen in Salzburg:

Autor der Studie Heinz Schoibl

Autor der Studie Heinz Schoibl

„Also? Das war’s dann. Ich bin alt, ich bin nicht gesund. Alles fällt mir schon schwer, aber ich sehe nicht, wie sich das ändern könnte. Nein, das wird wohl so bleiben bis zum Schluss.“ (Roma, männlich, 66 Jahre alt, Slowakei)

So beschreibt Peter E. seine aktuellen Perspektiven: Zuhause gibt es für ihn nichts zu tun, von Erwerbsbeteiligung ist er bereits seit vielen Jahren exkludiert. Ohne regelmäßiges Einkommen kann er kaum dafür sorgen, ordentlich zu essen. Er sieht keine Chance, dass sich in den nächsten Jahren daran was ändert. Deshalb kommt er jetzt schon zum wiederholten Mal nach Salzburg, um hier zu betteln und anschließend mit den lukrierten Notgroschen heimzufahren, bis das Geld wieder ausgegangen ist und er wieder kommen muss – solange ihm das eben möglich ist.

Aber Peter E. ist nicht der Einzige. Jahr für Jahr kommen ca. 1.350 Menschen aus Südosteuropa nach Salzburg, halten sich hier durchschnittlich drei bis vier Wochen auf, betteln oder arbeiten (unangemeldet und für einen Hungerlohn) oder betätigen sich als StraßenmusikantInnen.

Ihr prekäres (Über-)Leben findet auf der Straße, im öffentlichen Raum oder in überfüllten Personenkraftwagen statt. Sie verbringen ihre Tage und Nächte in Salzburg unter höchst unwürdigen und letztlich gesundheitsschädlichen Rahmenbedingungen. Sie sind Regen, Wind und Kälte schutzlos ausgesetzt und müssen gleichermaßen auf Privatsphäre als auch darauf, sich was Warmes zum Essen zu machen, sich oder die Bekleidung zu reinigen, verzichten. Diese Entbehrungen nehmen sie auf sich, um mithilfe des Notgroschens, den sie durch prekäre Erwerbsarbeit (ohne Sozialversicherung versteht sich), durch den Verkauf von Straßenzeitungen oder durch Betteln erwerben und mit äußerster Sparsamkeit zusammenkratzen, zu ihrem eigenen sowie dem Überleben ihrer Familien in der Herkunftsregion beizutragen – bis das Geld dann eben wieder ausgegangen ist und sie sich erneut auf die Notreise machen müssen – solange es in gesundheitlicher Hinsicht noch geht.

Über die Lebens- und Bedarfslagen von Notreisenden, BettelmigrantInnen und Wanderarmen liegt nun eine neue Studie vor, für die im Zeitraum Februar bis Mai 2013 mehr als 170 Interviews, jeweils in der Muttersprache der Notreisenden, durchgeführt wurden.

Die Kernergebnisse dieser Erhebung widersprechen den medial verbreiteten Befürchtungen und Unterstellungen und belegen stattdessen:

• Für eine mafiaähnliche Organisation von Bettelmigration gibt es keinen einzigen Hinweis – im Gegenteil: das zentrale beobachtbare Organisationsmuster verweist auf familiären Zusammenhalt, nachbarschaftliche Unterstützungsformen und informelle Vereinbarungen zur Verringerung von Reisekosten, zur Erleichterung des Aufenthalts und zum gegenseitigen Schutz.

• Hintermänner, die in regelmäßigen Abständen die Schalen der Bettelnden ausleeren, wären wohl angesichts des äußerst bescheidenen Einkommens der BettlerInnen selbst von Marginalisierung betroffen oder selbst zum Betteln gezwungen. Von einem Erwerb von durchschnittlich 10 Euro pro ganztägigem Bettel bleibt in jedem Fall kaum etwas übrig, das ein Abkassieren lukrativ machen würde.

• Anstelle des unterstellten Sozialtourismus und der Befürchtung, die Notreisenden würden die Sozialkassen der Kommunen belasten, kann festgestellt werden, dass in Inanspruchnahme öffentlich finanzierte Sozialeinrichtungen durch Notreisende bestenfalls die Ausnahme und keinesfalls die Regel darstellt. Die meisten Sozialeinrichtungen müssen Notreisende aus den südöstlichen EU-Ländern, sofern diese überhaupt den Weg in diese Einrichtungen finden, abweisen, weil sie entsprechende Dienstleistungen gar nicht verrechnen könnten. Notreisende ohne regulären Aufenthaltstitel sind dezidiert von einem Recht auf Hilfe und Unterstützung ausgeschlossen.

• Die Notreisenden oder BettelmigrantInnen kommen nicht nach Salzburg, weil sie über die großzügigen Sozialleistungen, Chancen und Perspektiven, die sie hier vorfinden, so gut Bescheid wissen. Der zentrale Pullfaktor für Salzburg als Wunschdestination ihrer Notreise ist stattdessen das mit Hochglanzbroschüren von der Salzburger Tourismusbranche kräftigst ausgemalte Image als Weltkulturstadt und einmalige Wohlstandsregion.

• Notreisende bilden keine kriminellen Banden, die durch Österreich ziehen, um sich mittels kleinerer oder größerer Delikte zu bereichern. Es handelt sich bei den Notreisenden in der Regel um kleinere Gruppen, die entweder im familiären oder im nachbarschaftlichen Kontext zusammenhalten. Ihre Lebensverhältnisse sind durch äußerste Armut und Marginalisierung bis Verwahrlosung gekennzeichnet. Auf kriminelle Handlungen im engeren Kontext der Notreisen und oder der Bettelmigration findet sich in der umfassenden und differenzierten Erhebung kein einziger Hinweis. Das Gegenteil dürfte der Fall sein: Vorrangiges Migrationsziel dieser Personengruppe stellt die Suche nach Erwerbsarbeit dar. Für den Fall, dass keine reguläre Arbeitsstelle gefunden werden kann (und das ist eher durchgängig die Regel), nehmen die Notreisenden auch mit prekären Erwerbsmöglichkeiten oder dem Verkauf von Straßenzeitungen vorlieb oder – vor allem wenn die individuellen Voraussetzungen für Erwerbsarbeit aus gesundheitlichen oder Altersgründen nicht gegeben sind – begnügen sich diese mit der Option zu betteln. Damit können zwar kleinkriminelle Handlungen (wie z.B. Ladendiebstahl) nicht ausgeschlossen werden, fest steht jedoch: Kriminelle Karrieren sowie Banden sehen ganz anders aus.

Auf der Grundlage der empirisch gewonnenen Erkenntnisse wurde eine Reihe von Maßnahmenvorschlägen erarbeitet, die am 4.10.2013 formell der Presse und im Anschluss daran den VertreterInnen der politischen Gemeinderatsklubs präsentiert und zur Diskussion gestellt wurden. Dabei konnte als Kernaussage vieler Beteiligter festgestellt werden, dass der politische Wille vorhanden ist, jetzt konkrete Umsetzungsschritte anzugehen und Schritt für Schritt zu realisieren.

Zuallererst gilt es ganz grundsätzlich, eine positive Haltung zur Tatsache der Notreisen und eines regelmäßigen Aufenthalts von Notreisenden oder BettelmigrantInnen einzunehmen und jetzt (noch vor dem Winter!) Strukturen und Ressourcen für eine in quantitativer wie qualitativer Hinsicht adäquate und ausreichende Basisversorgung bereitzustellen. Es gilt, durchschnittlich 150 Personen, mehrheitlich Männer (etwa 50%), Frauen (30%) und mitziehende minderjährige Kinder (etwa 20%), vor den ärgsten Unbilden zu beschützen.

Download der Studie unter: http://www.helixaustria.com/uploads/media/Not-Reisen_und_Bettel-Migration_Bericht_131001.pdf