Bosnien ist ein Land, das mich schon lange begleitet. Ivo Andric‘ „Brücke über die Drina“ vermittelte mir die Geschichte Bosniens so, dass ich immer mehr wissen wollte. Meine Schülerinnen schwärmten mir oft vor, ich solle unbedingt dahin und dorthin. Bihac, Banja Luka und Sarajewo müsste ich sehen. Es hat sich nie ergeben, bis Samstag letzter Woche. Wir sind in Zagreb und wollen auch ein bisschen die Umgebung sehen. Mein alter Studienkollege Domagoj macht Vorschläge und meint, die bosnische Grenze wäre nicht weit weg. Also Samstag Vormittag rein ins Auto mit dem Ziel Banja Luka.Schloss

Es geht aus Zagreb raus, zuerst passieren wir Karlovac. Hier verlief auch eine Frontlinie im Jugoslawienkrieg. Obwohl es schon fast 20 Jahre her ist, zeugen noch viele Häuser vom Krieg. Die Fassaden sind durchlöchert von Einschüssen, sehr bedrückend. Auf der Strecke Richtung bosnische Grenze durchqueren wir Dörfer, die nur dürftig besiedelt sind. Viele Häuser stehen leer.

Der Grenzübertritt von Kroatien nach Bosnien geht schnell und unkompliziert. Zeit für einen Kaffee zum Energietanken. Domagoj kennt die Wirtin und sie bringt als Begrüßung ein Gläschen Sliwowitz. Der Muezzin ruft zum Mittagsgebet, die Hunde dösen auf der Straße. Auf der Weiterfahrt wird das Fahrziel korrigiert, wir steuern jetzt Bihac an. Auf dem Weg liegt die Burg Ostroschatz, hunderte Jahre alt, im 19. Jahrhundert von einem österreichischen Adeligen als Wohnsitz genutzt, verfällt sie jetzt. Wir wandern durch die Ruine, wagen uns auch ins obere Stockwerk und blicken durch die heruntergefallenen Decken ins Erdgeschoss. Mit ein bisschen Phantasie stelle ich mir vergnügliche Sommerfeste vor, einen Spaziergang durch den Garten und beschauliche Abende mit Blick übers Tal. Aber es geht weiter Richtung Bihac.

WasserfallDrei Dinge fallen uns besonders auf. Viel wird gebaut. Die Menschen hier lieben Farben, denn die Häuser lachen uns in Blau, Rot, Pink, Gelb, Orange an. Zwischen den Siedlungen und zum Teil einfach mitten in der Landschaft sind die Friedhöfe. Manchmal sind es nur zwei, drei Grabsteine, die in den Feldern stehen. Und jetzt steht das Reiseziel endgültig fest, wir fahren in den Nationalpark Una, um die berühmten Wasserfälle zu sehen. Die Landschaft ist beeindruckend, der Fluss Una zieht sich durch eine halb hügelige, halb bergige Gegend, es gibt Wölfe und Bären. Wir sehen keinen.

Angekommen in dem kleinen Dorf Martin Brod, wird Domagoj sofort von der Wirtin Zora abgebusselt. Sie heißt uns herzlich willkommen mit, klarerweise, Sliwowitz und Hagebuttenlikör. Wir sollen noch eine Runde drehen, meint sie, dann wäre eine kleine Jause bereit. Wir machen uns auf den Weg und bestaunen die Wasserfälle, die im Winter auch mal zu Eis gefrieren können. Und dann gibt es noch zwei besondere Eindrücke. Slivowitz

Wir dürfen in eine kleine private Schnapsbrennerei, wo gerade die Männer dabei sind natürlich Sliwowitz zu brennen. Es ist eine alte kleine Hütte, geheizt wird mit Holz, die Luft ist alkoholgeschwängert. Alleine vom Atmen glaube ich schon einige Gläser getrunken zu haben. Aber mit Atmen allein werden wir nicht hinausgelassen, wir müssen den frischgebrannten Sliwowitz selbstverständlich probieren. Nein haben wir nicht gesagt. Dann geht es ums Hauseck, wo ein kleiner Wasserfall runterrauscht. Die Energie hier wird aber nicht nur zum Antrieb einer Mühle genutzt, auch eine Waschmaschine gibt es hier. In das herabstürzende Wasser ist ein großer Holzbottich gebaut. Der Besitzer zeigt uns, wie es geht. Er legt eine alte Decke hinein, die im Bottich herumgewirbelt wird. Sogar verschiedene Schleudergänge kann man einstellen. Ein paar Minuten später ist die WaschmaschineDecke sauber, ganz ohne Waschmittel. Er erzählt uns von den Städtern, die mit Bergen von Wäsche herausfahren, um hier gegen einen kleinen Obolus zu waschen. Das gäbe es schon hunderte von Jahren meint der Mann.

Aber jetzt ist es Zeit für die kleine Jause, die sich als Gelage herausstellt. Zora erwartet uns, wir setzen uns an den gedeckten Tisch und essen und essen. Sie verwöhnt uns mit frischen „Gebackenen Mäusen“, Speck, Wurst, Ajvar und Kaymak. Und weil es ja noch ein Dessert braucht gibt’s zur vierten Schüssel „Gebackene Mäuse“ noch Hagebuttenmarmelade. Alles selbst gemacht. Sie ist eine tolle Wirtin, es fehlt an nichts und zum Abschied kredenzt sie noch türkischen Kaffee.

Gastfreundschaft

Auf der Rückfahrt dann noch ein Abstecher nach Bihac.  

Keine 24 Stunden war ich in Bosnien, aber ich will wieder ein Mal hin, denn Bosnien ist einfach schön.

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