Ich komme ins Seniorenwohnhaus Taxham in Salzburg. Schon an der Tür empfängt mich ein besonderer Geruch. Nach Spray. Nicht nach Haarspray sondern nach Farbspray. Und da sitzen schon die Damen beieinander. Alle zwischen 80 und 95 Jahren. Eine von ihnen hat auf ihrem Rollator Platz genommen, der vor einer Staffelei steht. Darauf eine Leinwand. Sie hält die Spraydose ganz fest in der Hand. Drückt drauf und lila Striche ziehen sich über das Weiß. Daneben steht Tami, Tamara Volgger, eine junge Graffitikünstlerin aus Salzburg. Sie braucht nicht viel zu helfen. Tami zeigt nur ein paar Tricks, wie es noch besser geht: „Halten Sie die Spraydose direkt an die Leinwand, dann drücken sie drauf. Das gibt einen klaren Strich. Wenn Sie die Dose weiter weg halten, dann wird der Strich breiter, franst aus.“ Die Dame ist sehr lernwillig, probiert beides aus.


Die anderen Frauen skizzieren derweil ihre Kunstwerke, die sie dann sprayen. „Ein anderes Gefühl ist das.“ .meint Frau K., die eine wunderbare Sonnenblume gestochen scharf gezeichnet hat. Gesprayt ist sie sehr impressionistisch. Flächiger, aber auch heller und fröhlicher. „Das hat mir jetzt Freude gemacht. Mit der Zeichnung war ich sehr gut vorbereitet und dann habe ich eine Überraschung erlebt. Es ist was Neues entstanden. Durch die große Leinwand, die Spraydose, die anderen Farben. Sehr schön finde ich.“, so Frau K.

Graffiti-Workshops haben normalerweise junge Leute als Zielgruppe. Hier sind es die Seniorinnen, die ihrer Phantasie freien Lauf lassen. „Aber eigentlich sind Junge und Alte ganz ähnlich beim Sprayen,“ erzählt Tami. „Zuerst ist da eine gewisse Scheu. Kann ich das? Patze ich eh nicht? Und dann geht der Knopf auf und es macht einfach einen großen Spaß. Den alten und den Jungen!.“

Im Frühjahr gibt es dann eine Vernissage mit den Künstlerinnen und ihren Werken im Seniorenwohnhaus Taxham. Ich freue mich drauf.

Fotos: Killer

von Sonja Schiff

a1Vor Jahrzehnten hat Hans für sich, seine Frau und seine Kinder ein Traumhaus gebaut.  Nein, es ist keine Villa geworden. Es wurde ein kleines Häuschen mit Küche, Wohnzimmer, Bad mit Toilette, einem Schlafzimmer und zwei Kinderzimmer. Außerdem hat das Häuschen eine kleine Terrasse und einen Garten, den seine Frau Anna bewirtschaftete als sie noch lebte.

Fast fünf Jahre hat der Hausbau gedauert, Tag für Tag nach der Arbeit schuftete Hans am Bau, Wochenende für Wochenende halfen auch Anna und die beiden Kinder. Freizeit gab es keine. Dafür feierten sie ein kleines Fest, als sie die winzige Wohnung endlich verlassen konnten und in ihr Haus einziehen. Wie sich die Kinder darüber freuten ein eigenes Zimmer zu haben! Und Anna strahlte wegen der neuen Küche und des kleinen Gartens.

60 Jahre sind seitdem vergangen. Die Kinder leben mittlerweile in Berlin und London, sie haben es zu etwas gebracht und auch eigene Familien gegründet. Er ist stolz auf sie. Vor einem halben Jahr ist Anna gestorben. Plötzlich. Hirnblutung. Es war als würde die Welt untergehen. Anna, seine Anna, plötzlich aus seinem Leben gerissen. Von einem Tag auf den anderen alleine.

Und die Kinder?

Die Kinder wollten ihn zu sich holen. Aber gang ehrlich, was soll er in Berlin oder London? Nein, er ist hier zu Hause, hier wo man seine Sprache versteht. Hier wo Anna mit ihm lebte.

Vor ein paar Wochen hat Hans entschieden ins Seniorenheim zu ziehen. Die Einsamkeit der letzten Monate hat Spuren hinterlassen. Morgens fällt es ihm immer schwerer aufzustehen. Kürzlich hatte er außerdem einen kleinen Schlaganfall und nun fallen einige Dinge des täglichen Lebens schwer. Er will auf Nummer sicher gehen, dass da Hilfe ist, wenn er sie braucht.

Aber wie verlässt man den Mittelpunkt seines Lebens? Wie verabschiedet man sich von den vielen Erinnerungen? Wie sortiert man sein Hab und Gut in wichtig und unwichtig? Wie reduziert man sich von 120 Quadratmeter auf 25 Quadratmeter?

Der neue Laubsauger? Nein, der muss nicht mit. Den bekommt der junge Nachbar. Der alte Biedermeierschrank von Oma Rosi? Hmmmm, der ist wohl zu groß für das kleine Zimmer im Heim. Ob den jemand in Ehren halten wird? Die alten Eislaufschuhe? Meine Güte was war er doch für ein leidenschaftlicher Eiskäufer! Am Eislaufplatz in Salzburg, da hat er dann auch seine Anna kennengelernt. Das hübscheste Mädchen weit und breit!

Was ist das? Das alte Spielzeug der Kinder. Die Lieblingspuppe des Mädchens, das Holzpuzzle des Jungen. Anna hat es aus Sentimentalitätsgründen in einem Koffer aufbewahrt. Auf den Müll werfen? Mitnehmen?

Und hier, das vergilbte Hochzeitsalbum?

Ach, Anna……

 

Sonja Schiff, MA ist Gerontologin und Altenpflegeexpertin. Im Oktober 2015 erschien ihr erstes Buch „Was ich von alten Menschen über das Leben lernte“.

Mehr Infos zu Sonja Schiff finden Sie unter hier: Careconsulting und Vielfalten

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Kurrentschrift ist für die Jungen fast nicht zu lesen!

Wenn ein Mensch über 80 Jahre alt ist, wird er nicht gerade als aktiv wahrgenommen. Bei diesem Alter denken Jüngere unweigerlich an Rollatoren, Windeln, Kamillentee und Pflegebett. Und daran, dass die Menschen selber nicht mehr viel tun müssen, gerade, wenn sie in einem Seniorenwohnhaus leben. Und Ahnung haben die doch auch nicht mehr von der modernen Welt voller Computer, Smartphones und Tablets.

Das ist aber nicht so. Vor einigen Monaten habe ich erfahren, dass es in Hamburg Senioren gibt, die ein spezielles Angebot haben. Sie lesen und „übersetzen“ alte Schriftstücke, die in Kurrent verfasst sind in unsere lateinische Schrift. Viele junge Menschen wenden sich an sie, damit sie endlich wissen, was die Uroma dem Uropa am Beginn ihrer Liebe so geschrieben hat. Oder welche schönen Sprüche im Poesiealbum von 1920 stehen, das man gerade auf dem Dachboden gefunden hat.

Was die Hamburger SeniorInnen können, das können wir schon lange habe ich mir gedacht und eine Umfrage in unseren Seniorenwohnhäusern in der Stadt Salzburg gestartet. Und siehe da, über 50 Menschen haben sich gemeldet. Jetzt haben wir in unseren 5 Häusern je eine Kurrentgruppe. Damit auch viele Menschen darüber Bescheid wissen, gab es ein Pressegespräch.

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Wer kann das lesen?

Herr Huber, Frau Buchner und Herr Bräuer standen Rede und Antwort. Alle haben sie Kurrent in der Schule gelernt, das war damals die normale Schreibschrift. Die lateinischen Buchstaben waren die Schönschrift! Und da musste man aufpassen. Die Auf- und Abstriche, die Haar- und Schattenstriche. Alles nicht so einfach. Da hat der Herr Lehrer ganz genau geschaut, ob es auch akkurat geschrieben ist. War aber nicht immer so. Und manchmal setzte es deshalb in der Schule eine Watsche, erzählte  Herr Huber: „Da hat man sich zu Hause aber nicht darüber beschweren dürfen, sonst hätte man gleich noch eine kassiert.“

Frau Buchner hat ihren Kalender als junges Mädchen in lateinischer Schrift geführt, ihre Mutter konnte nur Kurrent. Die sollte nämlich nicht wissen mit welchen jungen Herren sie sich trifft!

Und alle drei freuen sich darauf heute jungen Menschen dabei zu helfen, die alte Korrespondenz aus der Familie zu verstehen, denn so meinen sie: „Endlich dürfen wir mal wieder die Gescheiten sein!“

Hier die drei Kurrent-ExpertInnen im Interview:

 

 

Und wer etwas übersetzen lassen will, melde sich hier:

Seniorenbetreuung der Stadt Salzburg: 0662 8072-3240, -3242, -3243
E-Mail: [email protected]

 

von Sonja Schiff

Er ist der mittlere von drei Söhnen und der einzige, der in Salzburg geblieben ist. Die beiden Brüder hat das Leben in die Ferne getragen, den Jüngeren nach Mexiko, den Älteren in die Schweiz. Nur Peter ist geblieben, in Österreich, in Salzburg, in der Nähe seiner Eltern, die im nördlichen Flachgau leben.

a2Die Mutter war vor zwei Jahren verstorben, plötzlich, Krebs. Seitdem lebt der 85 jährige Vater, immer schon ein durchsetzungsstarker Sonderling, alleine in seinem Bauernhaus. Im ersten Jahr nach dem Tod seiner Frau kam er alleine gut zurecht, ein paar kleine Unterstützungen nur waren notwendig, aber sonst war er selbständig. Doch nach einigen Monaten begann sich der Vater zu verändern. Sich zu waschen ist ihm unwichtig geworden und mühsam, er wechselte seine Kleidung nicht mehr und er vergaß zu essen. Peter, der in der Nähe gebliebene Sohn versuchte regelmäßig den Vater zu besuchen und ihm zu helfen. Aber der Vater lehnte jede Hilfe ab und schon gar nicht wollte er, dass jemand Fremder ins Haus kommt.

Silvester ließ er sich, nach vielen Stunden guten Zuredens, von Peter baden und auch frische Kleidung zog er an. Danach lehnte er jeden weiteren Besuch ab mit den Worten: „Kümmere Du Dich um Dein Leben, ich kümmere mich um mein Leben“. Peter blieb nur eines, den Vater regelmäßig anzurufen und sich so wenigstens zu versichern, dass dieser noch lebte.

Gestern rief das Krankenhaus an. Nachbarn hätten die Rettung gerufen, weil der Vater vor dem Haus gelegen war. Die anrufende Ärztin meinte, der arme alte Mann wäre total verwahrlost und er als Sohn hätte Glück, dass sie das nicht anzeigen würde. Sie fragte, warum sich da niemand gekümmert hätte und stellte für die Zukunft fest: „Ihr Vater kann sicher nicht mehr alleine leben, er braucht Betreuung, rund um die Uhr.“

Heute, einen Tag später, meldete dieselbe Ärztin die Entlassung des alten Patienten. Auf die Frage von Peter, wie er das nun regeln solle, er würde doch arbeiten gehen und der Vater würde ihn ja nicht ins Haus lassen, antwortete die Ärztin: „Wir sind keine Pflegeeinrichtung. Sie werden sich halt Urlaub nehmen müssen und die Pflege übernehmen.“ Punkt. Aus. Basta.

Da stand Peter, der einzige im Lande verbliebene Sohn und wusste nicht weiter. Anrufe bei den Brüdern ergab ein telefonisches Schulterzucken. Was sollen wir tun? Wir sind doch in Mexiko und in der Schweiz. Außerdem wir arbeiten ja auch noch und überhaupt, die Familie, die Frau, die Kinder! Nein, wir können nicht helfen. Tut uns leid.

Sonja 1

Sonja Schiff

Verzweifelt und mit fahlem Gesicht stand er dann vor mir, Peter mein Nachbar. „Du bist doch Spezialistin für Altenpflege?“ fragte er zögerlich, um nach einem Nicken meinerseits eine Stunde durchzureden und sein Herz auszuschütten. „Ich war doch immer da für ihn!“ rief er und „ich kann ihn doch zu nichts zwingen!“. Ob er vom Krankenhaus Informationen erhalten hat über Möglichkeiten für Kurzzeitpflege, Aufnahme im Seniorenheim, 24-Stunden-Betreuung oder Hauskrankenpflege?

Nein, nur dass er den Vater holen muss. Heute noch.

Als Altenpflegeexpertin bin ich immer wieder mit Situationen wie dieser konfrontiert. Angehörige, die plötzlich mit Pflegebedürftigkeit der Eltern konfrontiert werden und vom System Krankenhaus alleine gelassen werden. Alleine gelassen mit der Suche nach einer Lösung, alleine gelassen mit den Gefühlen, die entstehen, wenn die ehemals sorgenden Eltern plötzlich in die letzte Lebensphase eintreten.

In Falle von Peter genügte ein Anruf und ein Kurzzeitpflegeplatz für die Dauer von 2 Wochen war gefunden. Damit war Zeit gewonnen, um alle Informationen zusammen zu tragen, die für eine Entscheidung über die zukünftige Pflege des Vaters notwendig sind. Im Falle von Peter genügte ein Gespräch, ein offenes Ohr, ein klein wenig Mut machen, die Eröffnung von Perspektiven und das Angebot sich zu melden, wenn er noch Fragen hat.

Wann lernen Krankenhäuser endlich Kundenorientierung? Wann begreifen Krankenhäuser endlich, dass es im Zeichen einer älterwerdende Gesellschaft auch bei ihnen ein Umdenken braucht? Wann hören Krankenhäuser endlich auf Familien in dieser Situation alleine zu lassen?

 

Sonja Schiff, MA ist Gerontologin und Altenpflegeexpertin. Sie hält Seminare für Altenpflegeeinrichtungen, sowie Pensionsvorbereitungsseminare für Firmen. Im Oktober 2015 erschien ihr erstes Buch „Was ich von alten Menschen über das Leben lernte“.

Mehr Infos zu Sonja Schiff finden Sie unter hier: careconsultingund vielfalten

Hier eine Besprechung von Sonja Schiffs Buch!

von Sonja Schiff

Es ist schon mein halbes Leben her. Ich war eine junge Hauskrankenschwester, dazu Single und das Verhältnis zu meiner Familie war schlecht. Weihnachten drohte langweilig und einsam zu werden.

Als mir dann mein Patient Rudi, 52 Jahre alt, Alkoholiker im Endstadium, bettlägerig, abgemagert bis auf die Knochen, den ich seit ungefähr sechs Monaten täglich zwei Mal pflegte, verriet, dass diese Weihnachten wohl seine letzten wären und dann flüsternd anfügte, mehr zu sich selbst als zu mir, dass er noch nie ein richtiges  Weihnachtsfest erlebt hätte, traf ich meine Entscheidung.

Am Morgen des 24. Dezembers schleppte ich, neben meiner Einsatztasche mit Pflegeutensilien, einen kleinen Tannenbaum plus Ständer in den vierten Stock des Sozialbaus, zerrte ihn dort in der kleinen Wohnung ins Bad und stellte ihn auf die Waschmaschine. Nach der täglichen Pflege, Körperwäsche im Bett, Frühstück richten und Medikamente geben, verabschiedete ich mich von Rudi und versprach abends noch einmal vorbeizuschauen. „Wo feiern Sie heute Weihnachten?“ fragte er mich, bevor ich, ohne Antwort mit einem Schulterzucken die Wohnung verließ.

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Abends um Sieben stieg ich wieder die Stufen hoch zur kleinen Wohnung, öffnete die Türe, stellte meine Tasche im Flur ab und marschierte, nach einem kurzen Gruß in Richtung Rudi, in das Badezimmer. Ich behängte mit dem mitgebrachten Christbaumschmuck den kleinen Baum, gab ein wenig Lametta drauf und einige Kerzen. „Was tun Sie denn heute so lang im Bad“ rief Rudi etwas ungeduldig und genervt aus seinem Bett. „Den Christbaum schmücken!“ antwortete ich und war neugierig auf seine Antwort. Doch er schwieg.

Als ich den kleinen Christbaum ins Zimmer trug, auf das am Vormittag abgeräumte Kasterl stellte und die Kerzen anzündete, hörte ich wie Rudi andächtig mit bebender und leiser Stimme anfing zu singen „Es wird schooooo glei duuuumper, es wird schoooooo gleich Noooocht“.

Es gab Nudelsuppe mit Würstl, die Rudi nach einer halben Stunde wieder auskotzen musste, weil sein Magen keine Nahrung mehr vertrug. Es gab Rotwein und ein paar Vanillekipferl vom Supermarkt, dazu sangen wir Weihnachtslieder, ich las eine mitgebrachte Weihnachtsgeschichte und Rudi erzählte mir aus seinem Leben. Davon, dass er im Alter von fünf Jahren von zu Hause weggeschickt wurde, zum Arbeiten bei einem hartherzigen Bauern und dass er sein Leben danach irgendwie nie auf die Reihe gekriegt hat. Als ich mich verabschiedete, flüsterte Rudi: „Danke. So etwas hat noch nie jemand für mich getan.“

Am nächsten Tag war Rudi tot. Ich fand ihn für immer schlafend in seinem Bett. So kam es, dass ich ihm nie sagen konnte, dass das Weihnachtsfest mit ihm zu den schönsten, weil intimsten, meines Lebens gehört.

Ein kleines Geschenk vom Nikolaus an seinem Tag.

… und wenn ihr Lust auf die faire Nikolaus Schokolade bekommen habt, dann schaut bei SEI SO FREI rein. :-)