Adventkalender- 23. Türchen: Mein intimstes Weihnachtsfest

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von Sonja Schiff

Es ist schon mein halbes Leben her. Ich war eine junge Hauskrankenschwester, dazu Single und das Verhältnis zu meiner Familie war schlecht. Weihnachten drohte langweilig und einsam zu werden.

Als mir dann mein Patient Rudi, 52 Jahre alt, Alkoholiker im Endstadium, bettlägerig, abgemagert bis auf die Knochen, den ich seit ungefähr sechs Monaten täglich zwei Mal pflegte, verriet, dass diese Weihnachten wohl seine letzten wären und dann flüsternd anfügte, mehr zu sich selbst als zu mir, dass er noch nie ein richtiges  Weihnachtsfest erlebt hätte, traf ich meine Entscheidung.

Am Morgen des 24. Dezembers schleppte ich, neben meiner Einsatztasche mit Pflegeutensilien, einen kleinen Tannenbaum plus Ständer in den vierten Stock des Sozialbaus, zerrte ihn dort in der kleinen Wohnung ins Bad und stellte ihn auf die Waschmaschine. Nach der täglichen Pflege, Körperwäsche im Bett, Frühstück richten und Medikamente geben, verabschiedete ich mich von Rudi und versprach abends noch einmal vorbeizuschauen. „Wo feiern Sie heute Weihnachten?“ fragte er mich, bevor ich, ohne Antwort mit einem Schulterzucken die Wohnung verließ.

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Abends um Sieben stieg ich wieder die Stufen hoch zur kleinen Wohnung, öffnete die Türe, stellte meine Tasche im Flur ab und marschierte, nach einem kurzen Gruß in Richtung Rudi, in das Badezimmer. Ich behängte mit dem mitgebrachten Christbaumschmuck den kleinen Baum, gab ein wenig Lametta drauf und einige Kerzen. „Was tun Sie denn heute so lang im Bad“ rief Rudi etwas ungeduldig und genervt aus seinem Bett. „Den Christbaum schmücken!“ antwortete ich und war neugierig auf seine Antwort. Doch er schwieg.

Als ich den kleinen Christbaum ins Zimmer trug, auf das am Vormittag abgeräumte Kasterl stellte und die Kerzen anzündete, hörte ich wie Rudi andächtig mit bebender und leiser Stimme anfing zu singen „Es wird schooooo glei duuuumper, es wird schoooooo gleich Noooocht“.

Es gab Nudelsuppe mit Würstl, die Rudi nach einer halben Stunde wieder auskotzen musste, weil sein Magen keine Nahrung mehr vertrug. Es gab Rotwein und ein paar Vanillekipferl vom Supermarkt, dazu sangen wir Weihnachtslieder, ich las eine mitgebrachte Weihnachtsgeschichte und Rudi erzählte mir aus seinem Leben. Davon, dass er im Alter von fünf Jahren von zu Hause weggeschickt wurde, zum Arbeiten bei einem hartherzigen Bauern und dass er sein Leben danach irgendwie nie auf die Reihe gekriegt hat. Als ich mich verabschiedete, flüsterte Rudi: „Danke. So etwas hat noch nie jemand für mich getan.“

Am nächsten Tag war Rudi tot. Ich fand ihn für immer schlafend in seinem Bett. So kam es, dass ich ihm nie sagen konnte, dass das Weihnachtsfest mit ihm zu den schönsten, weil intimsten, meines Lebens gehört.

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