Unter der Lupe: Thriller von Michael Jackson

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Ein Beitrag von Bloggerkollegin Elisabeth Kaplan

Ein Freund hat sich gewünscht, dass ich über einen wahren Klassiker der Popgeschichte schreibe: nämlich „Thriller“ von Michael Jackson. Diesem Wunsch gehe ich sehr gerne nach! Wussten Sie eigentlich, dass dieser Song einige Male umgeschrieben wurde bis er endlich Ende 1982 unter dem Titel „Thriller“ das Licht der Welt erblickte? Es lohnt sich durchaus, in eine frühere Demo-Version des Liedes mit dem Namen MJ„Starlight“ reinzuhören (z.B. auf YouTube unter www.youtube.com/watch?v=E_kimWJ7128 ).
Liest man den Text von “Starlight” durch, kann man verstehen warum Rod Temperton diesen Durchschnittstext ohne klare Botschaft durch etwas Griffiges, Unverwechselbares ersetzen wollte. Der Text von „Thriller“ ist voller starker Bilder. Wir, die Zuhörer, sind mitten im Geschehen des Horrorszenarios, denn Temperton verwendet die direkte Anrede, „du“ („you“). Erst in der dritten Strophe erlöst er uns von dem Grauen und klärt auf: Die ganze Handlung spielt sich doch nur auf dem Bildschirm ab („I’ll save you from the terror on the screen“). Es ist die Direktheit des Textes, die ihn für die Zuhörer zugänglich macht. Temperton überfordert uns nicht mit komplexen literarischen Stilmitteln und versucht nicht krampfhaft, dem Song mehr Tiefe zu geben. Das Ergebnis ist durchaus schlüssig.
Wenn überhaupt, dann hätte ich nur eine Beanstandung … (ob ich mich traue?) … Die Bridge („Night creatures call …“) setzt sich musikalisch von Rest ab: es kommen neue Harmonien, sie wechseln plötzlich zu Dur; die Triolen in der Gesangsmelodie geben diesem Teil einen weicheren, geschmeidigeren Charakter im Gegensatz zu den äußerst rhythmischen Strophen und Refrains. Aus diesem Grund passen für mich die Horror-Bilder hier nicht wirklich her. Ich finde, dieser Teil würde sich besser dafür eignen, um sich das Bild vorzustellen, wie man sich auf der Fernsehcouch zusammenkuschelt – so wie es in der dritten Strophe vorkommt. Ich finde, dass sogar die Zeilen aus „Starlight“ – „Light up the world / Let the love start / Take charge of this masquerade“ – hier gut gepasst hätten.

Das Detail macht den Unterschied
Musikalisch gesehen spielt die weltberühmte Hookline im Bass eine tragende Rolle. Ich hab mir den Spaß gemacht herauszufinden, wie viel Prozent des Songs von diesem eintaktigen Motiv geprägt ist. Dazu habe ich die Takte des eigentlichen Songs zusammengezählt – also Intro/ Strophe 1/ Refrain/ Strophe 2/ Refrain/ Bridge/ Strophe 3/ Refrain (und ohne die Coda mit dem legendären „Rap“ von Vincent Price) – und hab festgestellt, dass diese Hookline ca. 90 Mal wiederholt wird bzw. 77% des Songs ausmacht. Ziemlich viel für einen Mainstream-Popsong. Aber durch die perfekt durchdachte Entwicklung der Harmonien und Melodie hat man nie das Gefühl, dass er langweilig wird – im Gegenteil: Seit über 30 Jahren kann man ihn immer und immer wieder hören. Und dank des Produzenten Quincy Jones und der Weltklasse-Musiker auf dem Track (besonders zu erwähnen ist hier David Williams, dem wir den geschmackvoll zurückhaltenden Gitarren-Lick ab 1:14 zu verdanken haben) ist „Thriller“ auch ein Paradebeispiel für den gekonnten Einsatz – oder auch das Weglassen – von Details an genau den richtigen Stellen, die aber den entscheidenden Unterschied ausmachen.
Zurück zu „Starlight“: Wenn ich mein „Thriller“-Album in die Hand nehme und geistig auf dem Cover den Titel „Thriller“ durch „Starlight“ ersetze, bekommt das gesamte Album ein anderes Gesicht. „Starlight“ wäre ein netter Pausenfüller gewesen, dessen Text aber mehr an Jacksons Disco-Vergangenheit erinnert hätte und weniger dem Anstreben der Macher gerecht geworden wäre, ein Album mit Ecken und Kanten zu produzieren. Aber durch Tempertons Geistesblitz wurde daraus ein Song, der nicht nur das Album, das Jahr, das Jahrzehnt, gar eine ganze Generation prägte, sondern auch den Künstler selbst.

Die englische Originalversion gibt’s auf dem Blog von Elisabeth Kaplan: http://elisabethkaplan.com/Blog/Entries/2014/4/24_THRILLER_-_MICHAEL_JACKSON.html

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