Zu Gast bei den Barolo Boys – was wir vom Piemont lernen können

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Ein Beitrag von Alexandra Schmidt

piem4Im Piemont, jener fruchtbaren Region in Italien rund um Turin nördlich der ligurischen Küste, hatten die Menschen immer schon ihren eigenen Kopf. Von hier stammt der bedeutendste politische Denker der italienischen Arbeiterbewegung, Antonio Gramsci (1891-1937). Hier formierte sich eine starke Partisanenbewegung gegen die Faschisten in den 1940er Jahren – die „Resistenza“. Die Volksregierungen „Giunte Popolari di Governo“ aus 1944 waren die ersten Versuche für eine freie demokratische Verwaltung der lokalen Belange durch die Bevölkerung. Und hier entstand aus einer Fahrradwerkstatt am Stadtrand von Turin die Automobilfabrik FIAT – der Grundstein für den Aufstieg Turins zu einem der bedeutendsten industriellen Zentren Italiens. Bereits 1920 arbeiteten hier 40.000 Menschen, 1979 – am Höhepunkt – 284.000. Anfang der 1980er Jahre streikten die Gewerkschaften aus Protest gegen Kündigungen für 35 Tage – ein langer Atem.

piem5Die Weinbauern im Piemont haben über viele Jahrzehnte Weine gemacht, die für die Ewigkeit bestimmt waren. Erst nach 20 Jahren Lagerung auf der Flasche einigermaßen zugänglich der Nebbiolo – die Rebsorte, aus der Barolo und Barbaresco entstehen. Als in den 1970er Jahren einige junge Söhne neue, zugänglichere und früher trinkbare Weine ausprobierten trafen moderne und traditionalistische Dickschädel aufeinander. Von Elio Altare erzählt man sich, dass er die großen Holzfässer seines Vaters zersägt und gegen neue, kleine französische Eichenfässer ausgetauscht hat. Daraufhin von seinem Vater enterbt musste auch er einen langen Atem beweisen, um seiner Vision treu zu bleiben – der Erfolg gibt ihm heute Recht. Auch war es Elio Altare, der als einer der ersten den bisher als einfachen und jung zu trinkenden Alltagswein geltenden Barbera anspruchsvoller zu einem kräftigen, strukturierten und lagerfähigen Wein ausbaute – auch das eine einzige Erfolgsgeschichte – obwohl er die Rebsorte immer noch nicht draufschreibt sondern nur „Rosso“ bzw die Lage, denn anfangs hätte niemand verstanden, warum man aus Barbera so einen Wein machen soll.
piem2Heute verfließen die Grenzen zwischen Traditionalisten und Modernisten. Elios Tochter Silvia Altare mag diese Unterscheidung überhaupt nicht, denn: die Traditionellen, sind das jene, in deren Kellern Hühner gehalten werden und die ihre Fässer nicht so oft auswaschen? Und die Modernen, sind das jene, die besonders viel neues Holz einsetzen? Was ist dann einer, der sauber arbeitet aber trotzdem noch für einige Weine große alte Holzfässer verwendet?
Von solchen Geschichten kann man viel lernen. Von Traditionen, die gut und wertvoll sind, die von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden, die sich aber entwickeln können. Von mutigen, frischen und unkonventionellen Ideen, die etwas Neues hervorbringen. Ich finde, es braucht beides – und ein eigener Kopf hat sowieso noch nie geschadet.

Ci vediamo, eure Xela

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