ein Beitrag von unserem Gastautor: Josef P. Mautner

Ein Spaziergang durch die Stadt

Was macht die Fundamente einer Stadt aus? Was sind die Grundlagen, aus denen heraus sie sich als Gemeinwesen von freien und gleich berechtigtenMenschen entwickeln kann, statt eine „Todeskrankheit“ (Thomas Bernhard),eine Agglomeration von Ohnmächtigen und Machthabenden, vonArmutsbedrohten und Besitzenden, von Namenlosen und Namhaften zu sein? Was gibt den acht Buchstaben SALZBURG eine Bedeutung, die es wert ist, sie im Gedächtnis zu behalten? Sind es die Grundmauern des alten Domes, dieAltstadthäuser, die Festung oder der „Jedermann“, die großen Einkaufstempelan der Peripherie? Wohl kaum. Wenn es jedoch nicht das an der Oberfläche Liegende, nicht das von allen Beachtete und Gesehene ist, was ist es dann? Der Architekt und Schriftsteller Bogdan Bogdanovic hat in seinen Traumaufzeichnungen eine unterirdische Stadt entworfen, die die Nachtseite,das unbewusste Fundament, die Träume und Erinnerungen der oberirdischenStadt verkörpert, und sich in seinen Träumen auf ausgedehnte Wanderungen in den Straßen dieser unterirdischen Stadt begeben. Seit geraumer Zeit beschäftigt mich die Frage nach diesen unbewussten Fundamenten meiner Stadt, und um ihr (im buchstäblichen Sinne!) nachzugehen, begebe ich mich auf einen Spaziergang durch Salzburg, und lade Sie ein, mit mir vier Orte aufzusuchen , an denen für mich durch Erinnerungsbilder etwas von jenenFundamenten, die ich meine, sichtbar werden kann.

Riedenburg

Der erste Abschnitt meines Spazierganges führt mich von Lehen zursog. „Riedenburg-Kaserne“ in Maxglan. Ich gehe hier den Weg nach, den ein anderer Salzburger im Jahr 1946 öfters gegangen ist. Johann Pscheidt lebte seit dem Kriegsende in einer kleinen Wohnung in der Ignaz-Harrer-Straße 81a. Er war während des Krieges, 1941, nach Zaglembie in Polen versetzt worden und arbeitete dort als „Treuhänder“ für verschiedene jüdische Betriebe. Pscheidt hat dort mit der Untergrundbewegung Kontakt aufgenommen, um in denBetrieben, die er leitete, systematisch Juden einstellen zu können und sie so vor der Deportation in die Vernichtungslager zu bewahren. Ein Beispiel für mehrere der Rettungsaktionen, die Johann Pscheidt unter ständiger Lebensgefahrdurchführte:Ererrichtete gemeinsam mit der Untergrundbewegung eine Schuhcremefabrik direkt neben dem Ghetto vonZaglembie. Bei der „Liquidation“ des Ghettos durch die Deutschen konnte unter Leitung von Johann Pscheidt eine Reihe von Einwohnern über die Fabrik aus dem Ghetto geschleust werden und untertauchen. Nach dem Krieg lebte er unerkannt und in bescheidenen Verhältnissen in Salzburg. Johann Pscheidt hielt Kontakt zu seinen Freunden aus der Untergrundbewegung und zu Geretteten, jedoch er lehnte jede Hilfe, die ihm von ihnen angeboten wurde, ab. Manus Diamant, ein Mitglied der Untergrundbewegung Sosnowitz, traf ihn zufällig in Salzburg wieder, als er sein Büro im DP-Lager Riedenburg aufsuchte: Herr Pscheidt ging vor dem Eingang zum Lager auf und ab, und auf Diamants Frage, was er hier mache, antwortete er: „Jeden Abend nach der Arbeit gehe ich hier spazieren, um den Neubeginn jüdischen Lebens und die jüdischen Babies in den Kinderwagen zu sehen – das einzige, was mir Freude und Glück bringt. Eine neue jüdische Generation entsteht vor meinen Augen.“ JohannPscheidt wurde als einziger Salzburger in die Liste der als „Gerechte“ausgezeichneten Österreicher in die Akten von Yad-Vashem aufgenommen.  29 Mitglieder der Untergrundbewegung haben am 7.2. 1962 in Tel Aviv in einer eidesstattlichen Erklärung die Rettungsaktionen von Johann Pscheidt dargestellt und diese Dokumentation mit den Worten abgeschlossen: „Unser Dank geht an Herrn Pscheidt für sein humanes Verhalten in der Kriegszeit, als der ‚Jude‘ zu einem Ungeheuer gestempelt wurde, das endgültig vernichtet werden sollte. Es gelang ihm, sich über die Zeitumstände zu erheben und das Bildnis des Menschen zu wahren.“

Polizeianhaltezentrum Alpenstraße

Polizeigefangenenhaus. Ich sitze im Besuchsraum vor der Plexiglasscheibe undwarte auf das Mädchen. Sie lassen sich Zeit. Nach zehn Minuten wird sie auf der andern Seite hereingeführt. Ihr Kopf hängt nach vorne. Sie schaut nicht auf, bevor der Beamte nicht weg ist. Kurdin. Achtzehn Jahre. Seit drei Monaten volljährig. Eltern bei einer Militäraktion erschossen. Seit zwei Monaten ist sie hier. Seit zwei Monaten wollen sie sie in die Türkei zurückschieben. Seit zwei Monaten wollen wir sie aus der Schubhaft raus kriegen. Wir unterhalten uns die ganze halbe Stunde (minus zehn Minuten), ohne zu reden. Ich bin zornig,schreie lautlos. Ich lächle, flüstere lautlos. Sie zieht die Packung Schlaftabletten unter dem Ärmel hervor, schüttet die weißen Tabletten auf den Boden und zertritt sie. Langsam, bedächtig zertritt sie den Tod. Der Beamte kommt herein,sieht das zertretene Pulver am Boden, zeigt darauf, schimpft. Das Plexiglas dichtet ab, ich kann nichts hören. Ich lege die offene Fläche der linken Hand auf das Plexiglas. Sie legt die Fläche ihrer linken Hand auf die andere Seite des Glases. Der Beamte schimpft noch immer, reisst sie an der andern Hand weg und zieht sie aus dem Raum.

Die Plätze um den Dom

Eines Tages im chaotischen Nachkriegseuropa, so erzählte mir Bogdan Bogdanovic auf einem unserer Spaziergänge durch Salzburg, der uns auf denDomplatz geführt hatte, strandete der junge, mittellose Student am Salzburger Bahnhof. Nach einer etwas unbequem verbrachten Nacht im Bahnhofsrestaurant (das inzwischen der Geschichte angehört), begab er sich an einem nasskalten Oktobermorgen auf einen Spaziergang in die Stadt. An derStirnseite des Domes angelangt, dachte er damals, in einem geschlossenen „Ehrenhof“ zu stehen, den man nur auf demselben Weg wieder verlassen könne. Schließlich entdeckte er doch noch die Durchgänge an denSeiten und entschied sich für den linken, nordseitigen, der ihn auf denResidenzplatz führte und schließlich, im Rundgang um den Dom, über den Kapitelplatz zum südseitigen Durchgang, der ihn wieder zur Stirnseite des Domes zurückbrachte. Und obwohl der junge Bogdanovic die pythagoreischen, antithetischen Kategorien noch nicht studiert hatte, habe er, so meinte der alte Bogdan Bogdanovic beim Erzählen, dennoch damals schon etwas von der alchemistischen Metapher, dem ketzerischen Geheimnis dieser architektonischen Anordnung verspürt, und für ihn scheint der Umriss der Plätze in Gestalt eines dreiblättrigen Geheimnisses direkt aus dem Herbarium des aufrührerischen Paracelsus übernommen. Leider konnte ich Bogdan Bogdanovic nicht mehr die Frage stellen, die mich heute bewegt: ob man -zumindest in Gedanken – in das Kleeblatt dieser drei Plätze auch die ideengeschichtlich-architektonische Dreigestalt einer Synagoge, einer Kirche und einer Moschee einschreiben könne? Diese Orte, die ich mit Ihnen aufgesucht habe, sind ein – willkürlich herausgegriffener – Teil der Topografie meiner inneren Stadt, des unterirdischen, unbewussten Salzburg, das ich nur selten Gelegenheit habe aufzusuchen – sei es in meinen Träumen oder im Erzählen von Erinnerungen, die durch die Träume aufgehoben sind. Auf den Straßen dieser unterirdischenStadt spazierend, mag es manchmal gelingen, mich über die Zeitumstände zu erheben und das Bildnis des Menschen für mein Leben in der oberirdischen zu bewahren.

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