ZeitoptimistIn oder ZeitpessimistIn?

von Sonja Schiff

Kürzlich bin ich in dem wunderbaren Buch „Ein Mann namens Ove“  von Fredrick Backman über ein ganz wunderbares, mir bis dato unbekanntes Wort gestolpert: ZEITOPTIMISMUS.

So lautet der Satz in dem das Wort vorkommt:

„Im Grunde sind alle Menschen Zeitoptimisten. Wir glauben immer, dass wir noch Zeit haben werden, mit anderen Menschen Dinge zu tun. Zeit haben, ihnen Dinge zu sagen. Und dann geschieht etwas, und dann stehen wir plötzlich da und denken Worte wie „wenn“.

Zeitoptimismus.

Irgendwie ein Wort das bei mir erst einmal sacken musste. Das Wort Optimismus ist für mich total positiv besetzt. Ich betrachte mich auch als einen durch und durch optimistischen Menschen und bin sogar stolz drauf dem Leben immer die sonnige Seite abzugewinnen und positiv nach vorne zu blicken.

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Sonja Schiff

Das Wort Zeitoptimismus spießt sich aber irgendwie mit dieser positiven Zuschreibung, also von der Bedeutung her. Ich kann mich nicht entscheiden, ob Zeitoptimismus positiv oder eher negativ ist. Ist ein zeitoptimistischer Mensch ein Narr oder ein Lebenskünstler? Wie würde sich unser Leben ohne Zeitoptimismus anfühlen?

Stell Dir vor Du wärst Dir jede Lebenssekunde Deiner möglichen Endlichkeit bewusst? Du würdest jeden Augenblick darauf warten, dass es JETZT, in 2 Minuten, in einer Stunde oder auch morgen vorbei sein wird? Würden wir dann anders leben? Intensiver? Bewusster? Würden wir dann mehr erkennen, was eigentlich wichtig ist im Leben? Würden wir weiterhin oberflächlichen Konsumräuschen nachhetzen oder würden wir lieber die Stille im Wald erleben wollen, eine Blume betrachten, das Schlüpfen eines Schmetterlings bestaunen? Würden wir weiterhin mit Menschen über das Wetter reden, über Fußball und aktuelle Modetrends? Oder würden wir in den Begegnungen Tiefe erreichen und wesentliche Themen in den Mittelpunkt stellen, wie etwa die Frage, wer wir sind, warum wir leben, welche Welt wir hinterlassen?

Wie würde sich ein Leben als Zeitpessimist anfühlen? Wäre es ein positives Leben? Oder würden wir in permanenter Angst leben, dass es morgen vorbei ist? Würden wir durchs Leben hetzen vor lauter Angst, etwas zu versäumen, etwas nicht mehr erleben zu können?  Würde es so etwas wie Muße noch geben für Zeitpessimisten? Oder Langeweile?

Was ist besser? Zeitoptimismus oder Zeitpessimismus?

Eine Frage, die mich dazu beschäftigt ist, ob wir mit zunehmendem Alter Zeitoptimismus verlieren. Werden wir also, je älter wir werden, immer mehr zu Zeitpessimisten?  Müsste ja eigentlich sein, oder? Je älter wir werden, umso klarer wird doch auch das Ende? Ist man sich im Alter dessen bewusst, dass es morgen vorbei sein kann? Ändert sich dadurch das Leben?

Oder wenn man schwerkrank ist, wenn man weiß, dass man nicht mehr lange leben wird? Wird man dann Zeitpessimist? Welche Auswirkungen hat das Wissen um ein nahendes Ende auf die Qualität des Lebens? Irgendwo habe ich mal gelesen, dass es Menschen gibt, die sagen, erst durch die schwere Krankheit haben sie gelernt was Leben bedeutet. Erst als sie wussten, dass das Leben bald vorbei ist, haben sie begonnen wirklich zu leben.

Wäre es besser Zeitpessimistin zu sein ein Leben lang? Würden wir dann unser Leben mehr wertschätzen? Würden wir mehr die Kostbarkeit unseres Lebens wahrnehmen? Würden wir vielleicht Leben an sich mehr schätzen?

Oder ist der Zeitoptimismus des Menschen eine Gnade für unsere Welt? Wäre der Mensch am Ende noch egoistischer, noch gieriger als Zeitpessimist? Wären wir als Menschheit noch zerstörender?

Fragen über Fragen über Fragen.

Sonja Schiff, MA ist Gerontologin und Altenpflegeexpertin. Im Oktober 2015 erschien ihr erstes Buch „Was ich von alten Menschen über das Leben lernte“.

Mehr Infos zu Sonja Schiff finden Sie unter: Careconsulting und Vielfalten

 

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