Interessantes zum Thema Gesellschaftspolitik

finger 1Eigentlich war nix Besonderes: die Kleinsten stritten um einen Traktor als ob es der Stein der Weisen wäre, den sie gefunden hätten. Die „Mittleren“ bedrohten sich gegenseitig mit dem endgültigen Aus der Freundschaft inklusive „Nie wieder spiele ich mit dir“, die Größeren gingen sich gegenseitig mit einem Stecken an den Kragen. Viele Nachbars-Kinder auf einem Haufen, die meisten schon müde, die Stimmung gereizt. Es ist ja nicht so, dass wir Eltern unserer netten Siedlungsgemeinschaft gleich die Nerven weg schmeißen, aber manchmal wäre so eine Rakete zum Mond mit ein paar gut gesicherten Kinderplätzen schon nicht schlecht. Ich würde ihnen auch eine Jause einpacken… Nun ja, jedenfalls waren unsere Erziehungsbemühungen an jenem Spätnachmittag nicht sehr erfolgreich.

 

„Der partnerschaftliche Schei* bringt echt nix! Wir fragen einfach zu viel!“, meinte meine ansonsten ruhige Nachbarin. Dabei kennen wir natürlich alle die „Kinder brauchen Grenzen“-Diskussion. Wie wichtig elterliche Vorgaben sind, wissen wir als „Super-Mums“ natürlich, Routine einhalten, Sicherheit geben, konsequent sein … alles super wichtig, wir bemühen uns da auch. Trotzdem möchte ich mit meinen Kindern „auf Augenhöhe“ reden.

 

Bei wirklich wichtigen Dingen, fällt es mir leicht, konsequent zu sein. Für mich ist die Grenze sehr schwer zu ziehen, wenn es eigentlich „um wenig geht“? Dürfen sich die Kinder ihr Mittagessen aussuchen? Gibt’s eine Alternative, wenn‘s nicht schmeckt? Müssen die Kinder zur Oma, wenn sie keine Lust haben? Müssen sie raus in den Garten, wenn‘s doch drinnen so gemütlich ist? Müssen sie ihr Spielzeug mit allen teilen? Müssen sie zum Turnen, weil doch Bewegung so wichtig ist?

Ich weiß nicht, fragen wir zu viel?

Ehrenamt 1Ganz beschwingt bin ich heute nach Hause gekommen. Und das liegt an einem Zusammentreffen mit Ehrenamtlichen.

Wir bereiten ein Projekt vor, wo wir freiwillige Unterstützerinnen und Unterstützer brauchen. Die zwei Stunden, die wir miteinander verbracht haben, waren einfach toll. Woran liegt das, habe ich mir auf dem Nachhauseweg überlegt. Ehrenamtliche Arbeit ist mir ja nicht unbekannt, ich habe das aber nie richtig hinterfragt. Heute habe ich für mich ein paar Antworten gefunden.

Da ist einmal das Miteinander. Miteinander Ideen zu entwickeln, ein Ziel zu haben und nicht nach dem Profit zu fragen. Was jetzt vielleicht ein bisschen salbungsvoll klingt, hab ich heute gespürt. Der Wille gemeinsam die Welt ein bisschen besser und menschenfreundlicher zu machen. Und jeder Mensch kann seine Möglichkeiten, Fertigkeiten und Talente mit einbringen. Alles ist wertvoll. Es wird nicht danach gefragt, was du nicht kannst, sondern was du kannst. Ehrenamt 2

Das macht einen großen Unterschied. Es ist auch egal, ob du reich oder arm, alt oder jung, eine gute Bildung hast oder in irgendeiner Form beeinträchtigt bist. Das, was du zu geben bereit bist, zählt. Und es ist gibt keinen Wertunterschied. Jede ehrenamtliche Arbeit wird gleich viel geschätzt. Ob du dich für andere Menschen engagierst, in einer Umweltorganisation, einer Partei oder Religionsgemeinschaft mitmachst, dich für Tiere einsetzt oder im Sport aktiv bist. Alles trägt dazu die Welt ein bisschen besser zu machen ohne nach Geld oder Besitz zu streben. Danke an alle, die das einfach tun.

Ich bin ja eine Mischung aus technikbegeisterter und technikskeptischer Mittvierzigerin. Völlig analog aufgewachsen habe ich Kalender analogerst Mitte der 1990er Jahre meinen ersten Computer gekauft. Ende der 90er Jahre kam dann ein Handy dazu. Lange Zeit habe ich viele Daten, Schriftstücke und ähnliches immer auch in Papierform gehabt. Bei Musik bin ich noch völlig altmodisch. Trotz IPhone höre ich Musik über den CD-Player. Meine Einstellung zum E-Book kann man hier nachlesen:  

www.zartbitter.co.at/kultur/buch-oder-ebook/  

Meinen Kalender führe ich doppelt – digital und in Papierform. Besonders wagemutig war ich bei den Geburtstagen meiner Freunde, Kolleginnen und Bekannten. Nur, ich wiederhole NUR, im Handykalender habe ich sie gespeichert, mit der Einstellung das Ereignis zu wiederholen und mich daran zu erinnern. Der September hat nicht viele Einträge, da wenige Freunde in diesem Monat das Licht der Welt erblickten.

Kalender digital

Heute früh gehe ich in die Arbeit, als mir plötzlich durch den Kopf schießt, dass ein ganz lieber Freund doch gestern Geburtstag hatte und ich hab mich nicht gemeldet. Ich wühle in der Handtasche nach meinem Handy, entsperre es und wische mich in den Kalender. Kein Geburtstag weit und breit. Ich wische weiter zum Oktober, November, Dezember. Bis Juli 2014, dann ist mir klar, alle Geburtstage sind weg. Sofort beginne ich in meinem Hirn zu kramen und fertige eine Liste mit Namen an. Gleichzeitig ärgere ich mich, dass ich diese Daten meinem Handy anvertraut ohne es analog gegenzusichern. Also sollte ich in der nächsten Zeit vergessen ganz lieben Menschen zu gratulieren, möge man mir verzeihen und mich dezent darauf hinweisen, damit ich es mir in meine neue Liste aus Papier eintragen kann, zusätzlich zum Handykalender, den ich wieder befülle. Also bleibe ich eine skeptische technikbegeisterte Mittvierzigerin.

Wenn ich mit dem Zug fahre, dann kaufe ich immer am Bahnhof Lesestoff. Meist Zeitschriften oder Bücher, die ich sonst nicht lesen würde. Einmal habe ich mir sogar eine Zeitschrift über Engel gekauft, war ganz amüsant, aber Engel sind nicht mein Harry Belafonte LPThema heute. Letzte Woche dauerte die Zugfahrt etwas länger und da wäre mir eine Zeitschrift zu wenig gewesen, also habe ich mir den Büchertisch vorgenommen. Am Bahnhof gibt es vorwiegend Krimis und Lebenshilfebücher. Ich schmökere ein wenig und dann fällt mein Blick auf die Autobiografie von Harry Belafonte „My Song“. Sofort erinnere ich mich an meine Kindheit, an das Plattenregal meiner Eltern. Da gab es eine Harry Belafonte Doppel-LP unter Schallplatten von Memphis Slim, über Chris Barber bis zu Mahalia Jackson. Als Kind habe ich oft Harry Belafonte gehört, mein Fuß fängt im Bahnhofskiosk zu wippen an, im Stillen singe ich „Angelina, oh Angelina, please bring down your concertina…“. Lieder Harry Belafonte

 

Ich kaufe das Buch. Meine Erwartung war eine Biografie über einen berühmten Sänger und Showstar zu lesen, der einfach schöne Lieder geschrieben und gesungen hat, die gute Stimmung verbreiten. Ja und schon auf den ersten Seiten war ich in der Welt der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Ich muss gestehen, ich habe nicht gewusst, dass Harry Belafonte einer der Großen dieser Bewegung war. Sein Engagement für die Rechte der Afroamerikaner an der Seite von Martin Luther King. Belafonte ist in ärmlichsten Verhältnissen aufgewachsen, er stieg in den 1950er Jahren zu einem Superstar auf. Aber er ist schwarz und somit war er ein Bürger zweiter Klasse. Er schildert seine Erlebnisse auf Tournee in den Südstaaten. Einmal ging er auf die Toilette für Weiße, Sekunden später stand ein Weißer hinter ihm, mit geladener Waffe. Sollte er es wagen zu pinkeln, wäre er tot. In seinen Hauptrollen in diversen Hollywoodfilmen durfte er die weiße Hauptdarstellerin natürlich nicht küssen, das wäre eine Rassenschande gewesen. Erst 1968 gab es in einer Folge von Star Strek einen angedeuteten Kuss zwischen Captain Kirk und Lieutenant  Uhura. Im Jahre 2013 unvorstellbar, dass das ein Problem sein sollte. Preis LP 1975

Die Autobiografie habe ich verschlungen, mir auf You Tube Belafontes Lieder angehört. Und im Kasten habe ich noch die Schallplatte aus dem Jahr 1975 gefunden, die ich als Kind so gerne gehört habe. Sogar das Preisschild ist noch dran, 183 Schilling war meinen Eltern diese Doppel-LP wert. Und ich freue mich, dass ich Belafonte wiederentdeckt habe, seine Lieder und jetzt auch noch sein vorbildliches politisches Engagement. Nur Plattenspieler habe ich leider keinen mehr…

Das Buch: http://www.kiwi-verlag.de/das-programm/einzeltitel/?isbn=978-3-462-04408-9

Angelina: http://www.youtube.com/watch?v=h0Qnfk6JKVM

Manchmal gibt es Zufälle, die keine sein können. Es ist Abend auf Burgazada, nach einer Kartenrunde plaudern wir über unsere Urlaubslektüre, kommen über Umwege auf Elias Canetti zu sprechen. Auf seine Bücher, auf seine Herkunft und sein Leben. Canetti war sephardischer Jude. Seine Vorfahren waren Juden, die nach der Rückeroberung Spaniens im 15. Jahrhundert durch die Katholiken, gemeinsam mit den Muslimen flüchten mussten. Die tolerante Politik der Sultane ermöglichte vielen Juden die Ansiedelung im damaligen Osmanischen Reich, von Nordafrika bis auf den Balkan. Bewahrt haben sich die sephardischen Juden über die Jahrhunderte ihre jüdisch-spaniolische Sprache, auch Ladino genannt, die  Muttersprache Canettis. Im 20. und 21. Jahrhundert ging und geht diese Sprache aus dem Mittelalter verloren. Viele sephardische Juden wanderten aus dem ehemaligen Osmanischen Reich und der heutigen Türkei nach Israel und andere Länder aus. Nur mehr wenige Juden in Istanbul sprechen Ladino. Ihre Geschichte hat mich schon während meines Studiums stark beschäftigt und beeindruckt.FotoSartorius

Am nächsten Morgen schmökere ich in dem Buch „Die Prinzeninseln“ von Joachim Sartorius. Auf Seite 118 stoße ich auf eine Stelle, in der es heißt:“Hier (Büyük Ada) sitzen in der nächsten Nische nicht drei junge, sondern drei ältere Damen. Ich traue meinen Ohren nicht. Sie sprechen Ladino, die Sprache der Sephardim, die Ende des 15. Jahrhunderts hierhergekommen sind. … Jetzt im Jahre 2008, diesen alten Frauen zuzuhören, elektrisiert mich.“

Spannend, wir sprachen über Canetti, Ladino und jetzt die Stelle in Sartorius Buch. Beim Frühstück bilde ich mir dann ein, von der Straße spanische Wortfetzen zu hören, so nimmt mich das gefangen. Untertags am Strand dann Ablenkung mit einem guten Krimi von Joy Fielding. Die Sepharden sind wieder aus meinem Kopf verschwunden. Am Abend wollen wir es uns in einem Cafe am Hafen gemütlich machen und ein gutes Iskender Kebap genießen. Wir streifen herum und entdecken in einem Cafe einen Tisch direkt am Wasser. Wir nehmen Platz, scherzen mit dem Kellner und geben unsere Bestellung auf. Gegenüber sitzt eine amerikanische Familie, die eine Riesenportion Pommes Frites verdrückt. Daneben zwei ältere Damen, die sich auf Türkisch über das Geschehen am Hafen unterhalten. Auch wir genießen es, dem Treiben zuzusehen und es zu kommentieren. Plötzlich höre ich Spanisch vom Nebentisch. Ich blicke hinüber, höre konzentriert hin, nein die Damen sprechen Türkisch. Wir lachen über meine kleine aktuelle Besessenheit. Unsere Getränke kommen, eine Zigarette verkürzt das Warten auf das Essen. Schon wieder, ich höre schon wieder Spanisch. Auch auf die Gefahr hin mich bis auf die Knochen zu blamieren, ich muss die Damen ansprechen. Ich fasse mir ein Herz und packe mein höflichstes Türkisch aus und unterbreche das Gespräch der beiden. Auf meine Frage, ob es sein hätte können, dass sie zwischendurch eine andere Sprache als Türkisch sprächen, schenken sie mir ein warmes Lächeln und antworten mit „Ja! Wir sprechen Ladino, wir sind sephardische Jüdinnen.“ Damen

Fast hätte es mich aus dem Sessel gekippt, das Iskender Kebap  kommt. Wir sprechen weiter und sie erzählen ein wenig über sich und fragen auch mich aus. Ein Foto wird gemacht und sie verabschieden sich, um sich auf den Heimweg zu machen. Und ich bin glücklich, dass etwas, was mich immer schon interessiert hat, nicht nur Geschichte ist. Sondern etwas, das auch noch gegenwärtig ist nach über 500 Jahren- die Sepharden und der Ladino.

M.Yilmaz Tutkunkardes ist 1938 geboren, verheiratet und lebt im Sommer auf Burgazada und im Winter in Moda/Istanbul.

Zartbitter trifft ihn in seinem Haus auf Burgazada.

Zartbitter: Yilmaz Bey, Sie sprechen so ein schönes Deutsch, woher kommt das?yilmaz Bey

Yilmaz Bey: Gutes Deutsch habe ich von meinen Freunden gelernt. Die Basis habe ich allerdings im Istanbul Lisesi, das jetzige Deutsche Gymnasium hier in der Stadt, in den 1950er Jahren erworben. Gelernt habe ich den Beruf meines Vaters, ich bin orthopädischer Schuhmacher. Damals gab es noch viele Kriegsverletzte, da wurde dieses Können gebraucht.

Zartbitter: Und wie sind Sie nach Deutschland gekommen?

Yilmaz Bey: Ich habe meinen erkrankten Neffen dorthin begleitet. Er ist später nach Amerika ausgewandert. Ich habe in Deutschland meine Ausbildung vertieft und bin dann nach Berlin gekommen. Unter anderem für Siemens habe ich dort Wohnhäuser für die ersten Gastarbeiter geleitet und auch als Dolmetscher war ich tätig.

Zartbitter: Was ist Ihnen aus dieser Zeit in besonderer Erinnerung?

Yilmaz Bey: In Kreuzberg gab es damals die ersten Versammlungen türkischer Gastarbeiter. Ich habe da  für die Kommune, die SPD und für den damaligen Berliner Bürgermeister und späteren Bundeskanzler Willy Brandt übersetzt. Als gerichtlich beeideter Dolmetscher war ich viel für die Gastarbeiter tätig, aber auch, wenn hoher Besuch aus der Türkei in Berlin war.

Zartbitter: Haben Sie eigentlich nochmals in Ihrem erlernten Beruf gearbeitet?

Yilmaz Bey: Nein, ich habe mich für die Integration der türkischen Gastarbeiter engagiert und auch bei einer Stiftung von CDU und SPD mitgewirkt, die sich für die Rückkehrer in die Türkei eingesetzt hat. Mein Geld habe ich als Geschäftsmann in der Textilbranche verdient.Blick auf Stambul

Zartbitter: Seit wann leben Sie wieder in der Türkei?

Yilmaz Bey: In den 1980er Jahren habe ich meine Firma an die Kinder und die Familie gegeben. Seither bin ich wieder in Istanbul zu Hause. Im Winter lebe ich in Moda und im Sommer hier auf Burgazada. Ich vermiete in meinem Haus Appartements an Gäste. Es ist schön hier und mehr kann ich vom Leben nicht erwarten.

Zartbitter: Yilmaz Bey, herzlichen Dank für das Gespräch und alles Gute Ihnen und Ihrer Familie.

http://www.istanbul-prinzeninseln.de/