von Christian Namberger, Oberinspektor in Ruhe

Für den Titel dieses Kapitels geselle ich Paul Watzlawick zu Johann Wolfgang von Goethe.

ent2Meine Mutter ist Anfang der 60er im schönen Berchtesgadener Land  mit mir darnieder gekommen. Meine Kindheit verbrachte ich in Bischofswiesen, wie schon erzählt in einer neu erbauten Sozialwohnsiedlung. Ich genoss schon damals die Idylle. Neben dieser kleinen Siedlung mit 6 Parteieneinheiten war ein sehr großes Feld des größten Bauern im Ort. Schon bald lernte ich, dass die Kühe auf der Wiese harmlos sind und kürzte den Weg direttissima durch die Viehherde staksend ab. Die interessierte Leserschaft wird sich jetzt denken, was haben denn die Rindviecher mit den Leiden zu tun? Bitte weiterlesen, der Kreis wird sich schließen.

Nach der erfolgreichen Chemotherapie im Dezember 2010, wurde für mich gleich einmal eine Reha beantragt. Diese wurde mir auch gewährt und ich rückte Anfang 2011 in die Neurocare in Salzburg ein. Mittlerweile hatte ich für längere Strecken schon einen Rollator. 48 Jahre alt mit nem Gefährt für einen 80-jährigen! Aber was soll´s. Ich checkte in dem Zimmer ein, die 101 war zum Glück ein Einzelzimmer. Bald kam der zuständige Chefarzt zur Untersuchung. Er stellte Bläschen im rechten Schulterbereich fest, diese stellten sich als Gürtelrose heraus. Somit war es nichts mit der Reha und ich wurde nach telefonischer Vorankündigung zur angrenzenden Neurologie gebracht zum Auskurieren der Gürtelrose.

Wer kuschelt denn da?

ch4Da ich ja unerwartet in der Neurologie aufschlug, hatten sie gerade kein Einzelzimmer frei. Dieses konnte ich erst am anderen Tag haben. Somit wurde ich in ein Zimmer geschoben, in dem ein Patient lag, der ebenso ein Einzelzimmer wollte. Ich dachte mir, das hältst schon aus, morgen hast ja deine Ruhe. Mir wurde die Infusion und das typische halb-offene Gespenstnachthemd angelegt. Da wir beide unsere Ruhe haben wollten, gab es auch nicht viel Konversation. Am Abend kam dann seine Frau zu Besuch. Ich stellte meinen kleinen Fernseher an, setzte den Kopfhörer auf und drehte mich ein bisserl zur Seite. Irgendwann musste ich jedoch die Stellung wechseln und drehte mich auf die andere Seite. Die Puppn von meinem Zimmernachbarn war nicht mehr auf dem Stuhl, sie war kuschelnd bei ihm im Bett! Das brauchte ich noch! Haben im Arm liegend fern gesehen. Wenn ich das mit einem etwaigen Partner gemacht hätte…

Am anderen Tag wurde ich wie versprochen in mein eigenes Zimmer geschoben. Mir ging es soweit gut, nur war ich halt schlapp. Wegen der Chemo sowieso und jetzt wieder durch das liegen. Die Polyneuropathie schlug immer mehr zu. Zum Glück war die Keramik gleich ums Eck und ich konnte mich mit einer Hand an der Mauer stützen und mit der anderen Hand den Infusionsständer schieben. Bisher konnte ich den AA-Druck gut kontrollieren und raffte mich rechtzeitig auf. Leider wirkte die Polyneuropathie immer mehr auf die Rosi ein und so kam es, dass ich eines Tages auf dem Weg zur Keramik unter dem Gehen schon was verlor. Ähnlich einer Kuh während des Almabtriebes.

Hier meine Lieben sind wir wieder bei den Kühen, wie versprochen. Ich tapste trotzdem weiter zur Keramik und verrichtete den Rest. War mir das peinlich. Ich hoffte inständig, dass niemand rein kam. Schnellstmöglich reinigte ich erst mich und dann den Boden. Was mir aber nicht sonderlich gelang, die Pflegerschaft besorgte nach Eintreffen gleich eine Reinigungskraft. Fortan erhielt ich als Vorsichtsmaßnahme eine Windel. So Krankenhausteile, die man wie bei einem Baby wickelt.

Wie man sich eine Windel an- und auszieht

ent1Nach erfolgreicher Therapie konnte ich meine erste Reha antreten. Dort bekam ich Erwachsenenwindeln in Hosenform. Alsgerade schick im Gegensatz zu den Krankenhauswindeln. Wie meist, wird einem der Umgang damit nicht beigebracht. Jetzt vermutet man wahrscheinlich, was ist schon so schwer, sich ein Hoserl anzuziehen? Stimmt, aber ein gefülltes auszuziehen ist sehr wohl schwer. Was hab ich da hantiert. Durch die allgemeine Schwäche und der in den Beinen im Besonderen war das direkt wie Jonglieren. Bis ich eines Tages die Unterstützung einer Pflegerin bekam. Und siehe da, man kann die Teile wie die Hose eines Chippendale-Strippers seitlich aufreißen und wegklappen. Kurz noch das Becken in die Höhe gehievt und das benutzte Hoserl weggezogen. Man lernt ja nie aus.

Zuhause war ich ja nicht sonderlich mobil, ich erzählte schon vom glänzenden Eicheparkett, über das ich auf der Decke ins andere Zimmer gezogen wurde. Der Tiefpunkt meiner Schwäche wurde bald mal erreicht. Muttern kam fast täglich zum versorgen. Auch zum Pflegen. Aufmerksame Leser werden sich gemerkt haben, dass ich Anfang der 60er geboren wurde. Meine Mutter war alleinerziehend im Familienverbund mit Oma und Opa. Da wurde einem die Schamhaftigkeit quasi in die Wiege gelegt. Seit der Pubertät war es dann auch mit meiner Freizügigkeit vorbei. Jetzt war allerdings der Zeitpunkt, wo mich Muttern wieder nackt sah, nicht nur das, sie reinigte mich täglich im Schritt. Nicht gerade prickelnd, wenn einem Muttern den Dödel und die Rosi reinigt. Das belastete mich schon sehr, auch wenn ich natürlich die Notwendigkeit sah. Nicht ganz so schlimm war es, als mich einmal Freunde zum bei mir Kochen besuchten. War ein schöner Abend und als sie mich wieder ins Zimmer zogen und ins Bett hievten, ist´s natürlich wieder passiert. Durch die Anstrengung war gleich das Hoserl randvoll. Zwei der vier flüchteten auf den Balkon und die anderen zwei versorgten mich. Beide kannten mich und Rosi durch die jeweiligen Beziehungen schon viele Jahre, so allerdings noch nicht. Ich weiß, dass mein AA nicht nach Chanel duftet, somit wusste ich um den Dienst der beiden. Hier wie gesagt, war mir die Hilfe auch peinlich, aber nicht so wie bei Muttern.

Für heute belasse ich es und sprinte jetzt auf den Balkon. Die Hitze um kurz nach vier wird jetzt nicht mehr so groß sein. Sprinten ist auch das Stichwort für das nächste Kapitel, dort erzähle ich von meinen aktuellen Erfolgen.

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