Warum ich die neue Hitler-Biografie für lesenswert halte

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Ein Gastbeitrag von Uwe Höfferer

Hitlers Aufstieg wäre durch entschlossenes Handeln aufzuhalten gewesen. Zu diesem Ergebnis kommt der Historiker Volker Ullrich in seiner aktuellen umfassenden Hitler Biografie.

ahaIm Herbst 2013 erschien der erste Band einer neuen Biografie über Adolf Hitler des deutschen Historikers Volker Ullrich. Auch der Autor selbst fragt sich, wozu eine weitere Biografie über den Massenmörder, wenn doch das Thema bereits derart umfassend erforscht ist. Ullrich rechtfertigt sein Werk damit, dass seit der letzten großen Aufarbeitung (gemeint sind die zwei Hitler-Bände von Ian Kershaw aus den Jahren 1998 und 2000) mehr als ein Jahrzehnt vergangen ist und etliche neue Quellen eingearbeitet aufgetaucht sind, die Kershaw nicht zur Verfügung standen. Und in der Tat. Das Ergebnis ist eine detail- und quellenreiche Geschichte „der Jahre des Aufstiegs bis 1939“ in spannenden 840 Seiten. Lesenswert halte ich das Buch vor allem deswegen, weil wir aus der Geschichte der Zwischenkriegszeit auch heute viel über den Umgang mit Extremisten und Demokratiefeinden lernen können. Die Basis für den Aufstieg Hitlers und der NSDAP war die Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Not der Menschen. Ohne weltweite Wirtschaftskrise und einer Politik, die diese verschärfte, wäre Hitler nicht an die Macht gekommen. Wer heute noch an eine rigide Sparpolitik glaubt, die die Menschen ins Elend treibt (siehe Griechenland), der macht das Geschäft der Extremisten.

aha2Es war kein Automatismus, dass Hitler an die Macht kam. Man hätte ihn mit entschlossenem Handeln aufhalten können. Ohne Hitler wäre die NSDAP eine Randerscheinung geblieben. Er war die Integrationsfigur, der die nationale Rechte einte, er zog viele (verzweifelte) Menschen insbesondere mit seinem Redetalent in seinen Bann. Ein hartes (staatliches) Vorgehen gegen Hitler und seine Partei hätte den Aufstieg rasch gestoppt. Ohne die Unterstützung aus Reichswehr, Polizei und Justiz hätte man dem Spuk schnell ein Ende machen können. Seine Politik der Gewalt gegen Andersdenkende, der Judenvernichtung und des Krieges waren keine Überraschung. Sowohl in „Mein Kampf“ als auch in seinen Reden machte Hitler nie ein Hehl daraus, was kommen wird, wenn die NSDAP erst an die Macht kommt. Ullrich räumt auch mit dem Vorteil auf, bei Hitler handelte es sich um einen beschränkten Opportunisten. Es war ein Fehler seiner Zeitgenossen, dass sie ihn sträflich unterschätzten. Allein die Tatsache, dass Hitler zum größten Dämonen der Menschheitsgeschichte aufstieg und die ganze Welt ins Unglück stürzte, straft diese Analyse Lügen.

Was kann die demokratische Zivilgesellschaft von heute also aus dem Buch von Ullrich mitnehmen?

Politik muss wirtschaftliche Krisen bekämpfen, wo es geht. Massive (Jugend-) Arbeitslosigkeit und wirtschaftlicher Abstieg sind nicht zu akzeptieren.

Heer, Polizei und Justizwesen brauchen eine demokratische Kontrolle und dürfen nicht Tummelplatz für jene sein, die mit der extremen Rechten sympathisieren. Gerade die Zivilgesellschaft muss ihr Augenmerk auf diese höchste sensiblen Bereiche legen (und nicht nur auf die Wirtschafts- und Sozialpolitik).

Der Staat muss hart gegen Gesetzesverstöße der extremen Rechten vorgehen. Wer glaubt, man kann diese Strömungen durch Entgegenkommen domestizieren, der irrt. Viele Bürgerliche haben diesen historischen Irrtum nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten mit ihrem Leben bezahlt.

Lest Primärquellen und nehmt ernst, was Extremisten sagen und schreiben. Sie kündigen an, wie sie nach einer etwaigen Machtübernahme herrschen. Und das sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen. Und nehmt diese Menschen ernst. Indem man sich überheblich lustig über sie macht, hält man sie nicht auf.

Volker Ullrich: Adolf Hitler. Die Jahre des Aufstiegs 1889 bis 1939. Biographie, Band 1. S. Fischer, Frankfurt am Main 2013.

http://www.perlentaucher.de/buch/volker-ullrich/adolf-hitler.html

 

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