Entwurzelt, verschleppt und zur Arbeit gezwungen

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von Andreas Praher

Zwangsarbeiter Landesarchiv  Karteikarte PraherKinderaugen hinter Stacheldraht. Ein Junge, kaum älter als 14 oder 15 Jahre. Sein Blick schweift in die Ferne – ängstlich und nachdenklich zugleich. Das „P“ am Revers des beigen Schnürlsamt-Jackets gibt Auskunft über seine Herkunft. Ludwig kam am 5. Jänner 1929 in Palcsa bei Krakau zur Welt. Der „Zivilarbeiter polnischen Volkstums“, so gibt die Karteikarte Auskunft, ist in der Landarbeit im Pongau eingesetzt. Ebenso wie die vier Schwestern neben ihm. Sie alle sind noch minderjährig, haben das Leben noch vor sich, doch im Augenblick der Aufnahme scheint dieses verloren. Nach diesem Foto wird vieles anders sein und Ludwig Monate später nicht mehr derselbe.

Bis zum Kriegswinter 1945 zwang das NS-Regime 50.000 Menschen – zum Teil Kinder, Jugendliche und Greise – im Gau Salzburg zur Arbeit. Sie schufteten am Feld, für die deutsche Rüstungsindustrie und auf der Baustelle des Tauernkraftwerkes in Kaprun. Die Nutzung des Wassers zur Energiegewinnung zählte zu den großen Zielen der NS-Wirtschaftspolitik. Eine gesicherte Versorgung mit Strom war Voraussetzung für eine funktionierende Rüstungsproduktion. Dafür benötigte der NS-Staat Arbeiter. Zunächst waren es polnische und belgische Kriegsgefangene, danach Franzosen, französische Juden und russische Kriegsgefangene. Bereits 1938 schrieb die Alpenelektrowerke AG „Wir müssen das nehmen, was kommt. Es ist klar, dass es ohne ausländische Arbeitskräfte, insbesondere italienische, nicht gehen wird.“ 1942 waren rund 1500 Zwangsarbeiter auf der Kraftwerksbaustelle eingesetzt, großteils Kriegsgefangene. Sie waren ebenso wie die über 24.000 „fremdstämmigen Ostarbeiter“ und Polen „Sklaven für Krieg und Fortschritt“. Die gleichnamige Ausstellung im Salzburger Landesarchiv legt ein beklemmendes Zeugnis über ihr Schicksal dar. Viele ließen ihr Leben, sahen ihre Brüder, Schwestern, Mütter und Väter nie wieder. Bis heute läßt sich die Zahl der Opfer für das heutige Bundesland Salzburg nicht genau feststellen. Manche hatten Glück und überlebten den NS-Terror, landeten allerdings bei ihrer Rückkehr vom stalinistischen Regime als „Vaterlandsverräter“ abgestempelt im Gulag. Andere blieben in Österreich, heirateten, bekamen Kinder und versuchten das Trauma zu überwinden. Wie meine Großmutter Nadja aus Rostow am Don. Sie landete – keine 20 Jahre alt – mit einem der unzähligen Transporte aus der ehemaligen Sowjetunion 1942 im Bezirk Kirchdorf in Oberösterreich, wo sie zur Arbeit in der Landwirtschaft gezwungen wurde. Nach dem Krieg heiratete sie meinen Großvater, der eben erst als Wehrmachtssoldat heimgekehrt war. Der traumatisierte junge Mann verliebte sich in die entwurzelte junge Frau. Sie bekamen eine Tochter. Und diese wiederum zwei Söhne und eine Tochter. Über das Leben der Großmutter wurde nie gesprochen. Sie erzählte niemanden ihre Geschichte. Oma Nadja starb zu früh und mit ihr ein Teil unserer Geschichte. Vergessen wird sie aber nie sein. Ebenso wenig wie das Schicksal der Millionen Zwangsarbeiter.

Die Ausstellung „Sklaven für Krieg und Fortschritt“ ist bis Ende April 2015 im Salzburger Landesarchiv, Michael-Pacher-Straße 40, 5020 Salzburg, zu sehen.

1 Kommentar
  1. Michaela sagte:

    Sehr bewegend und gut geschildert.
    Toller Beitrag !

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