Da gibt es jetzt seit einiger Zeit ein Hin- und Herdiskutieren, ob man für AsylwerberInnen und andere MigrantInnen ein Regelwerk für Österreich machen sollte. Die einen meinen, das muss unbedingt her und quasi am Tag der Einreise auswendig gekonnt werden. Die anderen meinen, dass das eine Bevormundung ist und man behandle die Menschen von oben herab, wenn man Verhalten vorschreibt. Zugegeben das sind beides extreme Positionen. Ich halte es da mit der goldenen Mitte. Warum? Weil ich selbst die Erfahrung gemacht habe, wie wichtig es ist, wenn man weiß, wie man sich zu verhalten hat. Und was akzeptiert ist und was nicht.

Ich erinnere mich noch gut an meine Studienzeit in der Türkei. Natürlich liest man über ein Land, seine Kultur und seine Menschen. Was anderes ist es, wenn man dann dort für einige Zeit lebt oder gar für immer dort bleibt.

Also folgende Geschichte, selbst erlebt, unvergessen:

1996. Istanbul. Es ist 8 Uhr morgens. Es wird sicher ein heißer Tag werden. 35 Grad. Ich muss um 9 Uhr in der Uni sein, da beginnt der Sprachkurs. Ich wohne zu dieser Zeit in einer Unterkunft, in der auch andere Studienkollegen und – kolleginnen schlafen. Beim Ausgang treffe ich eine Kollegin aus Deutschland. Sie trägt ein ärmelloses T-Shirt, klar bei dieser Hitze. Ich nicht, ich habe ein normales T-Shirt an. Gemeinsam gehen wir zum Bus. Plaudern. Warten an der Haltestelle, fixe Abfahrtszeiten gab es damals nicht, man wartete bis ein Bus kam. Wir plaudern weiter. Der Bus kommt, wir steigen ein. Der Bus ist bummvoll. Alle Sitzplätze besetzt. Viele stehen, wir auch. Und wir halten uns beide fest, an der Stange, die oben am Gang verläuft. Also haben wir beide, je einen Arm nach oben gestreckt. Wir plaudern weiter. Der Bus kämpft sich ruckelnd durch den Istanbuler Verkehr, die Fahrt wird sicher wieder mehr als eine halbe Stunde betragen. Aber wir haben genügend Gesprächsstoff. Mit dem Handy spielen war damals noch nicht. Irgendwie spüre ich immer mehr Blicke, die auf meine Kollegin und mich gerichtet sind. Die Leute im Bus tuscheln miteinander. Manche zeigen zuerst auf meine Kollegin, dann auf mich. Hmmm komisches Gefühl. Ich versuche hinzuhören, was die Leute reden. Gar nicht so einfach in dem Bus, meine Kollegin, die weiter spricht und irgendwie gar nicht mitkriegt, dass wir gerade der Mittelpunkt des Busses sind. Und irgendwann schnappe ich das Wort „saҫlar“ auf. Haare. Und alles wird mir klar. Unsere Arme, die sich an die obere Stange des Busses strecken. Die verwunderten Blicke zuerst zu meiner Kollegin, dann zu mir. Das Getuschel, manche die den Kopf schütteln. Meine Kollegin hat die Achselhaare nicht rasiert. Lange dunkle Haare wachsen aus der Achselhöhle, die quasi jetzt der Blickpunkt des Busses sind. Und ich werde auch angestarrt. Mein T-Shirt verdeckt die Achselhöhle, aber das Fragezeichen steht im Bus: Hat die andere auch oder hat sie keine?

Das war die längste Busfahrt meines Lebens.

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Für die Menschen in der Türkei ist es ekelig, wenn man sich die Achsel- und Beinhaare nicht rasiert. Gilt auch für die Schamhaare. Bei beiden Geschlechtern. Und viele Männer lassen sich beim Friseur noch zusätzlich die Haare aus den Ohren und der Nase entfernen. Wahlweise mit Wachs oder mit Feuer. Manche Männer rücken beim Friseur auch den Brusthaaren zu Leibe.

Und das war auch der Tag an dem ich meine türkischen Freunde und Freundinnen am Abend zum Tee eingeladen habe mit einer großen Bitte: Ich möchte alles wissen über die wichtigsten Verhaltensregeln. Weil ich nie wieder so eine peinliche Busfahrt erleben wollte.

Und darum bin ich überzeugt davon, dass es hilfreich ist den Menschen in unserem Land ein Regelwerk in die Hand zu drücken. Damit sie sich wohl fühlen, sich nicht blamieren müssen, wissen was erwünscht und was nicht erwünscht ist. Ich arbeite daran und über das Ergebnis werde ich euch informieren.

 

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