von Michael König

Ein guter Freund hat mir erzählt, dass er den Anblick von Bettlerinnen und Bettlern nicht aushalte, wenn diese im Regen und bei Nässe auf der Straße sitzen. Sie sollen sich doch wenigsten eine Gemüsekiste vom Wochenmarkt nehmen, um nicht am Boden sitzen zu müssen. „Was eigentlich ist die richtige Bettlerpose“, habe ich ihn dann gefragt. Rasch ist uns klar geworden: Wenn wir Menschen nicht bei uns haben wollen, werden wir ihnen jedes Verhalten vorwerfen. Ein lachender Bettler kommt nicht gut an. Ein Bettler mit leerem, traurigem Blick kann mir auch rasch auf die Nerven gehen. Eine Bettlerin auf dem nassen Boden sitzend macht mich vielleicht aggressiv. Und die Vorstellung, dass die bettelnden Menschen in Wien, Salzburg oder Graz auf einem Klappstuhl sitzen würden, passt wohl auch nicht so recht in mein Bettlerbild. Schmuddelige Kleidung wirkt leicht abstoßend, ein Bettler mit einem Sakko aus einem Second-hand-Shop würde auch Irritationen hervorrufen.

Wenn mich ein Mensch grundsätzlich irritiert, dann werde ich ihm jedes Verhalten zum Vorwurf machen.

Es ist zumeist nicht das reale Verhalten eines Bettlers oder einer Bettlerin, das so verstört. Es sind die eigenen Ängste vor einem derartigen Leben, meine Irritationen, es ist meine Überforderung, mit der sichtbar gewordenen Armut umzugehen.
Wenn ich all diesen Verstörungen in mir Raum gebe, dann kann irgendwann die Aggression gegen bettelnde Menschen einem Mitgefühl weichen. Und es wird dann sekundär sein, ob dieser bettelnde Mensch mir einen guten Tag wünscht oder nicht, ob er oder sie steht, sitzt oder kauert.

Die Würde bettelnder Menschen ist unantastbar – Erster Gedanke

Bettelenden Menschen ihre Würde lassen – Zweiter Gedanke

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