Die Hochzeitsreise führte sie nach Ungarn. Dort war das Urlaubmachen günstiger als im Westen und ein wenig Abenteuer war immerhin auch dabei. Man brauchte damals selbstverständlich ein Visum und Ungarn verlangte eine Adresse der Unterkunft beziehungsweise Kontakte, die eine offizielle Einladung aussprechen. Diese wurde über die Verbindungen der „Wiener Verwandtschaft“ meiner Mutter organisiert, die ihre weitverzweigten Wurzeln in der k. und k. Monarchie hat. György und Klára, ein junges Ehepaar wie meine Eltern, waren bereit die Unterkunft zu stellen und alle notwendigen Formalitäten zu erfüllen. Schon ging es im weißen VW-Käfer los von Oberösterreich nach Miskolc, in den Nordosten von Ungarn.

Tokaj liegt nur etwa fünfzig Kilometer von Miskolc entfernt. Damals wie heute ist das Gebiet um Tokaj bekannt für den Süßwein. Bei einem Ausflug dorthin kaufte meine Mutter eine Flasche dieses Weines. Sie nahm sich vor, ihn bis zum Tag ihrer Goldenen Hochzeit aufzuheben, um ihn dann gemeinsam mit ihrem Mann im Kreise ihrer zukünftigen Familie zu öffnen.

Die Ehe meiner Eltern hat fünfzig Jahre überdauert.

50 Jahre gemeinsam

Die Flasche Tokajer aus 1967 lagerte in all den Jahren in vier verschiedenen Kellern. In den jeweiligen Wohnungen oder Häusern darüber wurde gelacht und man vergoss Tränen. Es wurden Geburten gefeiert, Todesfälle betrauert, Krankheiten durchgestanden. Mitte Juni war es nun soweit. Bei einem großen Familienfest anlässlich zweier runder Geburtstage stellte meine Mutter den Tokajer auf den Tisch. Sie brachte einen Korkenzieher und gemeinsam mit meinem Vater öffnete sie die Flasche. Der Korken zerbröselte zwar unter dem Druck, aber jetzt hatte er seinen Zweck endlich erfüllt. Jeder von uns bekam einen Schluck des kostbaren Weines eingeschenkt. Er schmeckte süß und ein wenig nach Sherry. Gereift, aber nicht verdorben. Seine ursprünglich sattgelbe Farbe war dunkles Bernstein geworden.

Ich fragte meine Mutter, warum sie den Wein, den sie 50 Jahre lang sorgsam gehütet hatte, denn jetzt schon geöffnet hat. Zwei Monate vor der Zeit! Sie sah mich an und lächelte: „Ach, man weiß ja nie …“

 

 

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